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Nachruf

Hans Schifferle ist tot – Kinoliebe, kompromisslos.

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Das Verkannte im vermeintlich Bekannten: Zum Tod des Kritikers Hans Schifferle.

Vielleicht war Hans Schifferle der einzige bekannte Filmkritiker, der nie im Leben mit gewetztem Messer einen Verriss geschrieben hat. Man konnte sich nicht vorstellen, dass er sich aus Wut oder Enttäuschung derart in Rage hätte schreiben können. Seine Liebe zum Kino war über solch flüchtige Reflexe erhaben. Um es mit dem Pathos klassischer amerikanischer Songs zu formulieren, das er meisterlich in seine Texte schummelte: Das Kino hat mit dem Tod des Münchners einen seiner treuesten Liebhaber verloren.

Hans Schifferle schrieb seine besten Texte über das Verkannte im vermeintlich Bekannten: Über Hollywoods Genrefilme und B-Pictures, deren fast vergessenen Nebendarstellerinnen und -darsteller er mit punktgenauen Charakterisierungen lebendig hielt. Was das deutsche Kino betraf, schrieb er über die letzten Mavericks in einem ansonsten von den Vorlieben von Fernsehen und Förderung vernebelten Land. Junge Filmschaffende entdeckte er bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Neben der österreichischen Viennale war es sein liebstes Festival – in sicherer Entfernung von der glamourverliebten Filmwirtschaft und staatstragenden Filmpolitik.

Die wahre Avantgarde

Grundlagenforschung leistete er im filmhistorisch kaum erschlossenen Terrain der kurzlebigen Porno-Avantgarde der 60er und 70er – als die Vorspultaste des Videorekorders noch nicht den kunstvollen Dramaturgien den Krieg erklärt hatte. Für Schifferle gab es eine Beziehung zwischen analogem Filmmaterial und einem Überschuss an Sinnlichkeit, den er stets aufzudecken wusste. Aber auch in Klassikern entdeckte er einen verborgenen Mehrwert wahrer Avantgarde. In seinen liner notes zu einer DVD nennt er Blake Edwards’ Komödie „Der Partyschreck“ einen „der wenigen echten Experimentalfilme aus Hollywood. Eine Studie der Auflösung, ein Happening der Destruktion aus dem Geiste des Slapstick, von Edwards in Szene gesetzt als gewagte Bild- und Toncollage, als Selbstreflexion auch über Hollywood und das Filmemachen“.

1957 in München geboren liebte Schifferle seine Heimatstadt als Schauplatz der frühen Filme von Rudolf Thome, May Spils und Werner Enke, Marran Gosov, Roger Fritz oder Klaus Lemke. Selten in der deutschen Filmgeschichte fielen Kunst und Unterhaltung so glücklich zusammen, und Schifferle schien diesen Geist zu leben.

Wenn man sich mit ihm verabredete, kam er auf einer Ducati aus seiner beeindruckenden Motorradsammlung. Der frühe Tod des Vaters gab ihm einen Hauch Melancholie, das Erbe bescherte ihm aber auch eine in unserem Beruf seltene Unabhängigkeit: Auch wenn Hans Schifferle vielleicht nie ein böses Wort über einen Film geschrieben hat, hätten sich doch alle PR-Strategen der Filmwirtschaft die Zähne an ihm ausgebissen. Niemand hätte von ihm einen Text bekommen, den er nicht wirklich schreiben wollte. Nach langer Krankheit ist Hans Schifferle in München verstorben.

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