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Hans Prescher.

Hessischer Rundfunk

Zum Tod von Hans Prescher: Vom Glück des Ermöglichens

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Der frühere HR-Fernsehspielchef Hans Prescher ist tot.

Krimis sind meine Leidenschaft“, bekannte Hans Prescher einmal in einem Zeitungsinterview. Seine Liebe zum Unheimlichen und Grotesken konnte er überaus produktiv umsetzen, dieser Fernsehmann aus den Jahren, als in der Primetime nicht nur die „Tatort“-Kommissare noch gediegen und bedächtig – in der Regel frei von persönlichen psychischen Störungen – ermittelten, sondern auch Schillers „Don Karlos“ oder Kleists „Zerbrochner Krug“ ausgestrahlt wurden. Der langjährige Fernsehspielchef des Hessischen Rundfunks gehörte zu den wichtigsten Geburtshelfern der „Tatort“-Reihe, und er ließ jenseits der Ermittlungen des Frankfurter Kommissars Brinkmann weitere raffinierte, unterhaltsame Kriminalgeschichten drehen.

Anfang der neunziger Jahre wagte er zum Entsetzen der Buchhalter seines Senders eine elfteilige Verfilmung von Thomas Manns „Buddenbrooks“-Roman. Carl Raddatz, Martin Benrath und Ruth Leuwerik standen vor der Kamera, und Preschers enger Mitarbeiter Bernt Rhotert schrieb gemeinsam mit Regisseur Franz Peter Wirth das Drehbuch. Eine Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Systems.

Die lebhafte Ruhe

Ein hochgebildeter Citoyen war Hans Prescher. Begegnete man dem eine anregende, lebhafte Ruhe ausstrahlenden Fernsehspielchef auf den Fluren des HR, war man nach wenigen Minuten bei seinem Lieblingsautor Kurt Tucholsky, über den der Germanist, Theater- und Zeitungswissenschaftler einst in München promoviert hatte und später nicht nur ein feines kleines Buch veröffentlichte, sondern auch ein preisgekröntes Fernsehdokumentarspiel – mit dem wunderbaren Klaus Schwarzkopf als Tucholsky. Das Drehbuch („Sie rüsten zur Reise ins Dritte Reich“) schrieb Prescher selbst.

Denn der zweite Gedanke galt dann stets der Suche nach guten Drehbüchern. Prescher konnte lebhaft klagen, wie wenig Qualität der Markt da zu bieten habe, und war ein sichtbar glücklicher Mann, wenn er Autoren wie den damaligen „Bürgerschreck“ Gerd Winkler oder den bayerischen Polterer Franz Xaver Kroetz für HR-Verfilmungen gewinnen konnte.

Dieser so bürgerlich wirkende Sohn eines Forstmanns, 1930 in Pommern geboren, war ein leidenschaftlicher Demokrat. Tucholsky und der „Weltbühne“, dem Münchner „Simplizissimus“ aus den wilden zwanziger Jahren oder den Werken der großen Theaterautoren der Klassik und des Expressionismus galten seine ganze Liebe. Auch das verband ihn mit Regisseuren und Drehbuchautoren wie Volker Schlöndorff, Werner Herzog oder István Szabó – der HR war in Preschers Fernsehspielchef-Jahren an den preisgekrönten „Blechtrommel“- und „Mephisto“-Verfilmungen dieser Kinoregisseure beteiligt.

Prescher war ein überzeugter und überzeugender Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. 38 Jahre – zunächst als Redakteur, dann als Referent der Intendanten Eberhard Beckmann und Werner Hess und schließlich als Fernsehspielchef – hat er im Kreis der ARD-Sender eine ungemein kreative und mit Blick auf die Giganten WDR, BR und NDR eine für den HR prestigeträchtige Position besetzt.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 1994 zog er zurück nach München, die Stadt seiner Studienjahre. Er starb dort am vergangenen Sonntag im Alter von 89 Jahren.

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