TV-Kritik

ARD-Doku: Hannelore Kohl - „Die erste Frau“, die nicht im Weg stehen wollte

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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„Hannelore Kohl - Die erste Frau“ ist eine ARD-Doku über eine verwirrende Frau mit einem unbegreiflichen Schicksal. Die TV-Kritik.

  • TV-Kritik zur ARD*-Doku „Hannelore Kohl - die erste Frau“
  • Die ARD-Doku über Hannelore Kohl wird am Freitag (1.5.2020) um 18.30 Uhr ausgestrahlt
  • Der ARD-Dokumentation über Hannelore Kohl gelingt ein Kunststück

Bonn - Für jüngere Zeitgenossinnen war Hannelore Kohl (1933-2001) eine verwirrende Frau. Die Vorstellung, an der Seite Helmut Kohls das Leben zu verbringen: ein unbegreifliches Schicksal. Die Frisur und das Lächeln: Kunstprodukte aus einer vergangenen, unwirklichen Zeit. Jeder Mensch ist seine eigene Karikatur, aber sie warf den Zeichnern diese beiden enormen Brocken zu (die Frisur und das Lächeln). Was für ein Schutzschild das vielleicht war, begriff man erst später.

In einem Interview im Film sagt Hannelore Kohl gefasst: „Ich hätte gerne Mathematik und Physik studiert, das war mein Traum.“ Der frühe Tod des Vaters machte das finanziell unmöglich; Fremdsprachen, sagt sie, seien einfach schneller gegangen. Später half ihr das, man hört für Momente, wie sie geschmeidig Englisch und Französisch spricht. Später kommt Alice Schwarzer kurz zu Wort. Hannelore Kohls Ehe und Lebensentwurf seien damals eben ein „Auslaufmodell“ gewesen. „Darum hat es uns so hart getroffen, dass es dann so weiterging.“ Auch Schwarzer hat kein Bedürfnis, schlecht über Hannelore Kohl zu reden.

ARD-Duku über Hannelore Kohl: Diskret, aber nicht verlogen

Der interessanten Dokumentation „Hannelore Kohl – Die erste Frau“ von Stefan Aust und Daniel Bäumler gelingt insgesamt das Kunststück, diskret zu sein, ohne direkt verlogen zu wirken. Nicht verlogener jedenfalls, als es der Respekt vor der Privatsphäre plausibel macht. Das kann zu diplomatischen Formulierungen führen, wenn es um Helmut Kohls langjährige Sekretärin Weber geht. Und das Abwägen bei den Formulierungen fällt auch in existenzielleren Momenten auf: Der zwölfjährigen Hannelore sei bei der Flucht vor der Roten Armee in Richtung Westen „Gewalt angetan“ worden, heißt es am Anfang, wenn die geborgene Kindheit in Leipzig in Bombennächten endet.

„Hannelore Kohl – Die erste Frau“,  ARD, Fr., 18.30 Uhr.

Die Sprödheit, der Purismus in Bild und Wort hat seine Gründe: Teilweise stammt das Material aus einem vor Jahren geplatzten Dokudrama-Projekt. Produzent Nico Hoffmann hat es den beiden Autoren zur Verfügung gestellt. Das betrifft vor allem wohl die ausführlichen Interviews mit den Kohl-Söhnen Walter und Peter, neben den Bildern und kurzen Gesprächsausschnitten der Mutter das faszinierende Zentrum der Dokumentation. Das Scheitern des ursprünglichen Plans dürfte nahegelegt haben, nun etwas ganz anderes zu versuchen: Eine Spurensuche, die so dezent ist, wie Hannelore Kohl es sich gewiss gewünscht hätte. Ein Drama, undramatisch erzählt.

„Hannelore Kohl - Die erste Frau“ (ARD): Doku mit Purismus in Wort und Bild

Der abgeklärte, keineswegs humorlose Ton der Söhne – Peter: „Sie ist nicht auf die Welt gekommen, um CDU-Mitglied zu sein“ – trägt dazu entscheidend bei. Beide legen es nicht darauf an, den Vater (der zum Zeitpunkt der Gespräche noch lebte) vorzuführen. Sie zeigen wenig Bitterkeit, wenig Zuneigung und viel analytische Nachdenklichkeit ihm gegenüber, großartiges Dokument eines Mit-dem-Vater-fertig-Seins. Herrlich die kühlen Schilderungen der berüchtigten Wolfgangsee-Urlaube. Alles habe dazu gedient, den Vater wählbar zu machen, heißt es immer wieder. 

Zornig sind die Söhne darüber, dass sie und die Mutter für die Politik des Vaters in Haftung genommen wurden. Innig ihr Versuch, der Mutter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als der Frau, die sich um alles kümmerte, die alleinerziehend war, die ein anderes Leben wollte und doch bedingungslos ihrem Mann zur Seite stand. Als der Frau, die an ihrer Krankheit zerbrach und sich das Leben nahm. 16 Abschiedsbriefe sprechen nicht für eine Affekthandlung.

ARD-Doku: Hannelore Kohl und ein Lebensentwurf als „Auslaufmodell“

Schade, dass Aust und Bäumler ihrerseits nun nicht der Versuchung widerstehen, sehr große (schön bebilderte) Portionen Bonner und Berliner Geschichte zu erzählen. Dann sind die Herren wieder unter sich und läuft Hannelore Kohl am Rande mit. Oder gar nicht. Obwohl sie es so haben wollte, wäre es nicht unhöflich gewesen, das zu unterlaufen.

Von Judith von Sternburg

„Hannelore Kohl - Die erste Frau“ läuft am Freitag, 1.5.2020, um 18.30 in der ARD.

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