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Hanne (Iris Berben, li.) mit ihrer neuen Bekannten Uli (Petra Kleinert).

TV-Kritik

Iris Berben ist „Hanne“: Bewegender TV-Film von Dominik Graf

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Iris Berben bietet die Stationendramaturgie des Films die Chance, ihren Charakter der Hanne in schnellen Strichen zu zeichnen.

Die Zeit, die bleibt, wird den Menschen oft erst dann bewusst, wenn sie plötzlich absehbar ist. Am Tag, als Hanne (Iris Berben) in den Ruhestand verabschiedet wird, kommt ihr Chef bei einem Unfall ums Leben. Jahrelang war sie die rechte Hand der Geschäftsführung. Mit der Souveränität, die sie sich über all die Jahre in der Firma erworben hat, regiert sie jetzt auch auf den Tod ihres Vorgesetzten, mit freundlicher Distanz, bloß nicht heulen. Die Abschiedsrede, die er für sie hat halten wollen, trägt sie selber vor. Sie habe sie ja auch selber geschrieben, sagt sie. Die Situation retten, so hat sie das gelernt. Blumen, Sekt, Tschüss.

In der Exposition von Dominik Grafs Fernsehfilm „Hanne“ wird die Titelfigur als eine Person etabliert, die ihr Leben im Griff hat, wie man so schön sagt. Doch das ist natürlich eine Lüge, niemand hat sein Leben im Griff. Das Schicksal spielt auch noch mit und das ist ja, wie man weiß, ein mieser Verräter. Vor einem Routineeingriff, Hanne will sich als frisch gekürte Pensionärin endlich die Krampfadern operieren lassen, bittet sie der Arzt in ein gerade verfügbares Dienstzimmer. Es gebe „Auffälligkeiten“ im Blutbild, „könnte eine Leukozytose sein“. 

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Er verheddert sich in medizinischem Vokabular. „Wovon reden Sie?“, fragt Hanne. „Blutkrebs“, antwortet der Arzt. Noch sei es kein Befund. Am Montag könne er Genaueres sagen. Jetzt ist Freitag. Vor Hanne liegt ein langes Wochenende. „Sie sollten versuchen, sich abzulenken“, gibt ihr der Arzt noch mit. Und nicht ins Internet gucken. Das erste, was Hanne macht – sie googelt. Wenn es schlecht läuft, hat sie noch fünf Monate. Die Zeit, die bleibt.

Autorin Beate Langmaack wählte für „Hanne“ eine betont poetische Struktur

Die Autorin Beate Langmaack (Jahrgang 1957), deren Drehbücher für den „Tatort“, „Polizeiruf 110“ oder auch „Bella Block“ wiederholt prämiert wurden, allein viermal erhielt sie den Grimme-Preis, wählte für die Geschichte von „Hanne“ eine betont poetische Struktur. Der Film gliedert sich in Kapitel, die „Verabschiedet werden“ heißen oder „Einem Arzt zuhören“, oder „Die Maler haben“. Es sind Miniaturen, die sich nach und nach zu einem Porträt formen, in dem die wahre Persönlichkeit von Hanne immer stärker hinter dem Bild, das sie von sich hat, hervortritt. Sie lebt allein, ja, sie ist einsam, auch wenn sie das nie zugeben würde. Ihr Sohn (Trystan Pütter) ist erwachsen, hat nie Zeit. Aber sie hatte auch nie Zeit für ihn, sie kennt noch nicht mal seine Freundin, die schwanger ist. 

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Hanne hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann. Sie flieht vor einer Nachricht, der sie nicht entkommen kann. Noch zwei Tage Leben, bevor womöglich alles zu Ende geht. Die Ungewissheit als Katalysator für eine persönliche Inventur ist als erzählerisches Motiv nicht originell, aber sehr wirksam, rührt es doch an existenziellen Ängsten eines jeden. Der Defa-Film „Die Beunruhigung“ von 1982, in der eine Frau, gespielt von Christine Schorn, mit einer Tumordiagnose konfrontiert wird und daraufhin ihr Leben in Frage stellt, gehört mit 4,3 Millionen Zuschauern zu den meist gesehenen Kinofilmen der DDR überhaupt.

Rolle ist für Iris Berben ein Geschenk

Für eine Schauspielerin wie Iris Berben ist eine solche Rolle natürlich ein Geschenk, bietet ihr doch die Stationendramaturgie des Films die Chance, ihren Charakter der Hanne in schnellen Strichen zu zeichnen. Jede Episode, die das Drehbuch für Hanne bereit hält, offenbart andere Seiten an ihr. Vielleicht sind es sogar ein paar Seiten zu viel für diese zwei Tage. Die Kneipentour mit der lustigen Uli (Petra Kleinert), die Liebesnacht mit dem Ex (Herbert Knaup), die kokette Begegnung mit einem Muskelmann im Schwimmbad. All das signalisiert dem Zuschauer: Die immer so distanzierte Frau gibt sich preis.

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Iris Berben, die zuletzt schon in der Serie „Die Protokollantin“ die oft zitierten „neuen Seiten“ ihres Könnens zeigen konnte, gelingt es hier erneut, ihr glamouröses Image zurechtzurücken. Doch ist ihrem Spiel fast immer auch der Ehrgeiz anzumerken, diesem Rollenprofil wirklich gerecht zu werden. Selbst wenn sie sich gehen lässt, ist das ein kontrolliertes Sichgehenlassen. Da ist Iris Berben genau wie Hanne.

„Hanne“, Freitag, 7.6., 20.15 Uhr, Arte

Dominik Graf wendet sich hier wieder einer Beziehungsgeschichte zu, selbst wenn sie von fehlenden Beziehungen erzählt. Als Regisseur großer Polizeifilme bieten ihm Stoffe wie dieser nicht einfach nur einen Ausgleich zum Kerngeschäft. Es ist für ihn ein anderes Herangehen. Der Film sei vom Charakter getrieben nicht vom Plot, der Handlung, wie er in einem Interview äußerte. Er habe „Hanne“ als Reise inszenieren wollen und wer seine Filme kennt, wird sich eventuell wundern, wie vorhersehbar diese Reise dann doch verläuft. Erst ganz zum Schluss gibt es einen wahrhaften Graf-Moment. Hanne hat ihren zweiten Termin und wartet auf den Arzt. Die Frage ist ja, wie das alles ausgeht.

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