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Björn (Magnus Krepper) und Hanna (Marie Richardson) observieren aus ihrem Versteck heraus eine Rockergang. Führt diese Spur sie zu ihrem vermissten Kollegen Sven?

„Hanna Svensson: Blutsbande“, ZDF

Eine der bemerkenswertesten Serienproduktionen der jüngsten Zeit

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Erneut eine glückliche Wahl im Rahmen der internationalen ZDF-Koproduktionen: Die Serie „Hanna Svensson“ ist ein Hit.

Manche skandinavischen Schauspieler sind dem deutschen Fernsehpublikum mittlerweile fast so vertraut wie die einheimischen. Zumindest Krimifreunde dürften Marie Richardson und Magnus Krepper kennen. Die beiden Schweden spielten zuvor prominente Rollen in Serien wie „Die Brücke – Transit in den Tod“, „GSI - Spezialeinheit Göteborg“, „Kommissar Winter“. Der ehemalige Tänzer Krepper gastierte zudem in deutschen Produktionen, in Episoden der Reihen „Der Kommissar und das Meer“, „Unter anderen Umständen“ und „Lena Fauch“. Fast zwangsläufig, dass sich die Wege der beiden gefragten Mimen schon mehrfach kreuzten.

Von schauspielerischer Routine ist aber, anders als in etlichen deutschen Fernsehkrimis, nichts zu spüren, wenn Richardson und Krepper in der ZDF-Koproduktion „Hanna Svensson“ einmal mehr Ermittlerrollen einnehmen. Schon der Beginn weist die Titelheldin als tragische Figur aus. Sie ertappt ihren Sohn Christian (Adam Pålsson), wie er in einem Tanzclub Drogen verkauft. Die mütterliche Bindung unterdrückend, lässt sie ihn festnehmen. Hart wirkt sie da und mitleidlos. Aber im Auto, sie ist allein, fließen die Tränen.

Ein Ermittler verschwindet

Der Vorfall hat gravierende Folgen. Manche Kollegen meinen, Svensson sei zu weit gegangen. Sie wird zur Abteilung für Wirtschaftskriminalität versetzt. Nach knapp zweijähriger Haft kommt Christian wieder frei, meidet aber den Kontakt zur Mutter. Die unterhält mittlerweile eine heimliche Affäre mit dem anderweitig verheirateten Kollegen Sven Birgersson (Johan Hedenberg), der im Bereich Bandenkriminalität arbeitet und aktuell gegen zwei Rockergruppen ermittelt. Gegen die richtet sich dann auch der erste Verdacht, als Birgersson unter mysteriösen Umständen verschwindet. Er wollte eine Informantin namens Inez treffen und hatte Hanna Svensson von seinem Vorhaben unterrichtet. Sie ist es auch, die als erste eine Entführung vermutet.

Weil sie, wie sie gegenüber der Abteilungschefin Tina (Sofia Ledarp) nach und nach einräumen muss, ein enges Verhältnis zu Birgersson hatte, wird sie in die Ermittlergruppe berufen. Sehr zum Unwillen des Kollegen Björn (Magnus Krepper). Dann meldet sich der schwer verletzte Sven, der seinen Häschern entkommen konnte. Doch als die Polizisten Svens Unterschlupf erreichen, finden sie nur noch seine Leiche. Und die des Mannes, der ihm Hilfe geleistet hatte.

Spitzel auf beiden Seiten

Bald gibt es Hinweise, dass Svens Mörder über eine Gewährsperson innerhalb der Polizei verfügen. Hanna und Björn ermitteln gesondert von den anderen und verschweigen insbesondere die Existenz der Informantin Inez, zu der weiterhin Kontakt per SMS besteht. Mit der Zeit wird es immer schwieriger, dieses Geheimnis zu wahren. Hanna, Björn und Tina legen falsche Spuren, lenken die Ermittlungen in falsche Richtungen. Mit tragischen Folgen.

Hanna Svensson (Marie Richardson) und ihr Sohn Christian (Adam Pålsson) haben sich zu einem geheimen Treffen in einem Café verabredet.

Was Hanna zunächst nicht ahnt: Inez ist ein Mann – ihr eigener Sohn Christian, der sich in der Haft mit einem Mitglied des kroatischen Mimica-Clans angefreundet hatte. Nach der Entlassung arbeitet er im Restaurant der Familie in der Absicht, deren verbrecherische Aktivitäten zu entlarven. Er selbst hatte sich Sven als Informant angeboten. Und bleibt auch dabei, nachdem er von Svens Ermordung erfahren muss.

Ricky Gervais gab seinen Segen

Das Serienkonzept stammt von Niklas Rockström, der an allen Episoden als Autor oder Storyliner beteiligt war. Den Drehbüchern ist anzumerken, dass Rockström umfassende Erfahrungen aus dem Bereich der Dramaserie mitbringt. Unter anderem war er Autor und Storyliner der – nur dem Titel nach verwandten – Familienserie „Blutsbande“, die in Deutschland von Arte ausgestrahlt wurde.

Gerade der hohe Dramaanteil macht „Hanna Svensson“, im Original sehr viel sinniger „Bevor wir sterben“ betitelt, so spannend. Auf beiden Seiten, in den Reihen der Ermittler einerseits wie andererseits innerhalb der Familie Mimica, die mit machiavellistischen Winkelzügen danach strebt, den skandinavischen Drogenmarkt unter ihre Kontrolle zu bringen, herrscht ein Klima permanenten Lauerns. Ehrgeiz paart sich mit krankhafter Eifersucht. Verrat und Hinterlist beherrschen das Geschehen, es gibt gefährliche Liebschaften, versteckte Homosexualität. Die moralischen Grenzen zwischen Gesetzesbrechern und Vollzugskräften verwischen, schwinden, lösen sich auf.

Hohe Anerkennung verdient, dass Rockström und sein Koautor Wille Behrman über zehn sechzigminütige Folgen hinweg – für die ZDF-Ausstrahlung zusammengefasst zu fünf Teilen á hundertzehn Minuten – zu fesseln vermögen. Die Handlung nimmt immer neue Wendungen und bleibt dabei weitgehend plausibel. Dank seiner erzählerischen Finesse kann das Autorenteam auf die billigen Reiz- und Schock-Elemente des erzählerischen Affektfernsehens verzichten. Am Ende gibt es eine Drehung zu viel, dennoch ist „Hanna Svensson“ eine der bemerkenswertesten Serienproduktionen der jüngsten Zeit. In Schweden verzeichnete der Sender SVT Einschaltquotenrekorde, in Großbritannien kam es 2018 zu Binge-Watching-Exzessen, vor allem nach einer Empfehlung des renommierten Autors, Schauspielers und Komikers Ricky Gervais („The Office“), der bei Twitter schrieb: „Habe gerade eines der besten Polizeidramen aller Zeiten gesehen.“

Und das Kapitel ist nicht abgeschlossen: Der federführende schwedische Sender SVT hat eine zweite Staffel in Auftrag gegeben und plant eine Ausstrahlung für den Herbst 2019.

Das ZDF zeigt „Hanna Svensson: Blutsbande“ ab Sonntag, 24.2., 22:00 Uhr im Hauptprogramm. Die einstündigen Folgen können in der ZDF-Mediathek abgerufen werden.

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