Da war Brusthaar noch erlaubt: Konzertauftritt der Bee Gees.
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Da war Brusthaar noch erlaubt: Konzertauftritt der Bee Gees.

"Das ABC der Rock-Tabus" (Arte)

Zur Hälfte überflüssig

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Arte befasst sich in einer zweiteiligen Musikdokumentation mit Abba, den Bee Gees und den Carpenters. Der erste Teil heißt "Das ABC der Rock-Tabus" - und ist eine Mogelpackung.

Hier ist eine Warnung angebracht: Bei dem Film „Das ABC der Rock-Tabus“ handelt es sich um eine Mogelpackung. Das Autorenteam Nicolas Maupied, Fabien Bouillaud und  Stéphane Davet knöpft sich drei Größen der Popmusik vor: Abba, The Bee Gees, die Carpenters. Auf den ersten Blick ein wenig willkürlich, hätte man doch, um mal willkürlich ins Regal zu greifen, auch die Archies, Bay City Rollers und Shaun und David Cassidy nominieren können. Fünfzig Minuten Sendezeit werden darauf verwendet, den Unwert der genannten Interpreten herauszuarbeiten und die Verachtung, die ihnen zu den Hochzeiten ihrer Karrieren entgegengebracht wurde. Demnach waren sie bei allen unten durch. Kritiker schmähten oder ignorierten sie, Musikerkollegen hämten, das Publikum wertschätzte andere, progressivere Bands und Sänger. Was allein schon stutzen machen muss, denn wie konnten unter diesen Umständen millionenfache Plattenumsätze zustande kommen?

Die Carpenters, Bruder und Schwester, werden als „Karikaturen des artigen, verklemmten Klassenbesten“ beschrieben. Bei den Bee Gees schaut man auf die Garderobe, die engen Hosen der Gebrüder Gibb werden als Ausgrenzungsmerkmal herausgestellt. Wer das allerdings lächerlich findet, werfe doch mal einen Blick auf Robert Plants zeitgenössische Oberschenkelbespannung … Oder auf Mick Jaggers zirkusbuntes Beinkleid, das er auf der 1982er Tour zu tragen sich erkühnte.

Die Definition von Coolness

Hier wird die Rezeption vorsätzlich auf Widerwillen und Abneigung verengt und diese Reduktion dann wiederum ganz groß aufgebauscht. Als Zeitzeuge verspürt man den Drang zum Zwischenruf. Gewiss, es gab Tiraden gegen Abba und die Bee Gees. Ein eigenes Beispiel: Als der DJ einer Rock-Diskothek in den Siebzigern zur Freude des Publikums einen Titel vom „Saturday Night Fever“-Soundtrack auflegte, wurde er hernach zum Besitzer zitiert und musste sprachlos mitansehen, wie der Chef die LP wütend zerknickte. Der eine Teil der Geschichte. Andererseits ist es aber nicht selten ein bestimmter Typus, der durch Herabsetzung anderer das eigene Selbstwertgefühl zu steigern versucht. Die Filmautoren sprechen immer wieder davon, es sei nicht „cool“ gewesen, Abba zu hören. In Wahrheit verhält es sich anders. Jemand mit natürlicher Autorität und angeborener Coolness hatte kein Problem damit, sich zu Abba zu bekennen. Der Verfasser dieser Zeilen hatte in den Achtzigern Gelegenheit, den mittlerweile verstorbenen Lemmy Kilmister, Rädelsführer der stilprägenden Rock ‘n‘ Roll-Band Motörhead – am Wallfahrtsort Wacken hat man ihm ein Denkmal gewidmet –, zu interviewen. Dieser verwegen auftretende, im Gespräch höfliche und gegenüber den anwesenden Damen regelrecht galante Mensch bekundete frank und frei, dass er gerne Abba-Platten höre. Und wusste überaus fachmännisch die kompositorischen Feinheiten dieser Musik zu kommentieren. – Das ist Coolness.

Verzerrte Perspektive

Beim Betrachter dieses Films also entsteht ein verzerrtes Bild. Fragwürdig genug. Aber dann schieben die Autoren einen zweiten Teil nach – ausgestrahlt wird er am Freitag, 8.12. um 21:50 Uhr –, in dem sie all das Gesagte über den Haufen werfen. War alles gar nicht so gemeint. Dort, dieser Film ist bezeichnenderweise mit „Das ABC der Rockjuwelen“ überschrieben, zeigen sie auf, welche Qualitäten die Musik von Abba, den Bee Gees und den Carpenters besitzt und lassen behufs dessen namhafte und fachkundige Zeugen zu Wort kommen: Brian Eno war fasziniert von Abbas „Fernando“, Jarvis Cocker liebt „The Day Before You Came“. Feingeist Neil Hannon von The Divine Comedy erklärt die kompositorische Finesse von „Gimme! Gimme! Gimme!“. Abba-Mitglied Björn Ulvaeus berichtet von Respektsbekundungen von Led Zeppelin und Pete Townshend. Boring old farts, könnte man einwenden. Dann aber kommen auch noch die Sex Pistols, Joe Strummer von The Clash, U2 und Elvis Costello ins Spiel, der Abbas „Knowing Me Knowing You“ coverte.

Aufgezeigt wird, dass die Songs der Bee Gees auch im Hardrock-Stil funktionieren. Und dann gab es diese psychedelisch-epische Phase in der Geschichte der Band mit elegischen, orchestralen, sphärischen Miniopern. „Melodien für die Ewigkeit“, urteilt Neil Hannon.

Dieser zweite Teil der französischen Produktion also besitzt Relevanz. Hier haben die Beteiligten etwas zu sagen. Der erste dagegen war völlig verschenkt, den unnötig gespreizten Inhalt hätte man auf wenige Minuten verkürzen und dem eigentlichen Film voranstellen können. Eine sonderbare Machart. Die hoffentlich keine Nachahmer findet.

„Das ABC der Rock-Tabus“, Arte-Mediathek. Die Fortsetzung „Das ABC der Rockjuwelen“ am Freitag, 8.12.2017 um 21:45 Uhr bei Arte und anschließend in der Mediathek.

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