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Nora, Marie Leuenberger, ihre Familie und die Mode der Zeit. Beachten Sie auch den hereinragenden Citroën DS.
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Nora, Marie Leuenberger, ihre Familie und die Mode der Zeit. Beachten Sie auch den hereinragenden Citroën DS.

"Die göttliche Ordnung"

Sie haben keinen Slogan, aber die Nase voll

  • vonSusanne Lenz
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Petra Volpes großartiger Film "Die göttliche Ordnung" erzählt vom langen Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht. Am Ende geht es nicht um Gesetze, sondern um die gelebte Wirklichkeit.

Das ist alles noch gar nicht so lange her: gemusterte Tapeten, gelb-braun karierte Pantoffeln, klobige Röhrenfernseher, vor denen man den Abend gestaltet, die Frauen strickend. Farben, Möbel, Kleidung beschwören die Enge dieser Zeit herauf. Und die Art, wie sich die Menschen bewegen, langsamer irgendwie. Dieser Film rekonstruiert den Zeitgeist aufs Sorgfältigste und höchst wirkungsvoll. 

Wir schreiben das Jahr 1971, in einem Dorf im schweizerischen Appenzell. Hier lebt Nora Rockstuhl (umwerfend: Marie Leuenberger) mit ihrem Mann Hans (Max Simonischek), den beiden kleinen Söhnen und dem Schwiegervater, der gnädig die Füße hebt, damit Nora mit dem Staubsauger darunterfahren kann. Beim Abendessen braucht er ihr nur die leere Bierflasche hinzuhalten, damit sie zum Kühlschrank geht, um eine neue zu holen. Dieser Film wirft ein grelles Licht auf die reaktionären Verhältnisse dieser Zeit, und sie existierten nicht nur in der Schweiz.

Hans ist Schreiner, Nora Hausfrau. Eines Tages steht sie in der Waschküche und schaut zu den vielen Strümpfen hoch, die sie gerade aufgehängt hat. Ihr Blick besagt: Das kann nicht alles gewesen sein. Die Revolution beginnt harmlos. Die Söhne werden zum Abtrocknen aufgefordert und Nora liest Stellenanzeigen. Sie möchte wieder arbeiten gehen in dem Reisebüro, in dem sie vor der Heirat Sekretärin war. Doch ihr Mann ist dagegen. Und er hat die Macht, dieses Verbot auszusprechen.

Bis 1988 waren Männer in der Schweiz laut Gesetz nicht nur Herr über das Geld in der Familie – und welche fatalen Folgen das haben konnte, zeigt eine andere Filmfigur –, eine verheiratete Frau durfte zudem nur mit Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen. Der Keim zu Noras Politisierung ist gelegt. Sie beginnt, sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen, das es in der Schweiz erst seit 1971 gibt, ein enormer Schritt in der konservativen dörflichen Welt, deren Straßen sie bisher nur mit Kopftuch betreten hat.

Noch ein weiteres Thema streift die Regisseurin: die „administrative Versorgung“, die in der Schweiz praktiziert wurde. Jugendliche und Erwachsene, die den Behörden negativ auffielen, konnten ohne Gerichtsurteil in Arbeitsanstalten gesperrt werden. Bis 1981 war das so. Im Film trifft es Noras Nichte, dargestellt von der tollen Ella Rumpf, die man zuletzt in „Tiger Girl“ gesehen hat. Sie trägt Miniröcke, haut von zu Hause ab und zieht zu ihrem Freund. Das genügt. Das Thema wäre einen eigenen Film wert. 

„Das Private ist politisch“, diesen Slogan aus der 68er-Bewegung erfüllt die Regisseurin Petra Volpe ohne Schaum vor dem Mund mit Leben. Die einfachen Dorffrauen sind Symbole dafür, aber sie sind auch Persönlichkeiten und sie haben keine Slogans. Ihre Argumente beziehen sie aus ihren Lebensumständen und diese sind empörend. Beim Zuschauen kann man sich jedoch nicht diesem Affekt überlassen, und das ist eine Qualität des Films, in dem es dazu zu viel Komik gibt, etwa wenn drei Dörflerinnen bei einem Seminar in Zürich ihre Vagina betrachten. Nora, die noch nie einen Orgasmus hatte, entdeckt einen Tiger zwischen den Beinen. Es geht bei der Emanzipation eben nicht nur ums Wahlrecht. 

Es gibt im Film auch viele tragische Momente, nicht nur für die Frauen. Auch Männer können an der starren Rollenverteilung zerbrechen. Und die erbittertste Gegnerin der Abschaffung der „göttlichen Ordnung“ ist selber eine Frau, sie führt den örtlichen Holzverarbeitungsbetrieb. Dass Frauen in Führungspositionen nicht unbedingt Frauen fördern, ist ja bis heute so.

Der Film behandelt vielleicht die Vergangenheit, aber so vergangen ist diese gar nicht, weder in der Schweiz noch in Deutschland, noch irgendwo anders auf der Welt. Am Ende geht es nicht um Gesetze, sondern um die gelebte Wirklichkeit. Und wenn man aus diesem Film kommt, ist man voller Energie und bereit, sich diese vorzunehmen. 

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