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Ellar Coltrane als Mason, im „Jahr 4“ der Dreharbeiten.

Kino

Die Gunst der Minute

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Noch nie gab es einen Film wie „Boyhood“, Richard Linklaters über zwölf Jahre hindurch erzählte Geschichte einer Jugend.

Es heißt immer, man solle den Augenblick nutzen, aber ist es nicht eigentlich umgekehrt? Sind es nicht eher die Momente, die sich uns aussuchen?“ Es ist die letzte Minute in Richard Linklaters Zweidreiviertelstundenfilm „Boyhood“, in der eine College-Studentin diese Entdeckung vor malerischer Naturkulisse macht – und sie gleich dem neuen Kommilitonen mitteilen muss, mit dem sie gerade den Sonnenuntergang betrachtet. Der hat das Gebot der Minute noch nicht ganz begriffen, und bevor er sie noch küssen kann, kommt ihm schon der Abspann dazwischen. Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig immer zu früh.

So endet, ohne dass wir allzu viel davon verraten hätten, Richard Linklaters „Boyhood“, einer der besten Filme über das Erwachsenwerden seit François Truffauts Jugenddrama „Sie küssten und sie schlugen ihn“ von 1959. Mehrfach kehrte der Franzose nach seinem Erstlingswerk zurück zu dessen Protagonisten Antonie Doinel, stets verkörpert vom mit ihm alternden Darsteller Jean-Pierre Léaud. Viele Filmemacher, die ihren Figuren über viele Jahre treu blieben, haben sich daran ein Vorbild genommen. Auch Richard Linklater mit seinen beiden Fortsetzungen der Liebesgeschichte „Before Sunrise“. Doch was er hier geschaffen hat, passt in keine noch so großen fremden Fußstapfen und ist einzigartig in der Filmgeschichte.

Über einen Zeitraum von zwölf Jahren drehte der amerikanische Independentfilmer in seiner texanischen Heimatstadt Austin alljährlich neue Szenen einer Geschichte, die für sich genommen so banal ist wie das Leben selbst – das Heranwachsen in einem amerikanischen Mittelschichts-Milieu. Und doch nie mit solcher Ausdauer in einem einzigen Film erzählt worden ist.

Der von Ellar Coltrane gespielte Mason ist anfangs sechs, in den letzten Bildern, die im Herbst 2013 entstanden, achtzehn. Doch anders als vielleicht erwartbar wäre, entstand keine Serie einzelner Episoden sondern ein geschlossener Einzelfilm. Die Übergänge sind fließend, und manchmal dauert es einen Augenblick, bis wir die fehlende Zeit zwischen den Lebensmomenten registriert haben. Es ist ein Spielfilm so sehr wie ein Dokumentarfilm, denn was Linklater erfunden hat ist untrennbar von der Beobachtung der tatsächlichen Entwicklung des jungen Hauptdarstellers. Welcher Filmemacher würde Linklater nicht um dieses Traumprojekt beneiden, das auch der Ausdauer seines Produzenten John Sloss zu danken ist, diesem guten Geist des amerikanischen Independentfilms. Und natürlich der Nebendarsteller: Patricia Arquette und Ethan Hawke in der Rolle der Eltern, Linklater-Tochter Lorelei als Schwester Samantha.

So viel Ernst und Heiterkeit

Trotz des ewigen Sommers, in dem die Geschichte zu spielen scheint – richtig kalt wird es in dem Sonnenstaat ja nie – schlägt der Film von Beginn an zugleich ernste Töne an. Die Trennung der Eltern ist schon in den ersten Szenen beschlossene Sache; vorausgegangene Streitigkeiten sind nur aus den Gesprächen der Kinder zu entnehmen. Sie leben fortan bei der Mutter, die ein Studium aufnimmt und als Geisteswissenschaftlerin schließlich den Beruf findet, den sie sich schon immer gewünscht hat. Weniger Glück hat sie in ihren beiden folgenden Ehen mit Männern, die zwar deutlich bodenständiger sind als der Vater ihrer Kinder, aber zu häuslicher Gewalt neigen.

Es ist schon erstaunlich, wie viel Ernst man in einen so heiteren Film packen kann, wie viel Nachdenklichkeit eine so spielerische Unternehmung verträgt. Was mag geplant sein an dieser Geschichte, was hat sich auf dem Weg ergeben? Je weiter wir diesem sich vor unseren Augen knüpfenden Teppich folgen, desto mehr staunen wir über das einfache Wunder des Erzählens selbst. Aber auch das Leben zeichnet sich ja nun einmal dadurch aus, dass es zahllose lose Enden hat und man niemals weiß, wie es ausgehen wird. Es ist wohl wirklich so, dass sich die Augenblicke uns aussuchen und nicht umgekehrt. Vor allem bei Filmdreharbeiten ist die Gunst der Stunde alles. So ist „Boyhood“ auch ein Film über das Wunder des Kinos in der Spätphase seiner Geschichte – gedreht auf Zelluloid, vorgeführt auf digitalem Träger. Wie in so vielen seiner Arbeiten, wie in der „Before Sunrise“-Trilogie oder dem Animationsfilm „Waking Life“, macht Linklater dabei Lebensphilosophie zu Kinophilosophie.

Indem dieser Film das Medium seiner Erzählung so sichtbar macht, uns ständig nach Brüchen suchen lässt, bleiben wir beim Zuschauen stets wacher als gewohnt. Und doch denken wir dabei weniger über die sichtbaren Schnitte eines Films nach als über die unsichtbaren Schnittstellen des Lebens. Und natürlich können die Figuren bei Linklater gar nicht anders, als sich darüber ebenfalls wortreich auszutauschen. Bis zu jener letzten Szene, in dem der Junge im Mittelpunkt der Geschichte nach einer herben Enttäuschung endlich das Mädchen gefunden zu haben scheint, das zu ihm passt.

Aber wer kann das schon genau sagen bei einem Film, der einfach immer weiter geht? Und ganz bestimmt mit seinem Abspann noch nicht endgültig vorbei sein kann.

Boyhood. Regie: Richard Linklater.
USA 2014. 164 Min.

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