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Günter Lamprecht ist tot: Nachdenklich und nahbar

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Von: Harry Nutt

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Maria Schell und Günter Lamprecht in der TV-Verfilmung des Friedrich-DürrenmattStücks „Der Besuch der alten Dame“.
Maria Schell und Günter Lamprecht in der TV-Verfilmung des Friedrich-DürrenmattStücks „Der Besuch der alten Dame“. © Keystone/EPA/dpa

Durch Filme von Rainer Werner Fassbinder wurde er berühmt: Der Schauspieler Günter Lamprecht ist tot.

Einer der Filme, die in den 70er Jahren unter dem Label Neuer Deutscher Film liefen, war Erwin Keuschs „Das Brot des Bäckers“, ein typisches Beispiel für das Genre. Günter Lamprecht spielt darin den Bäckermeister Baum, der alle Mühe hat, seinen kleinen Handwerksbetrieb gegen die Konkurrenz der Industrieware aus den Supermärkten über Wasser zu halten.

Zu dieser Zeit strömten dutzendweise junge Regisseure aus, die Alltagswelt gleich um die Ecke zu erkunden. Das Bedürfnis nach Authentizität fegte die Heile-Welt-Klischees weg, die das deutsche Kino seit den 50er Jahren dominiert hatten. Und obwohl viele dieser Filme auf dokumentarische Nüchternheit setzten, waren nicht zuletzt Akteure gefragt, die über klassische Bühnenerfahrung verfügten.

Günter Lamprecht hatte da einiges zu bieten. Nach einer Ausbildung an der Berliner Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel erhielt der 1930 in Berlin geborene Sohn eines Taxifahrers Mitte der Fünfziger erste Rollen bei Erwin Piscator am Berliner Schillertheater. Später siedelte Lamprecht nach Westdeutschland über, wo er Engagements in den Ensembles des Bochumer Schauspielhauses und des Theaters Oberhausen annahm.

Die Leidenschaft, die Günter Lamprecht für seine frühen Rollen aufbrachte, muss derart überzeugend gewirkt haben, dass er, nachdem er zufällig in ein Faschingsfest der Bäckerinnung hineingeraten war, dort sogleich als Berufsgenosse angenommen und zum Ehrenbäcker ernannt wurde. Seine unprätentiöse Nahbarkeit war zugleich ein wichtiger Teil seines schauspielerischen Potenzials.

Eine für seine Laufbahn sehr viel prägendere Begegnung hatte sich bereits in den früheren 70er Jahren ereignet. Rainer Werner Fassbinder, das Enfant terrible des jungen Films, besetzte Lamprecht zunächst in einer Nebenrolle des Science-Fiction-Films „Die Welt am Draht“ und ein Jahr später in dem Film „Martha“ mit Margit Carstensen und Karl-Heinz Böhm. Damit gehörte er zur Fassbinder-Familie, die nicht zuletzt durch starke Frauen wie Hanna Schygulla, Ingrid Caven und Barbara Sukowa und markante Männergesichter wie Klaus Löwitsch, Gottfried John und Ivan Desny geprägt war.

Er war Franz Biberkopf

Die Fassbinder-Rolle, die sein Leben veränderte, übernahm Lamprecht 1980 in der 14-teiligen TV-Verfilmung von Alexander Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Die Herausforderung bestand dabei nicht allein darin, den grobschlächtigen und naiven Franz Biberkopf zu verkörpern, der sich trotz aller Bemühungen, nach einem Gefängnisaufenthalt ein guter Mensch zu werden, nicht gegen den Sog der Großstadt zur Wehr zu setzen vermag. Schauspielerisch bestand das Kunststück vielmehr darin, die übermächtige Interpretation der Figur zu verdrängen, die Heinrich George in der Verfilmung von 1931 hinterlassen hatte. Lamprecht verlieh seinem Franz Biberkopf eine george-ähnliche Vitalität, gab ihm aber eine Nachdenklichkeit und Tiefe bei, die sich auf einzigartige Weise mit der zeitlich gedehnten Seriendramaturgie Fassbinders verband.

Lamprecht und Fassbinder waren einander auch menschlich nah. So schildert der Schauspieler eine Begegnung vom Juni 1982 in der legendären West-Berliner Paris Bar, in der beide bedauerten, in der trubeligen Umgebung eines Empfangs der Produzentin Regina Ziegler nicht ausführlicher miteinander sprechen zu können. So blieb es bei einer herzlichen Umarmung und der Mahnung an den Regisseur, sich einmal richtig auszuschlafen. Fassbinder winkte lächelnd ab. Ein paar Tage später erfuhr Lamprecht durch den Anruf eines Journalisten, dass Fassbinder infolge eines plötzlichen Herzstillstandes gestorben war.

Günter Lamprecht gehörte da bereits zur ersten Riege deutscher Schauspieler, er übernahm viele Charakterrollen, gab aber immer wieder auch Gastspiele im Tatort, für den er zwischen 1991 und 1995 insgesamt acht Mal auch den Berliner Hauptkommissar Franz Markowitz spielte. Eine Herzensangelegenheit war ihm der Film „Epsteins Nacht“, der die Lebensgeschichte dreier Berliner Juden erzählt und in dem er zusammen mit Bruno Ganz und Mario Adorf vor der Kamera stand.

Bei dem Amoklauf eines jugendlichen Täters wurde Lamprecht 1999 in Bad Reichenhall angeschossen, wovon er sich nur langsam erholte. Zuletzt konnte man Lamprecht in einer kleinen Rolle in der Serie „Babylon Berlin“ sehen, die nicht nur ihn an „Berlin Alexanderplatz“ erinnert haben dürfte. Im Verlag Kiepenheuer & Witsch ist eine zweiteilige Autobiografie des großen Schauspielers erschienen, der nun in Bad Godesberg im Alter von 92 Jahren gestorben ist.

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