Reinhold Beckmann in seiner Sendung.
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Reinhold Beckmann in seiner Sendung.

TV-Kritik "Beckmann"

Nur gucken, nicht anfassen

Wie ist die Lage in Haiti? Wird es bei uns eine Krippenplatzgarantie geben? Warum zieht Simone Thomalla sich für den Playboy aus? Nur drei von x Fragen, die Beckmann seinen Gästen stellte. Von Arno Widmann

Von Von Arno Widmann

Wie ist die Lage in Haiti? Wird es tatsächlich eine Krippenplatzgarantie in Deutschland geben? Warum zieht Simone Thomalla sich für den Playboy aus? Nur drei von (ich habe leider nicht mitgezählt) wie viel Fragen, die Reinhold Beckmann seinen Gästen stellte. Man hat das Gefühl, um zu verhindern, dass der Zuschauer zappt, zappen die Sendungen selbst. Jeder Versuch, eine Frage mit mehr als drei Sätzen zu beantworten, wird mit Wortentzug und abruptem Themenwechsel bestraft.

Was geschieht nach den Hilfsaktionen? Fragt Beckmann zu Recht. Scholl-Latour hat keine Antwort, aber er formuliert, dass das zentrale Problem Haitis nicht das Erdbeben, sondern die Politik ist. Da interveniert der freundliche, gut präparierte Moderator und fragt nach Doktor Tinnermann (?), einem Mann, der sich hohe Verdienste für Haiti erworben hat durch den Bau - wenn ich recht verstanden habe - zweier Schulen. Und schwupp ist man wieder weg von einem allerersten Schritt dazu, sich das Problem, die Lage klarzumachen, wieder drin in der ach so wohligen Emotion.

Eine Teilnehmerin der Runde bedauerte, dass man Haiti jetzt nur als Katastrophe kennen lerne und nicht in seiner Schönheit: "Die Menschen sind so toll! So warme, so herzliche Menschen!"

Rührung. Sie blickt in freundliche Augen. Kein Griesgram, der ihr sagt, dass eben diese warmen, herzlichen Menschen, die sie da in einem Slum kennen gelernt hat, womöglich ihr Geld als Drogendealer verdienen. Es sind doch noch Kinder! Ja, auch die sind Verbrecher. Das ist doch gerade die Tragödie. Keiner fragt den Mann, der seit zwanzig Jahren eine sicher bewunderswerte caritative Arbeit in Haiti leistet, nach den Gründen, warum es mit Haiti seit Jahrzehnten nicht besser, sondern schlechter wird. Sieht er einen Ausweg? Seine Arbeit hilft dem einen oder anderen. Sie hilft auch ihm. Aber dem Land hilft sie nicht. Auch dass wir alle bessere Menschen werden müssen - das wissen wir - ist kein Ausweg. Wem drückt man das Geld, wem die Baugenehmiguing, wem die Lizenz für den Bau einer Wasserleitung in die Hand? Fragen, die zu stellen, angesichts der Not der Opfer, als lästerlich gilt. Die aber gestellt werden müssen, wenn man wenigstens ein wenig Hoffnung haben möchte, dass die Opfer nicht Opfer bleiben.

Aber für solche Fragen - sagen mir die Kenner - ist eine solche Sendung nicht da. Es geht gerade nicht darum, sich klar zu werden. Es geht um ein wenig Erregung, um den süßen Kitzel der Empathie. Als besserer Mensch soll man sich fühlen dürfen. Ich hätte nichts dagegen. Aber das Gefühl stellt sich bei mir nicht ein, wenn man mir nicht einmal die kleinsten Hinweise gibt, was wirklich in der verfahrenen Lage zu tun sei. Ich fühle mich nicht wohl, sondern für noch dümmer verkauft, als ich eh schon bin.

Dann das Gezappe. Jedes Thema wird als groß und bedeutend dargestellt, und gleichzeitig ist es nie mehr wert als ein paar Sätze.

"Nur gucken, nicht anfassen" ist der Simone-Thomalla-Satz. Es ist auch der Satz, der ihre Nacktfotos im aktuellen Playboy vorstellt. Es ist der Satz, nachdem diese Art Sendung funktioniert. Ein Blick hierhin, einer dorthin. Niemals sich mit etwas wirklich befassen, niemals ran, sondern immer der weite Abstand des Auges. Darum braucht diese Art Sendung auch keine Experten mehr. Die stören. Interessant ist, dass sie aber Menschen braucht, die anfassen. Irgendwo. So wird Nähe hergestellt. Der Zuschauer bekommt kein Bewusstsein der Lage, aber ein Gefühl für die Situation. Wer empfindlich ist gegen Süße, den könnte es ekeln.

Dennoch fallen Sätze, die sich einsenken ins Bewusstsein des Zuschauers. Zum Beispiel der der Familienministerin Kristina Köhler, dass im Durchschnitt ein Bundesrepublikaner acht Jahre lang ein Pflegefall ist. Glück gehabt, denkt der, dessen Mutter nach nicht einmal einem Jahr starb. Er denkt es und es ist ihm peinlich, dass er es denkt. Aber froh ist er auch.

Beckmann, ARD, 22.45 Uhr

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