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Ein Bergmann in den frühen Jahren der Steinkohleförderung.

"Die Steinkohle", Arte

Der Grundstein für Europa

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Arte erzählt in einem zweiteiligen Dokumentarfilm die Geschichte des Industriezeitalters anhand der Steinkohle-Gewinnung.

Eine Welt geht unter. Aber niemand will es so recht bemerken. Denn die Welt ist nur noch eine Randerscheinung, lokal begrenzt zudem auf ein paar Quadratkilometer in Deutschland, tief im Westen. Aber diese Welt hat vordem die Geschicke von Millionen Menschen gelenkt, ja einst sogar den gesamten Globus beeinflusst: der Bergbau. 

Am 21. Dezember wird die letzte noch arbeitende Steinkohlen-Zeche der Republik schließen, Prosper Haniel in Bottrop. Arte zeigt aus diesem Anlass einen zweiteiligen Dokumentarfilm von Jobst Knigge und Manfred Oldenburg über die Geschichte des Steinkohlen-Abbaus, die zugleich eine Geschichte des Industriezeitalters ist.

Abschied vom Bergbau: Ende des Industriezeitalters

Und der Abschied vom Bergbau ist, nach Meinung der Autoren sicherlich, ein untrügliches Zeichen auch für das Ende dieses Zeitalters. Denn mit der Gewinnung der Steinkohle vor rund 250 Jahren verschafften sich die Menschen eine Energiequelle, die ihre Arbeit und damit ihre Existenz grundlegend verändern sollte. Die Dampfmaschine, mit Kohle betrieben, läutete die industrielle Revolution ein; auf Räder gesetzt erweiterte sie als Eisenbahn unser Raumgefühl, unseren Wirkungsbereich – unseren Horizont. 

Das „Drachenfutter der Industrialisierung“ nennt ein Bergmann im Film die Steinkohle, und die Bezeichnung trifft es genau in ihrer Assoziation von Bedrohung. Denn die Maschinen, die damit gefüttert wurden, spuckten zwar Reichtümer aus und erleichterten das Leben so vieler, aber sie fraßen auch die, die das „Schwarze Gold“ gewannen – die Bergleute. 

Knigge und Oldenburg entwickeln in ihrer hervorragenden Arbeit mit abwechslungsreichen Sequenzen und unzähligen Bildern, mit filmischen Raritäten und Entdeckungen diesen zweiten Prozess der Zivilisation. Sie gehen historisch vor, versetzen die Schilderungen von damals dabei stets mit Aussagen von Experten, zu denen hier vor allem die Betroffenen gehören, die Bergleute.

Wie ihre Tätigkeit und ihre Sprache („Glück auf“ bedeutet die Hoffnung auf sich öffnende Adern mit Kohle oder Erz), so ist auch ihr Berufsstand insgesamt geprägt von besonderem Charakter. Die gefährliche Arbeit unter Tage, wo Stollen-Einstürze oder Schlagwetterexplosionen drohten, verlangte extreme Aufmerksamkeit und Rücksicht auf den Kollegen. 

Das so entstandene Gefühl der Gemeinschaft brauchten die „Kumpel“ dann auch gesellschaftspolitisch, als es um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen ging. Die sozialen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts wurden nicht zuletzt von den Bergleuten gegen die Grubenbesitzer erstritten. Die nicht zufällig so genannten „Ruhrbarone“ (nicht nur die Familie Krupp) erwiesen sich als besonders hartherzig, heißt es im Film.

Heraklits These, der Krieg sei der Vater aller Dinge, ließe sich, folgt man der Argumentation in diesem Film, ergänzen durch den Satz, die Energie sei die Mutter aller Dinge. Denn die durch die Steinkohle gewonnene Energie wird ebenfalls das Elixier für die Herstellung von Stahl und damit auch die Produktion von Waffen. So kann der Erste Weltkrieg zur Materialschlacht werden; so besetzen die Franzosen nach der Niederlage des Deutschen Reichs 1923 das Ruhrgebiet, um als „Reparation“ dessen Kohlevorkommen auszubeuten. So blüht der Bergbau wieder auf, als die Nationalsozialisten die nächste Katastrophe des 20. Jahrhunderts vorbereiten ... 

Aber als Hitlers Terror-Regime besiegt war, waren die Sieger so klug, die Geschichte nicht zu wiederholen – im Gegenteil: Sie gründeten mit der jungen Bundesrepublik ein Bündnis, das sich um die Nutzung der Steinkohle bemühte, die Montan-Union. Der Grundstein für die EU bestand aus: Kohle. Ohnehin bauten die Bergleute in Europa, von Wales bis nach Schlesien, am gleichen Flöz. Die Kohle verband unterirdisch die Nationen des Kontinents, wie sie auch die Menschen verband: Vor allem aus Polen kamen die Arbeitsmigranten nach Westdeutschland.

Fußballfreunde wissen um die Geschichte des Vereins Schalke 04 in Gelsenkirchen, kennen Namen wie Ernst Kuzorra, Fritz Szepan. Und natürlich hieß der Kommissar im Pott: Schimanski.
Eine letzte Blüte in seiner wechselvollen Geschichte erlebte der Bergbau in den sechziger Jahren. Danach ging es, nun ja: bergab. Das Erdöl floss als neue Energiequelle, und als die zu versiegen drohte, erschien den Politikern der Industrienationen die Atomkraft als strahlende Zukunft. Wo die Steinkohle-Gewinnung begonnen hatte, endete sie auch zuerst: Englands Premierministerin Margaret Thatcher ließ die Zechen schließen, nachdem sie den Streik der Bergarbeiter 1984 brutal hatte niederschlagen lassen. 

In Deutschland erhielt der Bergbau, weil an ihm so viele Existenzen hingen, staatliche Förderung; bis im Jahre 2007 nur noch acht Zechen mit 33.000 Bergleuten existierten, aber die Subventionen eine Höhe von 3,5 Milliarden Euro erreicht hatten. Da beschloss die Bundesregierung das Ende der Zechen. Der Protest der Kumpel war vergeblich, auch wenn sie hier noch einmal ihre gelebte Solidarität demonstrierten und warnten: „Erst stirbt der Pütt, dann stirbt die Stadt.“

Doch die Städte verwandelten die Zechenareale zum Teil in Freizeit- oder Kultureinrichtungen, wie in Essen die Zeche Zollverein, heute das meistbesuchte Museumsareal der Republik. Soziologe Franz Lehner bescheinigt dem Ruhrgebiet, heute zwar keine wirtschaftliche, aber eine kulturelle Metropole zu sein. Man sei „noch einmal davongekommen“, erzählte ein Bergmann auf Prosper Haniel. 

Heute importiert Deutschland Kohle (60 Millionen Tonnen jährlich) – auch wenn sie eine der Hauptursachen des Kohlendioxid-Aufkommens ist. Die sozialen Fragen und die Ausbeutung wurden ausgelagert. Dafür exportiert man für sechs Milliarden Euro Bergbau-Technik, darin weltweit führend.

Den Bergleuten aber bleibt nur die Erinnerung und die Pflege der Tradition ihres Berufsstandes. Und so werden sie am 21. Dezember noch einmal in ihrer Festtagskluft mit den Federbüschen und den 29 Knöpfen an der Jacke das Steigerlied singen, das auch vor den Spielen auf Schalke erklingt. Und dann ist Schicht im Schacht. 

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