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Ein Grund zum Weitermachen

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Von: Harald Keller

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Zu Gast bei Sandra Maischbergers "Ich stelle mich": Der CDU-Politiker Norbert Blüm (mitte) und der Journalist Günter Wallraff (rechts).
Zu Gast bei Sandra Maischbergers "Ich stelle mich": Der CDU-Politiker Norbert Blüm (mitte) und der Journalist Günter Wallraff (rechts). © WDR/Melanie Grande

Mit „Ich stelle mich“ nahm der WDR vier Folgen lang ein Sendekonzept aus den 1980er-Jahren wieder auf. Sandra Maischberger erbte den Moderatorenpart von Claus Hinrich Casdorff. In der letzten Sendung befragt sie Günter Wallraff.

Anlässlich der hundertsten Sendung von „Ich stelle mich“ konnte der WDR freudig verkünden: „Die West-3-Talkshow ist zu einem Dauerbrenner geworden“. Das war 1988, und die Gesprächsreihe blieb noch fünf weitere Jahre im Programm. Moderiert wurde sie von Claus Hinrich Casdorff, bei der Premiere immerhin schon 55 Jahre alt, bildschirmbekannt durch das politische Magazin „Monitor“ und seit 1977 im WDR Leiter der Programmgruppe Innenpolitik und stellvertretender Chefredakteur. Dieser Hintergrund ist bedeutsam, denn die öffentlich-rechtlichen Sender hatten gerade erst und sehr zögerlich damit begonnen, die Programmsparten Information und Unterhaltung einander anzunähern, nachdem sie zuvor zumindest nominell streng getrennt gewesen waren.

Mit „Schlag auf Schlag“ moderierte Casdorff parallel eine reine Polit-Talkshow, „Ich stelle mich“ war stärker unterhaltungsorientiert. Aber, bei der beruflichen Vergangenheit des Gastgebers nicht verwunderlich, offen für politische Themen. Er bat aktive Politiker und Vertreter politischer Organisationen vor die Kamera, ferner Schriftsteller, Schauspieler, Sänger, Unternehmer, Schlagerproduzenten, Moderatorenkollegen wie Hans Rosenthal und Frank Elstner. Auf gewisse Weise erinnerte das Format an den Klassiker „This Is Your Life“, der im ZDF unter dem deutschen Titel „Das ist Ihr Leben“ zu sehen war, dort mit dem Untertitel: „Stationen eines Lebens im Spiegel der Erinnerungen“.

Launig und streitbar

Für vier Sendungen, einer Art mittsommerlicher Versuchsfolge, ließ der WDR das Sendekonzept wieder aufleben. Die Gästeauswahl war ähnlich bunt wie beim Vorbild, die Abläufe verwandt. Vor kleinem Saalpublikum wird der Gast mit Fragen zu seiner Vergangenheit, seinem Image und mit entsprechenden Bildern konfrontiert, trifft auf Weggefährten, manchmal zu seiner Überraschung, und muss auch mal eine spielerische Aufgabe erfüllen. Die Sendung hat zum Ziel, zentrale biografische Merkmale zu rekapitulieren – alle Gäste sind öffentliche Personen, aber natürlich nicht jedem Zuschauer näher bekannt –, aber auch weniger bekannte Seiten des Betreffenden anzusprechen und bestenfalls das öffentliche Bild zu korrigieren. Geboten wird eine Mischung aus launigem Talk, aber auch konfrontativen Passagen, denn jede Sendung enthält, das war schon bei Casdorff so, ein Segment namens „Streitgespräch“, in dem der Gast unmoderiert mit einem ideologischen Gegenüber diskutiert.

Geändert haben sich bei der Neuauflage Sendeturnus, Sendezeit und Sendelänge – Casdorff begann um 20.15 Uhr und hatte 90 Minuten zur Verfügung, Maischberger muss mit 60 auskommen –, außerdem wird nicht mehr live gesendet. Live bedeutet natürlich Nervenkitzel für alle Beteiligten. Obwohl auch damals die Sendung fest strukturiert war, konnte es zu Überraschungen kommen. Manchmal dauerte ein „Streitgespräch“ länger als geplant, und wenn der Vorstandsvorsitzende von Ford, Daniel Goeudevert, als Erprobung seiner praktischen Fähigkeiten einen Reifen wechseln sollte, war auch nicht absehbar, wieviel Zeit seine Bemühungen in Anspruch nehmen würden. Heute bleibt Gelegenheit zum Schneiden und damit zur Maßanfertigung, denn die vier Sendungen wurden vorweg aufgezeichnet.

In der abschließenden Ausgabe ist Günter Wallraff zu Gast, Enthüllungsjournalist, Buchautor, Filmemacher. Und hier zeigen sich die Stärken dieser Reihe, wenn selbst Wallraff-Kenner – aber wer ist das schon? – den oft und nicht selten in feindseliger Absicht auf ein gewisses Stereotyp reduzierten Undercover-Ermittler in ungewohnten Zusammenhängen erleben.

Ärztlicherseits als „Sonderling“ abgestempelt

Die Redaktion der Sendereihe, beteiligt ist Sandra Maischbergers Produktionsfirma Vincent TV, hat gute Vorarbeit geleistet und zum Beispiel ein truppenärztliches Bulletin ausgegraben, das den Kriegsdienstverweigerer Wallraff als „Sonderling“ abstempelt“ und ihm eine „hoch abnorme Persönlichkeit“ attestiert. Wallraffs Kommentar: „Darauf bin ich stolz.“ Die skandalöse Diagnose hat einen politischen Hintergrund. Wallraff hatte begonnen, über seine Erlebnisse bei der Bundeswehr zu schreiben. Die Militärführung bot ihm als Tausch gegen den Verzicht auf Veröffentlichung eine vorzeitige Entlassung an. Wallraff, obschon Schikanen ausgesetzt, lehnte ab. Und hatte seine Lebensaufgabe gefunden.

Die bleibt zentrales Thema, auch in Gesprächen mit den Weggefährten Günter Zint und Norbert Blüm sowie in der kontroversen Diskussion mit „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur Roland Tichy. Daneben erscheint der 71-jährige Wallraff in anderen, privaten Rollen, als Vater, Sportler und Steinesammler.

Am Ende weiß man natürlich nicht alles, aber deutlich mehr über diesen Gast, vermag ihn und seine Arbeit besser einzuschätzen. Nicht alle Ausgaben waren gleichermaßen gelungen – das Konzept hängt ja, wie seinerzeit schon Casdorff zu Protokoll gab, in hohem Maße von der Mitwirkungsbereitschaft und Spontaneität der Gäste ab –, aber diese wäre ein guter Grund zum Weitermachen. Demnächst dann vielleicht mit vollem Risiko, nämlich live?

„Ich stelle mich: Günter Wallraff“, Sonntag, 21.45 Uhr, WDR. Die vorangegangenen Ausgaben mit den Protagonisten Heiner Lauterbach, Wolfgang Bosbach und Sahra Wagenknecht sind noch in der WDR-Mediathek zu sehen.

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