Eric Rohmer.
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Zum Tod von Eric Rohmer

Das grüne Leuchten

  • Daniel Kothenschulte
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Der französische Filmregisseur Eric Rohmer ist 89-jährig gestorben. Er gehörte zu den Gründungsvätern der Nouvelle Vague - ein Minimalist des Augenblicks. Von Daniel Kothenschulte

Mit 89 Jahren ist Eric Rohmer gestorben, aber alt wurde er nie. Wenn man nach Belegen sucht dafür, dass Jugend ein Gemütszustand ist, den sich die Glücklichen mühelos erhalten können, muss man sich nur an die Filme des Franzosen halten. Und wie es aussieht, bleibt das noch recht lange so, denn altern wollte Pauline an ihrem Strand bislang ebenso wenig wie Claire, die Besitzerin eines verführerischen Knies: Wo immer man das Buch "Rohmer" aufschlägt, ob im minimalistischen Freiluft-Kammerspiel "Pauline am Strand" von 1982 oder im opulenten Farbfilm "Claires Knie", der ihm 1970 den internationalen Durchbruch bescherte. Mit Naivität aber hat Rohmers ewige Jugend nichts zu tun.

Rohmers Filme handeln von einer höchst reflektierten Leidenschaft. Die Liebe wird erst heiß ersehnt und ist dann meist ernüchternd wenig wert. Dieser Filmerzähler war fasziniert vom unaufgelösten Widerspruch im gesellschaftlichen Umgang mit der Liebe, ihrer Verklärung ins Absolute bei gleichzeitiger Austauschbarkeit ihrer Protagonisten. Sein vielleicht schönster Film, "Das grüne Leuchten" (1986), handelt von einer jungen Schwedin, die das Wechseln ihrer Liebhaber mit einer dem Zeitgeist geschuldeten Lässigkeit betreibt. Und endet mit einer nicht weniger beiläufig vorgebrachten Beobachtung über die Flüchtigkeit des Absoluten, wenn ein bärtiger Naturfreund die Farbfolge eines Sonnenuntergangs erklärt. Dass es der Kamera dabei scheinbar nicht gelingt, jenes "grüne Leuchten", von dem er spricht, auch einzufangen, ein winziges Aufflackern vor dem Erlöschen, hätte jeden Hollywood-Regisseur zur Verzweiflung getrieben. Man hätte sich wohl eines Tricks bedient, um das Gezeigte und Gesagte in Einklang zu bringen. Doch genau in diesen Widersprüchen steckt das Wunder des Kinos von Eric Rohmer.

Da war ein Filmkenner, der alles über seine Lieblingskunst wusste, der den großen Filmkritiker André Bazin auf dem Redakteursposten der "Cahiers du cinéma" beerbt hatte und noch als weltberühmter Regisseur seinen Doktortitel über Friedrich Wilhelm Murnaus Faustfilm machte. Und der dann selbst so geizig sein konnte mit großen Kinobildern. Seine Filme galten ihren durchaus zahlreichen Kritikern als allzu literarisch, ja wortlastig - und bestätigten gerade durch ihren vermeintlichen Minimalismus den Zauber des Mediums. Denn im Kino kann alles zu einem Ereignis werden: ein Wort, ein Gedanke, ein Sonnenuntergang. Nur gelingt das so selten, weil kaum ein Filmemacher noch das Besondere der einfachen Dinge zu schätzen weiß.

Rohmers Filme präsentieren sich meist als kleine Genrestücke, in Wahrheit aber messen sie sich mit den Meistern einer langen Kunsttradition. Rohmer liebte die deutsche Klassik und schuf mit seiner Verfilmung von Kleists "Marquise von O" gleichsam als Außenseiter ein Schlüsselwerk des Neuen Deutschen Films der siebziger Jahre. Noch in seinen Achtzigern reüssierte er als Essayist über Ernste Musik. Auch die Titel seiner großen Filmzyklen, "Moralische Erzählungen", "Komödien und Sprichwörter" und "Vier Jahreszeiten" betonen ihre Verortung in einer zeitlosen Genretradition. Und wie die Komponisten, die er verehrte, ihre originären Erfindungen in Variationen zu verstecken wussten, musste man sich schon einsehen in die ritualisierten Formen, die er für seine Beziehungsdramen wählte. Dann aber entfalteten sie ihren Zauber wie Schachteln in einer Schachtel - etwa im hinreißend komponierten Episodenfilm "Vier Abenteuer von Reinette und Mirabelle" (1986).

Eric Rohmer war der Älteste und vielleicht abgeklärteste unter jener Gruppe junger Cinephiler, die in den fünfziger Jahren als Autoren der filmkritischen Zeitschrift "Cahiers du cinéma" den Kunstwert der klassischen Hollywoodfilme herausstellten. Gemeinsam mit Claude Chabrol schrieb Rohmer das erste Buch über Alfred Hitchcock. Im Gegenzug wirkten die Filme der späteren Nouvelle-Vague-Regisseure in den sechziger Jahren als Initialzündung für das New Hollywood. Dass Rohmer indes weniger Popularität erhoffen durfte als etwa Truffaut, daran erinnert eine kleine Szene in Arthur Penns Thriller "Die heiße Spur": Gene Hackman beantwortet darin den Vorschlag, sich einen Rohmer-Film anzusehen, mit den abschätzigen Worten: "Lieber nicht. Ich habe mal einen gesehen, und es war so, als sähe man dabei zu, wie Farbe auf einer Leinwand trocknet."

Rohmer hätte dies wohl als Kompliment empfunden. Denn genau hierin liegt das Wunder seines Kinos: In jenen Augenblicken größter Freiheit, in denen eine Aufnahme nicht mehr Information ist und nicht mehr Schauobjekt, vielleicht sogar gar nicht mehr Bild. Sondern ein Moment für sich, ein Stück geschenkter Zeit. Es ist kein Wunder, dass Eric Rohmer im hohen Alter seine schönsten Filme schuf, als er alles über das Kino wusste. Und auch wer als Filmfreund alles darüber zu wissen glaubt, der sieht es mit Rohmer noch einmal mit neuen Augen. So wie das Alter ja vielleicht nur eine andere Form der Jugendlichkeit ist - mit dem Vorteil, dass man mehr über sie weiß.

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