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Bei allem Engangement von einer frappierenden leichtigkeit: Milos Forman.

Milos Forman

Der große Revolutionär

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Zum Tode des gesellschaftskritischen Filmemachers Milos Forman. Ein Nachruf.

Im Mai 1968 findet die Revolution zeitgleich im Kino statt. In Cannes hat ein junger tschechischer Filmemacher beste Chancen, mit seiner Satire „Der Feuerwehrball“ aus dem Prager Frühling zu gewinnen. Doch als seine Kollegen Jean-Luc Godard und François Truffaut aus Solidarität mit den Protestierenden in Paris das Festival für beendet erklären wollen, ist er ganz bei ihnen. Während Jury-Mitglied Roman Polanski noch zögert, verzichtet Milos Forman nur zu gern auf mögliche cineastische Ehren. Am 19. Mai wird das Festival tatsächlich abgebrochen, Preise werden nicht vergeben.

Milos Formans Weltruhm konnte dies nicht aufhalten. Bereits sein Erstlingsfilm „Der schwarze Peter“, das Porträt eines unangepassten Teenagers, hatte vier Jahre zuvor das Locarno-Festival gewonnen und ihm eine USA-Reise eingetragen. Das Glück nach eigener Façon und die absurde Feindschaft, die es bei anderen weckt: Es blieb das Leitmotiv in Formans Filmen. „Der Feuerwehrball“ orchestriert es als furioses Ensemblestück. Ein ganz normales Betriebsfest läuft nur deshalb aus dem Ruder läuft, weil Parteifunktionäre ihm unbedingt Grenzen setzen wollen. Dass man auch dem jungen Ausnahmetalent bald Grenzen setzen würde, schien unvermeidlich. Die Wirklichkeit gab Formans Satire Recht, als der Film nach dem Ende des Prager Frühlings verboten wurde.

Während dessen gewaltsamer Niederschlagung war Forman gerade in Paris, um über seinen ersten US-Film zu verhandeln. Kurzerhand erklärte Formans tschechisches Studio die Reise für illegal, was einer Ausbürgerung gleichkam. So kam Forman 1971 zum Ärger der CSSR mit einem amerikanischen Beitrag nach Cannes zurück: Der rasant erzählte New-Hollywood-Film „Taking Off“ fühlte am Beispiel der abtrünnigen Tochter einer amerikanischen Durchschnittsfamilie den wandelnden westlichen Moralvorstellungen auf den Zahn.

Nicholsons McMurphy elektrisierte das Publikum

1975 schuf Forman mit seinem ultimativen Außenseiterporträt auch sein größtes Meisterwerk. Seine Verfilmung von Ken Keseys anklagendem Roman über die Zustände in amerikanischen Nervenkliniken, „Einer flog über das Kuckucksnest“, gewann nicht nur fünf Oscars. Das aufwühlende Kammerspiel hatte auch wesentlichen Einfluss auf die Ächtung der Lobotomie in den USA. Jack Nicholsons elektrisierende Darstellung der Hauptfigur Randle Patrick McMurphy, aber auch die Vielzahl der plastisch herausgearbeiteten Nebenfiguren machen das Werk zu einem bis heute bewunderten Ensemblefilm.

Die Leichtigkeit und die Musikalität, mit der Forman den revolutionären Geist seiner Zeit als die selbstverständlichste Sache der Welt vermitteln konnte, machte ihn 1979 zum idealen Regisseur des Musicals „Hair“. Auch wenn der Broadway-Hit zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahrzehnt auf dem Buckel hatte, beschwor Formans Film die Aktualität der Hippie-Ideale.

Nur wenige Hollywoodmusicals haben eine Bühnenvorlage derart stimmig in einen realistischen Filmraum übertragen. Auch wenn der Vietnamkrieg längst beigelegt war, feierte Forman geradezu rauschhaft den Kampf für gesellschaftliche Veränderungen: Die Freiheit des Einzelnen, Formans großes Thema, erklingt in „Hair“ in vielen Tonarten, der Film ist heute noch so modern wie damals.

In seinen späteren Filmen fand Forman weitere Außenseiterfiguren in Geschichte und Gegenwart: Wolfgang Amadeus Mozart („Amadeus“) und Francisco de Goya („Goyas Geister“) widmete er schillernde Künstlerporträts, und sogar an der umstrittenen Figur des Penthouse-Herausgebers („Larry Flint – Die nackte Wahrheit“) entdeckte er genug revolutionären Geist für ein modernes Heldenstück.

Das unterschätzte Meisterstück aus Formans späterer Zeit ist „Der Mondmann“ („Man on the Moon“), eine Huldigung an den anarchischen Humor des 1984 gestorbenen Komikers Andy Kaufman. Erst im vergangenen Herbst zeigte Hauptdarsteller Jim Carrey das lange zurückgehaltene Making-Off-Material beim Filmfestival Venedig. Es war auch eine Hommage an Formans warmherzigen Regiestil.

1932 in Cáslav geboren, musste Milos Forman als Kind erleben, wie seine Eltern von der Gestapo verhaftet wurden. Die Mutter starb im Konzentrationslager Auschwitz, der Vater im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. In seinen Werken schien Forman dieses Trauma ins Positive zu wenden, seine Filme feierten das Leben wie ein Geschenk. In einem langen Interview, das wir 2009 mit ihm führen konnten, wandte er sich nachdrücklich gegen jede Schwarzweißmalerei im Kino. Sein Beispiel war ausgerechnet Adolf Hitler.

„Gerade las ich über eine anstehende Auktion der Aquarelle Adolf Hitlers, die in England sehr viel Geld eingebracht hat. Wüsste ich gar nichts über Hitler und sähe nur die Aquarelle, dächte ich – oh, was für ein sanfter Mann mit so einem netten Gefühl für die Natur. Natürlich nehmen diese Aquarelle seinen Untaten nichts von ihrem Grauen. Aber sie zeigen, dass dieser Mann nicht nur eine Seite hatte.“

Auf die Frage, ob der Faschismus in Europa wieder eine Chance hatte, ergänzte er mit Bestimmtheit: „Er übt schon, er versucht es überall und immer. Aber es hängt ab vom Durchhaltevermögen der Liberalen. Ob sie den Kampf gegen die Rechtsextremisten irgendwann aufgeben, weil sie wissen, dass sie nie gewinnen können. Denn das ist so, Liberale gewinnen nie. Aber wenn sie den Kampf aufgeben – dann haben sie verloren. Denn dann haben die Rechtsextremen gewonnen und wir haben den Faschismus.“

Nach kurzer Krankheit ist Milos Forman am 13. April im Alter von 86 Jahren in Warren, Connecticut gestorben, wo er zuletzt gelebt hatte.

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