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Im 19. Jahrhundert breitete sich Opium auf Betreiben der Kolonialmächte in ganz Asien aus.

„Der große Rausch“ , Arte

England war der erste Schurkenstaat

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Der Arte-Themenabend „Drogen, Macht, Politik“ mit einer bemerkenswerten Dokumentation.

Eigentlich sind die Verhältnisse klar: Drogen gehören der Unterwelt an. Ihr Konsum ist von Illegalität und Elend umgeben, ihr Vertrieb mit Kriminalität konnotiert. Es gibt einen Konflikt zwischen dem Staat und der Welt der Drogen, und die Guten agieren auf der Seite des Staates. Es gibt allerdings auch Schurkenstaaten, die die Sache des Drogenhandels zu der ihren gemacht haben.

So sieht in westlichen Gesellschaften ein festes Denkmodell aus, das auch das Hirn des derzeitigen US-Präsidenten strukturiert. Er hält Mexiko für einen Schurkenstaat und pflegt damit zugleich seinen Rassismus.

Am Anfang des globalen Drogenproblems aber stand, das zeigt Christophe Bouquets spannende dreiteilige Dokumentation „Der große Rausch“, ein anderer Schurkenstaat. Er hieß England.

Zwei honorige Briten als einflussreiche Paten des Opiumhandels in China

Es waren die honorigen Briten William Jardine und James Matheson, die als einflussreiche Paten des Opiumhandels in China mitverantwortlich waren für die militärischen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit der chinesischen Qing-Dynastie, die unter den Namen der „Opiumkriege“ in die Geschichte eingingen. Die Opiumkriege bedeuteten zugleich das Ende des alten China, und der Konsum von Opium wurde im Lande ein weitverbreitetes Problem. Als chinesische Auswanderer auf der Suche nach einem besseren Leben nach Nordamerika zogen, brachten sie die Angewohnheit des Opiumrauchens mit. So begann das Drogenproblem der westlichen Gesellschaften.

Auch andere historisch bedeutsame Figuren haben in der Geschichte der Rauschdrogen eine zentrale Rolle gespielt – etwa der Darmstädter Chemiker und Apotheker Heinrich Emanuel Merck, Neffe des kunstsinnigen Naturforschers und Goethe-Freundes Johann Heinrich Merck. Emanuel Merck war Begründer des Pharma-Konzerns, der heute noch seinen Namen trägt, und er erzeugte als Erster aus Opium das enorm wirksame Schmerzmittel Morphium. Es wurde im Amerikanischen Bürgerkrieg massenhaft medizinisch eingesetzt. Da bald klar war, dass es süchtig machte, kam die merkwürdige Idee auf, als Gegenmittel gegen die Sucht Kokain einzusetzen. Heroin übrigens war ein Schmerzmittel, dessen Namen sich die in Wuppertal-Elberfeld ansässigen Bayer-Werke 1898 schützen ließen; es wurde anfangs auch als Mittel gegen Husten beworben.

Trennung zwischen Gut und Böse weist Unklarheiten auf

So zeigt ein Blick in die Geschichte, dass die Trennung zwischen Gut und Böse Unklarheiten aufweist und historischen Wandlungen unterliegt.

Bouquets Dokumentation zeichnet die Geschichte des Drogenhandels als Geschichte der Verwandlung von Legalität in Illegalität, der kriegerischen Zustände zwischen Staat und organisiertem Gangstertum und der oft nahtlosen Übergänge zwischen beiden Sphären. Er zeigt den Drogenhandel als überaus wandlungsfähigen und flexiblen Wirtschaftszweig, der geschickt Lücken in Gesetzen und Kontrollmechanismen nutzt und auf vorhandene Infrastrukturen manchmal nicht einmal angewiesen ist, sondern eigene unterhält – bis hin zu eigenen Luftflotten und Armeen. Der Krieg eines Staates gegen Drogen ähnelt darum zuweilen, etwa im Falle des Drogenbarons Pablo Escobar in Kolumbien, einem Bürgerkrieg oder, etwa im Falle des Warlords Kun Sa im Goldenen Dreieck, einem regulären Krieg zwischen zwei und mehr Staaten.

Dokumentation zeigt die Geschichte des Drogenhandels

Nach dem grandiosen historischen Exposé verfolgt die Dokumentation die Geschichte des Drogenhandels bis in die Gegenwart. Sie porträtiert Akteure wie das Medellin-Kartell oder die sizilianische Mafia und zeichnet erstaunliche Vorgänge wie die gewinnträchtige Übernahme des Drogenhandels durch nationale Geheimdienste oder die Taliban in Afghanistan. Sie würdigt die Bedeutung des globalisierten Freihandels für die Globalisierung des Drogenhandels und kommt zu einer aktuellen Einschätzung der Verhältnisse, in denen Drogenhandel von territorialen Bindungen – wie dem großflächigen landwirtschaftlichen Anbau von Mohn – zunehmend unabhängig geworden ist.

Für Drogen werden heute nur mehr Rohstoffe gebraucht. Ihre industrielle Herstellung und ihr globaler Vertrieb ist eine etablierte Branche des Weltmarktes, hier und da etwas illegaler als andere Branchen, aber eng verflochten und vernetzt und in Hinblick auf die Gewinnaussichten überaus vielversprechend. Die so genannte Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten, in der pro Jahr an die 30.000 Todesopfer zu beklagen sind, basiert auf völlig legalen Produkten der Pharma-Industrie, und weit und breit mischt da kein Mexikaner mit.

„Drogen, Macht, Politik“ , Arte, Dienstag, 31. März, 20.15 Uhr. Im Netz: arte +7

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