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Supernanny ist wirklich super: Tully (Mackenzie Davis, l.) und Marlo (Charlize Theron).

"Tully"

Die große Müdigkeit

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Jason Reitmans "Tully" erzählt von den Mühen des Mutterseins und von einer Nanny, die die Emanzipation ernst nimmt.

Emma Thompson als zauberhafte Nanny McPhee kam einst klassisch mit hochgeschlossener Bluse, langem Rock, Stock und Gesichtswarze daher, Inbegriff des Kindermädchens, das sich mit einer Mischung aus Strenge, Geduld und Hässlichkeit Respekt verschafft. Die Eltern dagegen erscheinen als Protagonisten der modernen dysfunktionalen Familie, die der Erziehung seitens der Nanny ebenso bedürfen wie die Kinder: Die Nanny mithin füllt eine Leerstelle aus, sie ist die schmerzlich vermisste Autoritätsperson im Zentrum der so genannten Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft, ihr gilt die ganze Sehnsucht, und nicht selten ist sie eine schillernde Projektion, ein Wunschtraum.

So auch in „Tully“, dem neuen Film von Jason Reitman, für den erneut Diabolo Cody das Drehbuch schrieb. 2008 präsentierten beide bereits das Coming-of-Age-Drama „Juno“, auch dies ein Film, der schon mit seinem Titel unumschränkt die Hauptfigur in den Mittelpunkt rückt – damals eine 16-jährige Schülerin (Ellen Page), die ihre Eltern mit einer ungewollten Schwangerschaft in die Verzweiflung treibt. Nun ist es Tully, die wiederum das Geschehen in einer Familiengeschichte der etwas anderen Art nach ihrem sehr eigenen Willen bestimmt. Zwar kommt sie ohne Warze, Stock und Faltenrock aus, aber auch sie ist eine Nanny, eine Nachtnanny, um genau zu sein, denn sie verschafft der dreifachen Mutter Marlo das, was ihr am meisten fehlt – tiefen, erholsamen, süßen Schlaf.

In gewisser Weise ist Marlo eine älter, aber nicht unbedingt reifer gewordene Juno. Beim ersten Kind ist es nicht geblieben, allerdings ist auch die dritte Schwangerschaft nicht geplant. Nun lastet der von Saftbechern, Babyphon, Stofftieren und Windeln angefüllte Alltag des Lebens mit kleinen Kindern auf ihr – ein Druck, so schwer wie Plüsch und Babypuder. Der Ehemann? Keine Hilfe. Die Lehrerin des ältesten, ein wenig schwierigen Sohnes? Ein Ausbund an Verständnis und wattiger Freundlichkeit, die den Kleinen dennoch von der Schule wirft, weil er die liebe Ordnung durcheinanderbringt. Und zwischendrin Marlo, Chauffeurin, Moderatorin, Therapeutin für den Sohn und Motivationstrainerin für den beruflich gestressten Gatten. Hier ist er, der Film für die Mütter.

So realistisch, illusions-, ja gnadenlos hat wohl selten jemand ins Herz der familiären Finsternis geblickt wie Diabolo Cody und Jason Reitman. Und sie können sich dabei auf eine Frau verlassen, die nicht zum ersten Mal in Abgründe vordringt: Charlize Theron war bereits das „Monster“, die Serienkillerin Aileen Wuornos, für deren Darstellung sie unter der Regie von Patty Jenkins ihre strahlende Schönheit aufgab und sich in eine verwahrloste Psychotikerin verwandelte. Nun schleppt sie die Merkmale von Schwangerschaft, Entbindung und Stillzeit mit sich herum, die überwältigende Müdigkeit, die Pfunde, den Kindersitz fürs Auto. Im Supermarkt rasten die Kleinen aus, wenn Marlo ihnen die Süßigkeiten verweigert, sie selbst verliert einmal gegenüber der Lehrerin die Fassung. Bloß: Niemand nimmt Marlo in den Arm.

Bis Tully auf der Bildfläche auftaucht. Reitman und Cody greifen das bewährte Erlösungsmuster auf, wenn die Supernanny endlich Struktur ins Familienleben bringt. Und super ist Tully wirklich: Statt bloß über den Schlaf der Familie zu wachen, backt sie Muffins, die Sohn Jonah anderntags in die Schule mitnehmen kann. Vor allem aber ist sie in Gestalt der schlaksigen Mackenzie Davis bald mehr als eine Nanny – „Tully“ schwingt sich zum Buddy-Märchen zwischen zwei Frauen auf, er weckt Hoffnung auf ein Versprechen, nämlich darauf, dass es ein Leben jenseits von Waschmaschine und Elternabenden gibt.

Es sind einige bittere Wahrheiten, die Reitman und Cody mit ihrem Film aussprechen, aber die Pointen liegen woanders. Denn natürlich ist es keine Überraschung, wenn man zeigt, dass auch in fortschrittlichen Familien allen Emanzipationsgelübden zum Trotz Windelwechseln Frauensache ist – der Witz an „Tully“ aber besteht darin, dass es jemanden gibt, der die Sache mit der Emanzipation doch noch ernst nimmt. Mackenzie Davis agiert als eine Art Alter Ego zu Charlize Theron: Wo sie zweifelt und zaudert, lässt die Nanny schon mal den Haushalt liegen und überredet Marlo zur Kneipentour durchs einstige Jugendrevier. Wo Marlo schweigt, wird Tully laut, wo die Mutter verzweifelt, spendet die Nanny Trost. Zu schön, um wahr zu sein? Dafür hält Reitmans Film ebenfalls die entsprechende Lösung bereit.

Dabei fühlt sich der Regisseur nahezu emphatisch in die Stimmungslage seiner Hauptfigur ein, der älteren wohlgemerkt, weniger in die der aufgekratzten Nanny. Langsam, fast ein wenig somnambul bewegt sich „Tully“ durch die Tage Marlos, die sich umso mehr aufzuhellen beginnen, als ihr die neue Freundin Kraft und Unterstützung gibt. Der Film hält sich von jeder Schrillheit oder Übertreibung fern, das ist Reitmans große Leistung. Drei kleine Kinder zu haben, ist schon schrill genug. Und auch, wenn Tully wie eine Mary Poppins aus einem Szenelokal im Greenwich Village wirkt – ihre Hipster-Coolness wird durch die Gelassenheit und Würde mehr als aufgefangen, mit der sie Marlo durch das Mutterdasein lenkt.

Wie in „Juno“ wirkt die gesellschaftliche Mittelklasse bei Reitman und Cody intellektuell ein wenig unfertig und überfordert und emotional so, als habe man die Pubertät zwar nach Jahren, nicht aber durch Erfahrung hinter sich gelassen. Entsprechend groß ist das Bedürfnis nach Anleitung: Sieht man beide Filme als soziales Panorama, hat man, wenn nicht einen Kindergarten, so doch eine gigantische Grundschulklasse vor sich. Da ist die Nanny ein in der Tat dringend gebotenes Berufsbild. Reitman fächert dieses Bild freilich ironisch auf, doch auch wenn er übertreibt, so bleiben die Macken der Figuren doch immer noch, was sie sind: Kennzeichen einer politischen Klasse mit deutlichem Hang zur Infantilisierung. Insofern ist „Tully“ mehr als ein Familienfilm – hier taugt die Familie zur gesellschaftlichen Diagnose.

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