Idris Elba als Nelson Mandela.
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Idris Elba als Nelson Mandela.

Kino: "Mandela. Der lange Weg zur Freiheit"

Zu groß für einen Film

Die Filmbiographie „Mandela. Der lange Weg zur Freiheit“ hetzt zu sehr durch das Leben des großen südafrikanischen Politikers. Der Film macht keine formalen Experimente, konservativ wird rund zweieinhalb Stunden lang die Chronologie dieses gewaltigen Lebens abgehandelt.

Von Frank Herold

Wir sehen eine Savanne in der Dämmerung, leicht hügelig, das trockene Gras halbhoch. Ein afrikanisches Paradies. Junge Burschen, am ganzen Körper weiß bemalt, rennen wie entfesselt. Dann springen sie übermütig ins Wasser. Es ist ein Ritual des Erwachsenwerdens im Stamm der Xhosa in Südafrika. Einer der Burschen ist Nelson Mandela. Die Szenerie ist von eindrucksvoller Poesie und Symbolkraft. Starke Bilder. Aber leider geht es so nicht weiter.

Dem Film „Mandela. Der lange Weg zur Freiheit“ hilft es nicht, dass der Protagonist gerade gestorben ist. Es steht ihm im Wege. Regisseur Justin Chadwick nimmt sich nur in der ersten Szene wirklich Zeit. Sonst findet er kaum einmal den Übergang vom Zeigen zum Erzählen. Eine kurze Gerichtsverhandlung – und aus dem ehrgeizigen jungen Anwalt ist der Bürgerrechtler geworden. Eine Demonstration – und er schließt sich dem ANC an. Ein zorniger Moment, ausgelöst durch die Gewalt des Apartheid-Regimes – und Mandela wird Terrorist.

Eine Andeutung von Unverständnis für das politische Engagement – und die erste Ehe ist geschieden. Ein Augenaufschlag von Winnie Mandela – und Nelson hat seine neue Liebe gefunden. Alles passiert, nichts entwickelt sich. Das geht auch gar nicht anders, liefe der Film doch sonst Gefahr, einen der zahlreichen Wendepunkte in Mandelas Leben auszulassen. Einzelne Szenen wirken regelrecht abgeschnitten, so als fürchteten die Filmemacher, sich zu verzetteln. Und dadurch verzetteln sie sich wirklich.

Mangel an epischem Potenzial

Chadwick hat sich entschieden, strikt der Autobiografie seines Protagonisten zu folgen. Er macht keine formalen Experimente, konservativ wird rund zweieinhalb Stunden lang die Chronologie dieses gewaltigen Lebens abgehandelt. Aber wenn man eine Autobiografie verfilmt, bekommt man eine Autobiografie. Einem Autor, der über sich selbst schreibt, sieht man es nach, wenn ihm die Distanz fehlt. Ein Filmregisseur ohne Distanz zu seinem Gegenstand schafft sich Probleme. Chadwicks Mandela ist der Mandela, den man gut zu kennen glaubt, zumal die zahllosen Würdigungen und Nachrufe auf diese Jahrhundertfigur noch frisch im Gedächtnis sind.

Zwei Dinge bewahren diesen Film vor dem kompletten Scheitern. Zum einen dieses einzigartig spannende Leben und zum anderen die Hauptdarsteller Idris Elba als Nelson Mandela und Naomie Harris als Winnie. Einige große Schauspieler haben sich bereits an der Mandela-Figur versucht: Sidney Poitier („Mandela and de Klerk“), Dennis Haysbert („Goodbye Bafana“), Morgan Freeman („Invictus – Unbezwungen“). Sie alle zeigten Mandela in einem ganz bestimmten seiner Lebensabschnitte. Elba nun muss die ganze Spanne abdecken vom Mitdreißiger bis zum Siebzigjährigen, vom zornigen jungen Mann bis zum weisen Greis. Und es gelingt ihm gut. So gut jedenfalls, dass man ihn in einer Rolle zu sehen wünscht, die ihn nicht in ein so enges Schema presst. Eine, die er wirklich intensiv gestalten kann.

Stärker aber ist Naomie Harris als Winnie. Ihr allein gibt die Regie die nötige Zeit, um nuanciert zu zeigen, wie aus der vielversprechenden, politisch engagierten jungen Frau die harte Kämpferin wird, die Banden von brutalen jugendlichen Schlägern im Namen des gefangenen Nelson Mandela demagogisch in den Kampf führt.

Besonders deutlich wird der Mangel an epischem Potenzial (das Drehbuch stammt von William Nicholson) zum Ende hin, als der Film die Situationen zeigt, die so entscheidend sind für die Bewertung der Lebensleistung Nelson Mandelas. Das Land steht am Rande des Bürgerkrieges und das gescheiterte Apartheidregime sieht sich gezwungen, den charismatischen Führer der Schwarzen im Fernsehen auftreten zu lassen. Mandela hat einen Zettel zugesteckt bekommen. Nicht Frieden, sondern Krieg sei das Gebot der Stunde, steht darauf geschrieben. Er solle das Volk zu den Waffen rufen.

Was macht einen Menschen so groß?

Nelson Mandela aber antwortet: Frieden. Als Begründung führt er lediglich an: „Ich bin euer Führer. Ich sage, was richtig ist.“ Dass seine Botschaft richtig war, daran gibt es aus der Rückschau keinen Zweifel. Warum Mandela aber in diesem historischen Moment so auf die Massen einwirken konnte, dies hat der Film zuvor nicht befriedigend zu erklären vermocht. Er hat es nicht einmal ernsthaft versucht.

Bedauerlicherweise geht Regisseur Chadwick Mandelas Leidenschaften nicht auf den Grund, seinen emotionalen Antrieben, seinen Zweifeln, Wandlungen und schon gar nicht seinen Irrtümern. Weil er sich viel zu sehr auf die äußere Biografie beschränkt, kann er letztlich auch die entscheidende Frage nicht beantworten: Was macht einen Menschen so groß? Was macht ihn zu einer Jahrhundertfigur, die sich so deutlich von einem gewöhnlichen Politiker abhebt?

Aus Nelson Mandelas Leben lässt sich leicht ein Dutzend Filme machen. Es in einen einzigen zu pressen, war die falsche Entscheidung.

Mandela. Der lange Weg zur Freiheit. Regie: Justin Chadwick, GB/Südafrika 2013, 147 Min.

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