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PT Barnum und die willige Träumerin an seiner Seite, Hugh Jackman und Michelle Williams.

"The Greatest Showman"

Der größte Blender

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Optimismus und Tatendrang finden ihre musikalische Umsetzung. Trotzdem kann auch der begabte Hugh Jackman das Retro-Musical "The Greatest Showman" nicht retten.

Das an technischen und politischen Umwälzungen so reiche 19. Jahrhundert war auch die große Epoche der Schaustellerei. So befremdet man heute auf die damals so populären Kuriositätenkabinette und Freak-Shows zurückschaut, auf kolonialistische Völkerschauen oder Buffalo Bills Wildwest-Show, muss man doch zugeben: Auch die ersten Filme waren Jahrmarktsattraktionen und konkurrierten dort um Aufmerksamkeit mit bärtigen Frauen und Männern ohne Unterleib. 

Das Filmmusical „The Greatest Showman“ erzählt von einem der berühmtesten Schausteller Amerikas, Phineas Taylor Barnum (1810 – 1891). Sein Name ist heute vor allem in Verbindung mit einem Mehr-Manegen-Zirkus geläufig, der erst im vergangenen Mai nach 146 Jahren schließen musste. Nicht das Internet oder die modernen Medien, sondern der Tierschutz machte dem Unternehmen zuletzt das Leben schwer; Elefantendressuren schienen einfach nicht mehr in die Gegenwart zu passen. 

Der echte Barnum war ein skrupelloser Schwindler

Auch Michael Graceys Film macht einen großen Bogen um alles nach heutigen Moralvorstellungen Abstoßende an Barnums Schau-Geschäft, und das hat nicht nur mit Elefanten zu tun: Das Schicksal des Riesen-Dickhäuters Jumbo, mit dem Barnum noch in ausgestopftem Zustand ein Vermögen machte, fehlt in der Geschichte ebenso wie die angeblichen „Aztekenkinder“, die er aus einem Heim für geistig Behinderte in seine Show verfrachtet hatte. Keine Erwähnung von Joice Heth, einer afroamerikanischen Sklavin, die Barnum als 161-jährige ehemalige Nanny von George Washington ausgab. Der echte Barnum war ein skrupelloser Schwindler, der sich nicht scheute, den leichtgläubigen New Yorkern des Jahres 1841 das Präparat einer angeblichen Meerjungfrau zu zeigen, das tatsächlich aber aus einem Affentorso und einem Fischschwanz montiert worden war. 

Das Leben dieses Filous in angemessener Schwärze zu verfilmen, wäre sicher eine gute Idee für einen Tim Burton. Der Barnum, den Hugh Jackman spielt, ist dagegen ein zwar schillernder aber grundsympathischer Held, der sogar von den behinderten Menschen, die er als Freaks ausstellt, wie ein umsorgender Patriarch verehrt wird. 

Pionier der Unterhaltungskultur

Optimismus und Tatendrang finden ihre musikalische Umsetzung in aufwärts eilenden Dur-Kadenzen. Musical-Macher nennen solche Nummern „I Want“-Songs, und die Filmmusikgeschichte ist reich an ihnen. Von „Over the Rainbow“ bis zu Belle, der Heldin in „Die Schöne und das Biest“ und ihrem unmissverständlichen Ruf nach Abenteuer jenseits der Provinz. „A Million Dreams“ heißt der Theme-Song dieses Films, den wir ganz bestimmt bei der nächsten, bald kommenden Oscar-Verleihung wiederhören werden. Jackman singt ihn gemeinsam mit Michelle Williams, der willigen Träumerin an seiner Seite. Um dem Emporkömmling zu folgen, hat sie sogar mit ihrem arroganten Vater gebrochen, einem Vertreter des New Yorker Geldadels. 

In der Wirklichkeit machte auch Barnum ein Vermögen allein mit seinem Kuriositätenkabinett, dem American Museum, das in 23 Jahren 38 Millionen Besucher angezogen haben soll. In dieser Filmgeschichte ist es seiner kleinen Tochter aber viel zu muffig, worauf aus Barnum eine Art Erlebnis-Theatermacher wird. Der erste André Heller, wenn man so will. 

Der eigentliche Schurke der Geschichte ist ausgerechnet ein Kritiker, den Paul Sparks verkörpert. Ihm fällt die Rolle des arroganten „highbrow“ zu, der alles Populäre verachtet und Barnum erst etwas Achtung entgegenbringt, als dieser die legendäre schwedische Opernsängerin Jenny Lind (Rebecca Ferguson) zu einer Konzerttournee in die USA holt. Noch schwerer fällt es Barnum, dem Hansdampf und Selfmademan, in dieser formelhaften Aufsteigergeschichte die Anerkennung seines vermögenden Schwiegervaters zu erringen. Der echte Barnum hätte darüber wohl nur gelacht. 

Wenn man Phineas Barnum als einen Pionier der Unterhaltungskultur sehen will, so liegt seine Bedeutung im Erreichen eines Massenpublikums durch eine denkbar eklektische Anhäufung von allem, was interessant sein könnte – ohne Rücksicht auf Kriterien von Kunst oder Fake. Noch heute kennt man in der Psychologie den „Barnum-Effekt“ für die Neigung des Menschen, vage Aussagen über die eigene Person als treffend zu interpretieren. 

Erstaunlich, wie schwer sich dieser Hollywoodfilm dagegen tut, mit diesem so abenteuerlichen Sammelsurium eines höchst widersprüchlichen Wirkens umzugehen. All die spektakulärsten Auswüchse der Sensationsgier hat man eingeebnet zu einer Art Roncalli-Version.

Der größte Anachronismus in diesem poppig-bunten 19. Jahrhundert aber ist der Song-Soundtrack. Jenny Lind rührt das Publikum nicht mit Arien, sondern pathetischen Pop-Balladen zwischen Las Vegas und unechtem Abba. Es ist schon erstaunlich, wie blass die „schwedische Nachtigall“ hier bleibt, die im wirklichen Leben von Hans Christian Andersen und Chopin geliebt wurde. 

Nicht dass die Songs der „La-La-Land“-Komponisten Benj Pasek und Justin Paul nicht schmissig wären – sie fühlen sich nur kein bisschen ein in den historischen Kontext. Das hätte keineswegs so sein müssen, denn es gibt ja sogar stimmige Broadway-Musicals, die im Mittelalter spielen („Camelot“). 

Tapfer schmettert Showman Hugh Jackman diese „Show Tunes“ herunter und scheint dabei seinen legendären Auftritt bei den Oscars 2009 wiederholen zu wollen. Nur in einem wird „The Greatest Showman“ seinem Thema wirklich gerecht: Es ist mehr Fake als Kunst darin.
 

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