Das größte Ereignis in „Gretel & Hänsel“ ist seine Gretel: die inzwischen 18-jährige Sophia Lillis.
+
Das größte Ereignis in „Gretel & Hänsel“ ist seine Gretel: die inzwischen 18-jährige Sophia Lillis.

Gruselfilm

„Gretel & Hänsel“ im Kino: Fleisch ist der neue Lebkuchen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Schick, aber nicht gruselig: Oz-Perkins’ Horrormärchen „Gretel & Hänsel“.

Das Hexenhaus ist windschief wie auf einem expressionistischen Gemälde, aber aus Süßigkeiten ist es nicht gebaut. Dafür hat der Duft frisch zubereiteter Fleischwaren eine umso größere Anziehungskraft auf das hungrige Geschwisterpaar, das sich im Wald verirrt hat. Tatsächlich geizt die greise Bewohnerin nicht mit den Proben ihrer Kochkunst. Irgendwann eröffnet sie der 16-jährigen Gretel, nun sei es an der Zeit, dass sie ihren achtjährigen Bruder verspeist. Wer sich derzeit vor der fleischverarbeitenden Industrie gruselt, kennt dieses spezielle Knusperhaus noch nicht.

Hänsel und Gretel als Horrorfilm – das ist nun wirklich keine sehr ausgefallene Idee. Für viele Menschen ist Grimms Märchen vermutlich die erste Schauergeschichte, die sie in ihrem Leben hören. Würde man seine knapp zehn Seiten werkgetreu verfilmen, wäre das Ergebnis nach heutigen Maßstäben kaum noch jugendfrei: Eine Mutter, die den Nachwuchs im Wald aussetzen lässt, damit er ihr nicht die Haare vom Kopf frisst; eine kannibalische Hexe, die im Gegenzug keine Probleme damit hätte, selbige Kinder mit Haut und Haaren zu verspeisen. Dazu: ein Junge im Stall-Gefängnis und ein Mädchen, dass sich den Feuertod der Hexe aufs Gewissen laden muss. Am Ende plündern beide glücklich die Schätze im Hexenhaus. „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ taufte der Norweger Tommy Wirkola das tapfere Geschwisterpaar in seinem sehr erfolgreichen Fantasyfilm von 2013.

Ein ähnliches Phänomen ist von Oz Perkins’ Neuverfilmung „Gretel und Hansel“ trotz seiner in Neo-Noir-Ästhetik stilisierten Bilder nicht zu erwarten. Schon in den USA reagierten Kritiker im vergangenen Januar mit einiger Verwunderung über den prominenten Kinoeinsatz der vergleichsweise kleinen Fünf-Millionen-Dollar-Produktion. So wie man sich auch diese Woche in Deutschland fragen kann, ob sich unter den zahlreichen aufgeschobenen Kinostarts nicht etwas Repräsentativeres finden ließ, um die Wiedereröffnung der Kinos zu feiern. Oder wollte man Christian Petzolds grandioser „Undine“ – in der Vorwoche erfolgreich gestartet – einfach mit einem zweiten Märchenfilm Konkurrenz machen?

Für die amerikanische Filmindustrie ist die jugendliche Teenie-Horror-Klientel eine Art Goldesel; sind die Budgets nur niedrig genug, kann man eigentlich nur gewinnen. Zu den formelhaften Genrevariationen gesellen sich seit einigen Jahren künstlerisch anspruchsvollere Ausflüge ins Fantastische, die zugleich auf Festivals bestehen können. Auch der Schauspieler und Regisseur Oz Perkins, der seine erste Rolle ausgerechnet als kindlicher Norman Bates in „Psycho II“ spielte, hegt offensichtlich ähnliche Ansprüche. Deutlich inspiriert vom italienischen Altmeister Dario Argento, kombiniert er malerische Bildwirkungen mit Vorliebe für Rot und Schwarz mit einem elektronischen Art-Rock-Soundtrack des Franzosen Rob.

Das kommt vor allem jenen Szenen zu Gute, in denen wenig passiert, und davon gibt es eine Menge. Der originellste Moment ist jener, in dem die Kinder auf ihrer Odyssee durch den Wald an Fliegenpilzen knabbern. Die sehen zwar so künstlich aus, als sei die Farbe der Ausstattungsabteilung noch nicht getrocknet, versetzen aber sie in ausgelassene Heiterkeit – was dem drogenaffinen Teil des Publikums ganz gut gefallen dürfte.

Weniger effektvoll ist Perkins darin, tatsächliche Spannungsmomente zu bedienen. Oft genug erschreckt man sich allein durch den wummernden Soundtrack, ohne in den dunklen Bildern das entsprechende Ereignis überhaupt ausgemacht zu haben. Aber viel dürfte der nun zur Hauptfigur aufgestiegenen Gretel wohl auch nicht passieren, immerhin erzählt sie ja die Geschichte aus dem Off, und insofern wird sie wohl am Ende überleben. Das wäre mal etwas wirklich Gruseliges: Ein „Hänsel und Gretel“-Film, den die Hexe erzählt.

Man sollte Gruselfilme nicht dafür tadeln, dass sie nicht gruselig sind. Man muss Mitleid mit ihnen haben wie mit einem freundlichen Geist. Das größte Ereignis in „Gretel & Hänsel“ ist ohnehin seine Gretel: Mit der inzwischen 18-jährigen Sophia Lillis kann man einen kommenden Star bewundern, dem Hollywood bald zu Füßen liegen dürfte. Bekannt geworden durch ihre Kinderrolle in der Neuverfilmung von Stephen Kings „Es“, spielte sie zuletzt in der Netflix-Serie „I Am Not Okay With This“.

Mit der offenen Ausstrahlung einer jungen Julie Andrews trotzt sie dem falschen Schick dieses Designer-Horrors, als hätte sie mit allem nichts zu tun.

Gretel & Hänsel.  USA 2020. Regie: Oz Perkins. 88 Min.

Kommentare