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Echte Kumpel: Viggo Mortensen (links) mit Mahershala Ali in „Green Book“.

„Green Book“

Orpheus in der Unterwelt

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Peter Farrellys Oscar-Anwärter „Green Book – eine besondere Freundschaft“ biegt die Biografie des Musikers Don Shirley auf Standardmaße zurecht.

Es gibt sicher viele Wege, „Green Book“, einen der Favoriten der kommenden Oscar-Verleihung, an sein Publikum zu bringen. „Inspiriert von einer wahren Freundschaft“, heißt es auf dem US-amerikanischen Filmplakat, in Deutschland hat der Verleih diese „besondere Freundschaft“ gleich zu einem Teil des Titels erhoben. 

In Verbindung mit dem Foto, das einen weißen Chauffeur mit seinem schwarzen Arbeitgeber zeigt, ist der Verweis eindeutig: Offensichtlich wird hier die Nähe zu einer der erfolgreichsten Gesellschaftskomödien dieses Jahrzehnts gesucht, „Ziemlich beste Freunde“. In der Tat verbindet beide Filme nicht nur ihr Genre, das man in den USA „buddies comedy“ nennt. Auch das soziale Gefälle, das dieses sich in Freundschaft verwandelnde Arbeitsverhältnis wenigstens symbolisch überwindet, ist vergleichbar: Der Beschäftigte stammt aus der Arbeiterklasse, sein Chef aus einer gebildeten oberen Mittelschicht. Dass dabei beide gleichermaßen voneinander lernen werden, gehört zu den verlässlichen Versprechen von Komödien über soziale Gegensätze. Der einzige, nicht ganz unerhebliche Unterschied: Der wirtschaftlich erfolgreichere Teil des Duos, die Hälfte, die hinten sitzt, ist schwarz. 

Don Shirley ist ein erfolgreicher Plattenstar, der sich nicht ohne Grund einen bulligen, italienischstämmigen Türsteher als Fahrer engagiert hat. Denn es geht durch den Süden der USA in den frühen Sechzigern – zu einer Zeit, als der institutionelle Rassismus noch allgegenwärtig war. Mehr als einmal wird der von Viggo Mortensen gespielte Tony Lip seinen Chef Dr. Shirley (Mahershala Ali) vor brutalen Angriffen beschützen müssen.

Don Shirley war so virtuos wie Liberace

Man könnte diesen Film auch anders bewerben, als ein Biopic über einen zumindest unter Liebhabern unvergessenen Musiker. Don Shirley und sein Trio operierten sehr erfolgreich an den Schnittstellen zwischen Jazz, Easy Listening und leichter Klassik. Als Showman war er ähnlich virtuos wie Liberace, jedoch nie pompös. Ein früher Chilly Gonzales, wenn man so will. In der Musikgeschichte rutschte der 2013 verstorbene Shirley zwar zwischen die gebräuchlichen Schubladen, doch ein kurzer Besuch auf Youtube reicht, um sich ein Bild von seinem vielfältigen Talent zu machen. Seine Single „Water Boy“ (1961) ist eine mitreißende Rhythm-and-Blues-Nummer, aber wie viel anspruchsvoller ist seine Vertonung von „Orpheus in der Unterwelt“ nur fünf Jahre früher! Ein spätimpressionistisches Soloklavierstück, nicht weit von Erik Satie. 

In seiner weiteren Karriere komponierte Shirley eine Jazzsinfonie für Duke Ellington und eine Tondichtung zu James Joyces „Finnegans Wake“. Welch komplexe Künstlerfigur muss sich hinter Shirley verbergen, doch Peter Farrellys Film nimmt sich nicht die Zeit, ihr auf den Grund zu gehen. Es ist tatsächlich keine einzige von Shirleys Kompositionen im Film zu hören, und es entsteht der falsche Eindruck, Shirley hätte lediglich leichten Jazz und Klassik-Hits gespielt. 

Ausgerechnet dem Bauchgefühl des Fahrers überlässt der Film, in diesem Repertoire den wahren Shirley auszumachen – was dann tatsächlich auf konsensfähige Jazz-Standards hinausläuft.

Zwischendurch belehrt der Chauffeur seinen elitär sozialisierten Chef auch über die Errungenschaften von Little Richard, Chubby Checker und der Fast-Food-Industrie. Es wundert nicht, dass Mortensen und nicht Ali für einen Oscar nominiert wurde; seine Figur des proletarischen Weißen wurde mit besserem Dialog ausgestattet, wohl auch, weil es unverfänglicher ist, in abgenutzten Klischees über Italo-Amerikaner zu schreiben als in unverkrampftem Sprachduktus über die Opfer der Rassendiskriminierung. 

So gerät die emotional tatsächlich weit komplexere Figur des Don Shirley ins Hintertreffen. Einmal mehr wird eine afroamerikanische Hauptfigur in einem Hollywoodfilm über weite Strecken zum reinen Funktionsträger degradiert. 

Don Shirleys Bruder distanziert sich vom Film

Man könnte diesen Film auch anders bewerben, als eine dramatische Komödie über die Schrecken der Rassentrennung. Hier aber geht er nicht weit genug. Gewiss, mit Bewunderung erlebt man, wie mutig sich Shirley in die schlimmsten Rassistennester begibt, doch hinter dem nostalgischen Glanz von Filmen wie „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ dringt die ganze Härte nicht mehr durch. Wie viel mehr Raum widmet der aufs Grellere spezialisierte Farrelly (zuletzt sah man von ihm „Dumm und dümmehr“) einer Cyrano-de-Bergerac-Geschichte, die Shirley zum Ghostwriter von Tonys Liebesbriefen macht. 

Es wundert nicht, dass sich inzwischen Don Shirleys Bruder von diesem Film distanzierte: „Mein Bruder hat Tony nie als seinen ‚Freund‘ betrachtet“, erklärte er im Gespräch mit der Publikation „Black Enterprises“, „er war sein Angestellter, sein Chauffeur (der es nicht mochte, Uniform und Mütze zu tragen). Darum sind Kontext und Detail so wichtig: Die Tatsache, dass ein erfolgreicher, wohlhabender schwarzer Künstler Hausangestellte beschäftigte, die nicht wie er aussahen, sollte nicht ganz unter den Tisch fallen.“ 

Es wäre leicht gewesen, ein vermutlich besseres Biopic über den Musiker Don Shirley zu machen, das näher an den Tatsachen gewesen wäre. Aber das wäre dann auch nicht mehr so nah bei „Ziemlich beste Freunde“.

Green Book – eine besondere Freundschaft. USA 2018. Regie: Peter Farrelly. 131 Min.

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