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Die Schauspieler Jamie Dornan und Dakota Johnson in einer Szene des Films „Fifty Shades of Grey“.

„Fifty Shades of Grey“

Grau in Grau

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Auf die Erneuerung des erotischen Kinos muss man weiter warten: Die Beststeller-Verfilmung „Fifty Shades of Grey“ ist überraschend geschmackvoll anzusehen, doch dem Film fehlt jede Würze.

Als Stanley Kubrick seinerzeit einen der größten Skandalromane des vergangenen Jahrhunderts ins Kino brachte, brauchte er nach Zweiflern an diesem Unterfangen nicht lange zu suchen. Kurzerhand druckte er ihre bange Frage auf die Filmplakate – als Werbeslogan: „Wie konnte man nur jemals einen Film aus ‚Lolita‘ machen?“

Angesichts des enormen Verkaufserfolgs der erotischen Romantrilogie „Fifty Shades of Grey“ von E. L. James stellte natürlich niemand mehr eine solche Frage. Selbstredend kommt ein Buch das sich so oft verkauft – bei rund hundert Millionen liegt inzwischen die Gesamtauflage – früher oder später auf die Leinwand.

Wie in der Welt des dominant-sadistisch veranlagten Konzernchefs Christian Grey gehört dazu nur der richtige Vertrag. Stattdessen hörte man allerdings eine andere Frage: „Wie um alles in der Welt wollen die nur einen GUTEN Film daraus machen?“

Nun, der Film der heute – nach den Ehren einer großen Berlinale-Premiere am gestrigen Mittwoch – in die Kinos kommt – ist zumindest überraschend geschmackvoll anzusehen. Zu umschiffen war dabei weniger die Klippe sexueller Anstößigkeit (denn was ist schon anstößig an einvernehmlichem Sex unter Erwachsenen, die nicht miteinander verwandt sind) als ein paar andere Hürden: Banaler Dialog, ein schwärmerischer Illustriertenblick auf die ach-so-interessante Glitzerwelt der Superreichen. Und vor allem: Ein Mangel an Phantasie, die natürlich im SM-Studio mindestens so gefragt ist wie in jedem Schlafzimmer. In den ersten zwei Punkten kann man angenehm überrascht sein. Drehbuchautorin Kelly Marcel zeigte schon in der Disney-Komödie „Saving Mr. Banks“ ein großes Talent für Dialog. Und der zurückhaltende Stil von Regisseurin Sam Taylor-Johnson, die als bildende Künstlerin und Filmemacherin unter ihrem früheren Namen Sam Taylor-Wood bekannt wurde) macht diese moderne Version von „Die Schöne und das Biest“ sogar fast glaubwürdig.

Die langsame Einführung – die erste Stunde ist nicht nur absolut jugendfrei sondern auch bar jeder Spannung – kann man vielleicht noch als Genrekonvention goutieren: Wie schleppten sich doch seinerzeit die Softpornos der Siebziger Jahre dahin, „Die Geschichte der O“ oder die „Emanuela“-Abenteur? Doch wenn es um die erotischen Momente geht, arbeitet Taylor-Johnson weit unter ihren Möglichkeiten. Ihren ersten Kinokurzfilm „Love You More“ über die aufregende Wirkung der gleichnamigen Single der Buzzcocks gehört immerhin zu den erotischsten Filmen der letzten Dekade. Hier hingegen passiert fast nichts. Und man kann auch nicht von der „Kunst der Auslassung“ sprechen.

Es ist schon kurios: Auch wenn der Roman „Fifty Shades of Grey“ eine Schlüsselrolle auf dem Weg einer wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz jener unter dem Begriff BDSM verhandelten sexuellen Orientierungen steht, könnte dieser Film ebenso gut aus der Zeit von Kubricks „Lolita“ stammen können, den frühen Sechzigern. Wieviel weiter war etwa Nagisa Oshima als er 1976 sein Meisterwerk „Im Reich der Sinne“ drehte?

Der altmodische Stil kommt freilich nicht von ungefähr. Wie schon der Roman ignoriert dieser Film die immense Bedeutung, die das Internet heute bei der Partnerwahl spielt. Niemand mit der sexuellen Orientierung von Mr. Grey käme ohne seine Dienste aus. Aber auch für eine klassische, erotische Romanze fehlt „Fifty Shades of Grey“ jede Würze. Die Psychologie der soziopathisch agierenden Hauptfigur bleibt ebenso unterbelichtet wie die Gründe, warum ihm die 21-jährige Collegeabsolventin Anastasia noch als Jungfrau begegnet. Sicher wird dazu noch einiges in den geplanten Fortsetzungen nachgereicht. Aber wer bleibt nach einem Vorspiel von zwei Stunden Dauer wohl noch bei der Stange?

Die Berlinale, die sich diesen Hype nicht entgehen lassen wollte, hat ja auch noch ein Remake von Disneys „Cinderella“ auf dem Spielplan. Wer von der Aschenputtel-Verfilmung „Fifty Shades of Grey“ dunklere Töne erwartet hätte, hat leider ausgeträumt.

Fifty Shades of Grey. USA 2015. Regie: Sam Taylor-Johnson. Mit Dakota Johnson, Jamie Dornan, Jennifer Ehle. 125 Min.

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