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Pflegerin Filomena nimmt den Menschen die Angst vorm Sterben.

„37 Grad: Der Geschmack von Leben“

Wenn jeder Tag der Letzte sein kann

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Die 37-Grad-Reportage „Der Geschmack von Leben“ erzählt auf unsentimentale, aber dennoch berührende Weise vom Leben mit dem Tod.

Diese Reportage aus der ZDF-Reihe „37 Grad“ ist schon deshalb zu loben, weil sie den Tod ins Leben holt. Die Fernsehzuschauer vertreiben sich zwar allabendlich die Zeit mit Mord und Totschlag im TV-Krimi, aber aus dem Alltag ist das Sterben weitgehend verbannt; niemand möchte gern daran erinnert werden, dass seine Zeit auf Erden endlich ist. Jana Matthes und Andrea Schramm zeigen in ihrem Film „Der Geschmack von Leben“, wie ein vorbildlicher Umgang mit dem Tod aussieht. Die drei Protagonistinnen der Reportage arbeiten im Baden-Badener Kafarnaum, benannt nach dem biblischen Fischerdorf in Galiläa, aus dem mehrere Jünger Jesu stammten und in dem er eine Weile gelebt hat. Wer in dieses Hospiz kommt, hat alle Hoffnung fahren lassen müssen. Viele bleiben nur wenige Tage, andere einige Wochen, kaum jemand mehrere Monate. Ein halbes Jahr lang haben die Autorinnen drei Frauen bei ihrer Arbeit beobachtet: Köchin Christiane verwöhnt die Patienten mit ihren Leibgerichten, die ehrenamtliche Helferin Bea ist gelernte Fußpflegerin und sorgt mit ihren Gesprächen dafür, dass die Sterbenden wenigstens eine kurze Zeit nicht mehr an ihr Schicksal denken. Dritte im Bunde ist Filomena. Dank ihrer Warmherzigkeit ist die Pflegerin eine Art Engel der Sterbenden, aber natürlich braucht auch diese herzliche Frau, die schon einige hundert Menschen in den Tod begleitet hat, hin und wieder Zuspruch; und auf die letzten Fragen hat auch sie keine Antwort.

Mindestens so mutig wie die Frauen, die zum Teil tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gewähren, sind die beiden Patienten, die nichts dagegen hatten, auf dem Sterbebett gefilmt zu werden. Herr Nöther macht allerdings noch einen recht rüstigen Eindruck, zumindest zunächst. Zwischen den Besuchen der beiden Autorinnen liegen zum Teil mehrere Wochen; in dieser Zeit verfällt der alte Herr zusehends. Dennoch dürfen Matthes und Schramm ihn auch gegen Ende zeigen, als er trotz der Köstlichkeiten, die Köchin Christiane auf Wunsch der Patienten zubereitet, erschreckend abgemagert ist. Selbst bei einem intimen Gespräch mit der Tochter ist die Kamera dabei; Herr Nöther gesteht ihr, er habe keine Kraft mehr, und das sieht man auch. Bei einer zweiten Patientin, Frau Tritsch, geht es viel schneller. Sie ist gerade mal Mitte fünfzig und hat einen Hirntumor. Dieser Fall geht Pflegerin Filomena sehr nahe; ihre Mutter ist im gleichen Alter gestorben.

Sendungsinfo

Reportage „37 Grad: Der Geschmack von Leben“
Sendetermin TV: Dienstag, 12.2., 22.15 Uhr, ZDF

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Natürlich lässt sich bei einem derartigen Thema eine gewisse Traurigkeit nicht vermeiden. Als Frau Tritsch und Herr Nöther sterben, sind sie keine längst Fremden mehr. Trotzdem ist es den Autorinnen erstaunlich gut gelungen, die Geschichten dieser fünf Menschen ohne Sentimentalitäten zu erzählen. Das liegt zum einen am Kommentar, der nie auf die Tränendrüse drückt, und zum anderen an den Frauen, deren positive Ausstrahlung nicht einen Moment lang aufgesetzt wirkt; es gibt überhaupt keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die drei ganz genauso verhalten, wenn keine Kamera dabei ist. Die respektvolle Haltung der Filmemacherinnen zeigt sich spätestens nach dem Ableben der beiden Todkranken: Als Frau Tritsch gestorben ist, wartet die Kamera vor der Tür. Nach dem Tod von Herrn Nöther, zu dem die Mitarbeiterinnen schon allein wegen seines langen Aufenthalts im Hospiz eine besonders enge Beziehung hatten, gibt es eine kleine Abschiedszeremonie; auch diesmal wahrt die Kamera Diskretion und zeigt nur die bleichen Hände des Toten.

Maßgeblichen Anteil an der Qualität des Films hat die Überlegung der Autorinnen, auch die Familien der drei Hospiz-Mitarbeiterinnen mit einzubeziehen. Als Außenstehende repräsentieren sie in gewisser Weise die Position der Zuschauer. Christianes Mann gibt offen zu, dass er zunächst „richtig Angst“ hatte, als seine Frau ihren früheren Job aufgegeben hat, um im Hospiz zu arbeiten; nach einigen herzerfrischenden Begegnungen mit den Patienten war das kein Thema mehr. Filomenas Mann sorgt dafür, dass sie auch mal abschaltet, Beas Mann hat gemeinsam mit seiner Frau erfahren, wie fragil das Leben sein kann, und Christiane hat durch die Arbeit im Hospiz gelernt, die Erfüllung ihrer eigenen Wünsche nicht mehr aufzuschieben. Auch das ist eine Botschaft der Reportage: Im Haus Kafarnaum kann jeder Tag einen Abschied bringen, kann jedes Gespräch das letzte sein, und dieses Wissen lässt jeden Augenblick zu einem besonderen Moment werden, den es zu genießen gilt; eine Erkenntnis, die nicht nur im Hospiz ihre Gültigkeit hat.

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