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Levke Sonntag (50) betreut Obdachlose in einem Arztmobil in Hamburg. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihre Patienten.

„37 Grad: Wo andere wegsehen“, ZDF

„Jeder neue Tag ist ein neuer Kampf“

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„37 Grad: Wo andere wegsehen“: Eine gelungene Reportage über Ärzte, die sich um Obdachlose kümmern.

Sie trägt einen Hoodie mit der Aufschrift „outer space“, und da kommt sie auch her: von draußen, außerhalb der gutbürgerlichen Gesellschaft. Nun ist die Frau im „Arzt-Mobil“ in Essen gelandet und wird von Doktorin Ursula Schürks behandelt. Denn sie ist obdachlos und krank. In Hamburg kümmert sich Ärztin Levke Sonntag um einige der geschätzt 2000 Obdachlosen, die in der Hansestadt ihr Dasein ohne festen Wohnsitz fristen. Und in München ist es der Mediziner Thomas Beutner, der eine Praxis für Wohnungslose in München unterhält. Sie alle werden bei ihrer ungewöhnlichen Arbeit von Autorin Anne Kauth begleitet, die für die 37 Grad-Redaktion des ZDF den Film „Wo andere wegsehen – Ärzte im Einsatz für Obdachlose“ gedreht hat. 

Dabei fällt vor allem auf, wie selbstverständlich und ohne Weiß-Kittel-Attitüde die Ärzte ihre Arbeit tun – auch nachts und am Wochenende. Es gebe natürlich viel Elend, sagt Ursula Schürks, aber „das gibt es auf der ganzen Welt“. Da wird eine Haltung erkennbar, die mit Idealismus vielleicht zu pathetisch beschrieben ist. Diese Mediziner – in den 70er-Jahren hätte man sie in Anlehnung an ein chinesisches Modell vielleicht „Barfußärzte genannt – tun, was das Ethos ihres Berufsstandes ist. Unausgesprochen taucht da die Frage auf, ob der Numerus Clausus als wichtigstes Zugangskriterium zum Medizinstudium nicht vielleicht das falsche ist. Sie betreibe „Arzttum im ursprünglichen Sinne“, sagt Ursula Schürks. 

Szenen aus „37 Grad: Wo andere wegsehen“

Ärztin Levke Sonntag kümmert sich ehrenamtlich am Wochenende um Obdachlose in Hamburg. Sie versorgt ihre Patienten in einer mobilen Praxis.
Ärztin Levke Sonntag kümmert sich ehrenamtlich am Wochenende um Obdachlose in Hamburg. Sie versorgt ihre Patienten in einer mobilen Praxis. © ZDF/Micha Bojanowski
Dr. Thomas Beutner betreut Wohnungslose in München. Er kennt die Not seiner Patienten und ist aus Überzeugung Arzt.
Dr. Thomas Beutner betreut Wohnungslose in München. Er kennt die Not seiner Patienten und ist aus Überzeugung Arzt. © ZDF/Micha Bojanowski
Ärztin Levke Sonntag betreut ehrenamtlich Obdachlose am Wochenende in Hamburg. Sie behandelt mit einer Kollegin ihre Patienten in einem rollenden Arztmobil.
Ärztin Levke Sonntag betreut ehrenamtlich Obdachlose am Wochenende in Hamburg. Sie behandelt mit einer Kollegin ihre Patienten in einem rollenden Arztmobil. © ZDF/Micha Bojanowski
„Wenn wir nicht helfen, hilft ihnen keiner“: Ärztin Levke Sonntag kümmert sich um Obdachlose in Hamburg in einem Arztmobil.
„Wenn wir nicht helfen, hilft ihnen keiner“: Ärztin Levke Sonntag kümmert sich um Obdachlose in Hamburg in einem Arztmobil. © ZDF/Tiemo Fenner
„Wir wissen nicht, ob sie alle den Winter überstehen!“: Obdachlosenärztin Levke Sonntag behandelt Obdachlose in einem Arztmobil in Hamburg.
„Wir wissen nicht, ob sie alle den Winter überstehen!“: Obdachlosenärztin Levke Sonntag behandelt Obdachlose in einem Arztmobil in Hamburg. © ZDF/Tiemo Fenner

Ihre Arbeit bei der Gesellschaft für soziale Dienstleistungen wird durch die Stadt Essen unterhalten, das Arzt-Mobil in Hamburg ist dagegen zum Beispiel „allein durch Spenden finanziert“ – ein Skandal. Dabei verdienten die Helfer jede erdenkliche Unterstützung. Aber auch die „Kunden“ wollen nicht immer so, wie der Doktor rät und es gut für sie wäre. Aber die Mediziner begegnen ihren Patienten auf Augenhöhe, auch wenn sie es besser wissen. So rät Levke Sonntag dem von ihr betreuten Michael, dass er seine erkältete Freundin zum Aufsuchen einer Unterkunft für Wohnsitzlose drängen soll. Er will nicht, ist stolz auf seine fast 40 Jahre auf der Straße und glaubt, seine Partnerin schaffe es auch so durch den Winter. Am Ende muss die Ärztin erfahren, dass er selbst die Kälte nicht überlebt hat. 

Wer in deutschen Großstädten an den Lagern mit Schlafsäcken und Matratzen vorbeigeht wie etwa auch im Hamburger Vergnügungsviertel Reeperbahn, macht sich wohl selten klar, wie viel Not und Elend dort versammelt sind. Von den psychischen Problemen dieser Menschen schweigt der Film, wie er auch nicht groß nach dem Warum fragen will: Es geht um Hilfe für Kranke. Aber jeden Winter gibt es in den Metropolen auch immer noch die Debatte, ob man die Obdachlosen in den U-Bahn-Stationen schlafen lässt, weil wohlsituierte Beamte um die Sauberkeit fürchten; so geschehen im vergangenen Herbst in Berlin. 

Der Film zeigt, dass jede(r) Einzelne dort draußen als Mensch behandelt zu werden verdient. Thomas Beutner erzählt von einem Patienten, der es nach 17 (!) Versuchen geschafft hat, vom Alkoholismus loszukommen und „trocken“ zu werden. Solche Erfahrungen sind es unter anderem, die die Ärzte motivieren weiterzumachen. Und dass sich, wie die Autorin berichtet, sich immer mehr Helfer für die auf der Straße Lebenden finden. 

Die 37 Grad-Reihe wird von den Kirchenredaktionen im ZDF betreut, die sich hier, in einem relativ festen Schema, das an die nur halbstündige Sendezeit angepasst ist, um das „Allgemein-Menschliche“ kümmern. Das ist in Zeiten, da die Kirchen nicht zu Unrecht in denkbar schlechtem Licht stehen, auch mal wieder einer Erwähnung wert. 

Zur Sendung

Reportage: „37 Grad: Wo andere wegsehen“

TV-Sendetremin: Dienstag, 19. Februar, 22.15 Uhr, ZDF

Netz: ZDF Mediathek

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