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Auch ein Kandidat für den Hauptpreis, obwohl dieser Film das Publikum spaltet: „Pieta“ des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki Duk.

Venedig Filmfest

Gott will das hier nicht!

Filme von Kim Ki-duk, Olivier Assayas und Valeria Sarmiento sind beim Festival Venedig dabei, aber auch der sehenswerte Wettbewerbsbeitrag über das orthodoxe Judentum.

Von Anke Westphal

Das Urteil „reaktionär“ fällt dieser Tage ziemlich häufig am Lido. Mit der wachsenden Zahl von Filmen, die sich beim Festival Venedig im weitesten Sinn an Glaubensfragen abarbeiten, wird es immer gebräuchlicher. Das ist interessant, denn es zeigt letztlich, dass der Atheismus längst selbst fundamentalistisch auftritt. Und damit blind auf einem Auge bleibt – blind für andere Weltbezüge und Lebensausrichtungen. Denn was bitte soll reaktionär sein am israelischen Wettbewerbsbeitrag „Lemale et ha“chalal – Fill the Void“? Der Film erzählt vom Leben orthodoxer chassidischer Juden in Tel Aviv. Auch seine Regisseurin Rama Burshtein ist orthodoxe Jüdin, und sie erlaubt uns mit dieser Arbeit einen Blick in eine geschlossene Gesellschaft, mit der die meisten von uns allenfalls die Vorstellung komisch frisierter Männer (Schläfenlocken!) und von Frauen in Turbanen verbinden. Wie viel komplexer sich das Bild des orthodoxen Judentums gestaltet, weiß man indes nach „Fill the Void“: Es geht hier um eine 18-Jährige, die verheiratet werden soll. Die orthodoxe Tradition gebietet, dass Ehen gestiftet werden. Einen ersten Heiratskandidaten sieht Shira (Hadas Yaron) in Begleitung der Mutter im Supermarkt – von Weitem. Kein Wort wird gewechselt, aber der junge Mann gefällt ihr, und er passt zu ihrer Herkunft. Natürlich ist das Konzept einer Ehe, die zunächst nicht auf Liebe gründet, für aufgeklärte Westeuropäer fremd. Aber darf man es deswegen verurteilen?

Suche nach Wahrhaftigkeit und Liebe

Der Konflikt des Films erwächst nun nicht aus der Tradition sowie deren Geboten, sondern daraus, dass Shiras Schwester bei der Geburt des ersten Kindes stirbt. Witwer und Säugling müssen jedoch versorgt, die Familienverhältnisse konsolidiert werden. Die Lücke, die der Tod riss, soll Shira als zweite Ehefrau des Schwagers nun schließen. Dass sie das erst nicht will, weil es ihr unmöglich erscheint, die Schwester zu ersetzen, wird respektiert von den Eltern und der Gemeinde. Shiras Drama ist damit also keines des Aufbegehrens, sondern eins der Selbstvergewisserung und Suche nach Wahrhaftigkeit – und Liebe – innerhalb der Normen und Gebote des orthodoxen Judentums.

„Fill the Void“ war während der vergangenen Festivaltage einer der interessantesten Konkurrenten um den Goldenen Löwen – auch weil Rama Burshtein ihre Geschichte quasi im Stil von Jane Austen erzählt. Es gibt so viele verborgene Brücken zwischen den Kulturen! Man muss sie nur entdecken und begehen wollen.

Aber am Willen dazu mangelt es doch enorm, was der Mini-Festivalskandal, der jetzt um Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ aufgeflammt ist, hübsch illustriert. Der österreichische Regisseur, seine Hauptdarstellerin Maria Hofstätter, die Produzenten und die Leiter des Festivals Venedig wurden nämlich von einer ultrakonservativen katholischen Organisation wegen Blasphemie angezeigt. Vornehmlich wegen einer angedeuteten Masturbationsszene, in der die Hauptfigur des Films ein Kruzifix unter ihre Bettdecke zieht. Alles, was nur irgend mit einem Gottesbegriff zu tun hat, verstört immer noch gewaltig, und das ein paar Hundert Jahre nach der Epoche der Aufklärung.

Alle wollen nur Sex

Die Mostra von Venedig offenbart: Ob nun Juden oder Christen und ob nun affirmativ oder kritisch – die Einen wollen es gar nicht sehen, die Anderen wollen es nicht auf diese Weise sehen.

Auch das Drama „Pieta“ des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki Duk spaltete die Zuschauer, ging es hier doch um eine Mutter, die ihren Sohn betrauert und dabei zu extremen Mitteln greift – allerdings nicht, um Erlösung zu finden, sondern Rache zu üben. Klar wird das jedoch erst im letzten Drittel des Films, der sein Publikum ebenso an der Nase herumführt wie seine männliche Hauptfigur, einen monströs grausamen Schuldeneintreiber.

Schon haben sich einige Wettbewerbsbeiträge für Preise empfohlen, neben P. T. Andersons „The Master“ oder „Pieta“ etwa auch „Après Mai“ von Olivier Assayas („Carlos - Der Schakal“). In dem autobiografisch gefärbten Gesellschaftsdrama erzählt der französische Regisseur von einer Jugend zu Anfang der 1970er-Jahre: Oberschüler in einem ländlichen Vorort von Paris rebellieren hier im Schlepptau der 68er-Revolte und erkunden zwischen Politik, Kunst und New Age, wer sie sind. Sie drucken Flugblätter, während draußen die Hühner gackern, und letztlich wollen alle nur Sex und sogar Liebe.

Schön mit Laien inszeniert, aber nicht sonderlich dringlich wird Assayas’ Film hier offenbar hoch angerechnet, dass Religion mal nicht vorkommt. Berührender wirkte „Linhas de Wellington“: Der chilenisch-französische Meisterregisseur Raúl Ruiz, der 2011 starb, hat diesen Film nur auf den Weg bringen können. Seine Witwe Valeria Sarmiento hat ihn dann inszeniert: als Figurenpanorama vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege 1810/11 auf der iberischen Halbinsel.

Immer wieder wird im Film die Perspektive gewechselt zwischen den feindlichen Lagern, aber auch verschiedenen sozialen Milieus, um am Ende doch eine hervortreten zu lassen: „Gott will das hier nicht. Er ist Frieden“, heißt es in einer Schlüsselszene. Na, das könnte schlechte Kritiken geben.

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