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Pfarrer Johannes (Lars Mikkelsen, li.) lässt nicht zu, dass sein Sohn August (Morten Hee Andersen, re.) eine wichtige Trauerfeier an seiner Stelle abhält.

"Die Wege des Herrn", arte

Gott und die Welt

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Die mitreißende neue Serie des dänischen Autorenwunders Adam Price wirft einen schonungslosen Blick auf den Zusammenprall von christlichen Kirchenwerten und dem modernen Leben.

Acht Jahre nach der legendären Serie „Borgen“ („Gefährliche Seilschaften“) ist der dänische Autor Adam Price mit seiner neuesten Schöpfung zurück – und auch wenn sie ganz anders scheint, ist sie doch eng verwandt. Denn die geheime Zutat bei „Borgen“, die von vielen etwas naiv als Polit-Serie bezeichnet wurde, war das Private: Es ging nicht nur um die große Entscheidungen der Politik, sondern vor allem darum, wie man mit ihnen im Alltag und im menschlichen Kontakt leben kann.

Das gleiche Prinzip wendet Price nun auch auf eine andere gesellschaftliche Struktur an: Die Religion. Und erneut funktioniert der Plot weniger als Kirchen-Intrige oder Enthüllungs-Serie – sondern als konkreter Versuchsaufbau, wie christliche Werte mit der modernen Lebensrealität noch vereinbar sind. Dies ist nicht die Geschichte einer Figur, oder einer Familie, die vom Glauben abfällt. Stattdessen wird eine ganze Gesellschaft erzählt, die versucht (und daran scheitert), christliches Gedankengut mit dem heutigen Alltag in Einklang zu bringen. „Ich glaube fest an Gott, und ich lebe mein Leben danach“, proklamiert den Star-Pastor Johannes vor inspiriertem Publikum. Aber was heißt das in der heutigen Zeit? Dieser Frage geht die Serie in zehn schonungslosen Stunden nach. 

Johannes selbst ist ein exzellentes Beispiel. Der Familienpatriarch ist auf dem Weg zum Bischofs-Amt, aber mit seinem Alkoholismus, seinen Affären, seinem Ehrgeiz und seiner mnagelnden Liebe für seine Familie hat er längst die Sebst- und Nächstenliebe hinter sich gelassen, die er so mitreißend predigen kann. Seine Frau Elisabeth muss sich derweil fragen, was christliche Werte wie Treue und Vergebung noch bedeuten, wenn man nach jahrzehntelanger Demütigung Trost in den Armen einer anderen Frau sucht? Und findet man nicht manchmal, wie der verkorkste Sohn Christian, die lebensrettende Erlösung vielleicht eher in einem buddhistischen Kloster statt im Schoß der protestantischen Kirche?

Den deutlichsten Weg geht aber der Vorzeigesohn August, der aus christlicher Über-Erfüllungspflicht seine perfekte Karriere und Familienplanung zugunsten eines Einsatzes als Truppenpfarrer im Nahen Osten links liegen lässt – und von dort so moralisch kompromittiert und traumatisiert zurückkommt, dass er prompt der Kirche den Rücken kehrt und seiner eigenen Vorstellung vom radikalen Christentum folgt. Aber wie reagiert die Gesellschaft, die Kirche, die Familie auf jemanden, der plötzlich nicht nur christliche Floskeln vorbetet, sondern tatsächlich inspiriert ist, in Zungen spricht und Visionen hat?

Für all diese Entwicklungen, die tiefen Abstürze und die dramatischen Momente, lässt sich die Serie viel Zeit, ohne je langweilig oder behäbig zu werden. Vor allem verfängt sich die Serie nie in sensationalistischem Symbolismus oder in allgemeinen Thesen, sondern bleibt zutiefst menschlich. Vor allem Lars Mikkelsen als Johannes hat einige so bewegende Zusammenbrüche, dass man über all der Schauspielkunst beinahe vergessen könnte, was für ein Monster da zum Vorschein kommt. Es ist ein triumphaler Auftritt des Dänen, der in all seinen feinen Facetten von dem restlichen Ensemble mehr als unterstützt wird.

„Die Wege des Herrn“ hat keine These und will keine Propaganda machen. Sicher geht sie mit ihren Figuren weiter, als die erzbiederen deutschen Kirchenserien sich das jemals träumen ließen. Aber diese Miniserie wendet nur die Merkmale der modernen Qualitäts-Serien – einen problematischen Antihelden, schonungslose Offenheit in gesellschaftlichen Fragen, keine Angst vor Tabu-Themen – auf die organisierte Religion an. Und sie macht es dank der ausgezeichneten Bücher von Price, der einfühlsamen Regie von Kaspar Munk und der furiosen Schauspielkunst von Lars Mikkelsen und Co genau richtig: manchmal leise, manchmal laut, manchmal sanft und manchmal grob, manchmal beschwingt und manchmal bitter. Wie das Leben eben so spielt. Wer sich dabei natürlich so hohe christliche Ziele steckt, der darf sich nicht wundern, wenn er dabei krachend scheitert.

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