Im Ethikrat: Matthias Habich, Lars Eidinger und Barbara Auer (v.l.).
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Im Ethikrat: Matthias Habich, Lars Eidinger und Barbara Auer (v.l.).

TV-Kritik

Recht und Rechthaberei

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Ferdinand von Schirachs „GOTT“ in der ARD: Man kann sich ärgern, aber vor allem diskutieren bis morgen früh.

Der Beschluss des Karlsruher Verfassungsgerichts vom Februar, das Gesetz gegen die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung zu kippen, wird im neuen Stück von Ferdinand von Schirach sozusagen noch einmal nachvollzogen und durchdiskutiert. „GOTT“ hatte im September seine Uraufführung, jetzt folgt – wie schon im Fall von Schirachs „Terror“ – das „große TV-Event“ im Ersten. Erneut kann das Publikum anschließend abstimmen, wobei unscharf bleibt, worüber: über den vorgestellten Einzelfall oder die grundsätzliche Möglichkeit, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen.

„GOTT“ spielt also auch nicht in einem Gerichtssaal, sondern bei einer Sitzung des Ethikrates, den man an dieser Stelle um seinen Sitzungsraum nur beneiden kann. Erneut wird sich das Publikum vor allem wieder in eine intensive, jeden Menschen interessierende und tangierende Gemengelage verstricken lassen und seine eigenen Vorstellungen argumentativ überprüfen. Erneut ist die Konstruktion fürchterlich künstlich – sowohl der Fall selbst als auch das ständige GK-mäßige Erläutern von Begriffen. Anders als auf dem Theater, wo die Regie schneller krampft und ein Mehr an Expressivität und Kunst liefern will, gelingt in der entspannten TV-Regie von Lars Kraume aber eine naturalistische Grundstimmung.

Dabei hat es der treffliche und stoisch damit umgehende Matthias Habich als Fallbeispiel besonders schwer. Er ist der 78-jährige Witwer, der drei Jahre nach dem (besonders qualvollen) Tod seiner Frau weiterhin entschlossen ist, ohne sie nicht weiterzuleben. Dass er kerngesund ist, auch psychisch, dient in Schirachs Konstruktion dazu, den Todeswunsch möglichst in reinster, sozusagen vernünftigster, ausgeruhter Form auftreten zu lassen. Freilich ist es dadurch fast unglaublich. An der Seite des ehemaligen Architekten: Lars Eidinger als sein schmissiger Anwalt, der durch den Saal tigert wie im schönsten US-Gerichtsfilm und rhetorisch ebenso vorgeht. Die höfliche Vorsitzende, Barbara Auer, weist ihn immer wieder in die Schranken.

Sachverständige werden gehört: Christiane Paul ist die smarte Verfassungsrichterin, Götz Schubert der Vertreter der Bundesärztekammer, Ulrich Matthes der katholische Geistliche. Zuvor hat Anna Maria Mühe als Hausärztin des Architekten diesem schon Gesundheit und Beharrlichkeit bescheinigt. Er sei nicht depressiv, er sei traurig, sagt sie in einem jener Momente, in denen auch Platz für eine echte Geschichte gemacht werden könnte.

Denn was mag das für eine Traurigkeit sein und was sagen eigentlich seine Söhne dazu, die schließlich schweren Herzens zugestimmt haben sollen? Aber darum geht es hier nicht. Denn der Anwalt und eine skeptische (etwas verbiestert wirkende) Vertreterin des Ethikrates, Ina Weisse, liefern sich nun mit den Angeklagten, pardon, Sachverständigen muntere Wortgefechte.

Interessant: Obwohl man dem Anwalt in vielem, im meisten recht geben wird, markiert er auf unbehagliche Weise den Unterschied zwischen Rechthaberei und Nachdenklichkeit. Pfiffig führt er die Leute vor und argumentiert den Rest dann weg. Und das ist nicht nur interessant. Während die Argumente ausgetauscht werden, hier das Recht auf Selbstbestimmung, dort die Furcht vor dem Dammbruch in Richtung Euthanasie, hier die Freiheit des Einzelnen, dort die heilige Kirche, zeigt sich doch eine Schieflage in der Argumentation, die von der Regie auch ausgespielt wird. Nach der funkelnden Juristin macht der Ärztevertreter eine arg schlechte Figur. Dass Schubert den bräsigen Funktionär glanzvoll spielt, ändert nichts daran, dass ein Mediziner in Sachen hippokratischer Eid und Palliativmedizin hoffentlich im wirklichen Leben nicht so hilflos argumentiert. Den Geistlichen erwischt es noch schlimmer. Während der Anwalt bei dieser Gelegenheit mit den christlichen Kirchen im Großen und Ganzen abrechnet, so dass man im Anschluss ohnehin nur noch austreten kann, erklärt der Herr Bischof arglos, was es mit der Erbsünde auf sich hat. Durch Matthes ist er eine sympathische Figur, aber gerade dadurch auch ein heilloser Anachronismus.

Das würde nicht so auffallen, wenn der Jurist Schirach nicht zugleich von der Justiz – die hier als einzige einen klaren Kopf bewahrt – so total überzeugt erscheinen würde. Hat er recht? „GOTT“ liefert auch dadurch Gesprächsmaterial bis morgen früh.

„GOTT“, ARD, 20.15 Uhr. Anschließend „Hart, aber fair“, wo die Publikumsabstimmung besprochen werden soll.

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