Filmfestival

Gott, Freud und Volleyball

Cannes hat in diesem Jahr einiges zu bieten. Etwa den angeblich ersten 3D-Porno-Film der Welt. „Sex and Zen: Extreme Ecstasy“ ist aber nicht Teil des ehrenwerten 64. Festivalprogramms. Immerhin soll er aber eine Premiere sein. Von Nanni Morettis neuer Regiearbeit kann das nicht behauptet werden.

Von Anke Westphal

„Habemus Papam“ läuft schon seit einiger Zeit in den italienischen Kinos, wo er vermutlich viel Anklang findet: ein lustiger Film über den Vatikan – darauf hat das bunte Berlusconi-Land wohl gewartet. Der Rest der Welt etwa nicht?

Das wird man erst wissen, wenn „Habemus Papam“ in die diversen nationalen Kinos gelangt ist. Nicht jeder schätzt Morettis bei jeder Gelegenheit und auch bei diesem Papstwahl-Film durchbrechende Eitelkeit. Der Vatikan des Regisseurs ist zunächst einmal von drolligen alten Männern bevölkert, die sich während ihrer anstrengenden Konklave anlässlich der Wahl eines neuen Papstes nur eins wünschen: „Lieber Gott, nicht mich. Bitte erwähle mich nicht!“ (Stürmische Lacher im Kino.) Ein wenig später im Film legen sich diese Kardinäle dann des Abends Puzzle oder die Karten, sie radeln auf dem Fitnessgerät, nehmen ihre Tranquilizer; und der älteste von ihnen, Oberhaupt der Ostkirchen, raucht genüsslich eine. Wie possierlich, und das sollen Machtmenschen sein?!

Nervenzusammenbruch noch vor dem ersten Auftritt

Einen neuen Papst haben sie anfangs schnell gewählt, und damit beginnen die Probleme sowohl für die katholische Zentralregierung und dessen Presssprecher als auch für diesen Film selbst. Denn der neue Heilige Vater erleidet, noch bevor er sich wie üblich auf seinem Balkon den Gläubigen in aller Welt zeigen kann, einen Nervenzusammenbruch. Eilends wird ein Psychoanalytiker hinzugezogen, und das, obwohl die Konzepte von Seele und Unbewusstem im katholischen Verständnis nicht-vereinbar sind.

Nanni Moretti spielt diesen Nachfolger Sigmund Freuds und hat damit den Vatikan in seinem zwangswitzigen Griff: Angefangen bei jener absurden therapeutischen Situation, bei der alle obersten Katholiken der Welt mit herumstehen, während er den Papst zu dessen Kindheitstraumata befragen will, bis hin zum Kollektiv stärkenden Volleyballspiel, zu dem er die alten Herren bewegt („Ozeanien gegen Mittelamerika 2:1!“). Das sieht natürlich allerliebst aus, wie die Kardinäle da in voller Berufskleidung übers Spielfeld tippeln und sich kindlich über Siege freuen. Und ein ebenso drolliger Einfall ist es, wenn ein Schweizer Gardist immer wieder an den Vorhängen im Papst-Gemach zupfen muss, damit es so wirkt, als sei der Heilige Vater anwesend.

Aber das Problem ist damit nicht gelöst: Der Vatikan kann der Öffentlichkeit nicht die erwartete Vorstellung im theatralischen Sinn bieten. Der Inszenierung fehlt sozusagen der Hauptdarsteller, weil der Papst bald vor der großen Aufgabe in die Anonymität Roms flüchtet. Dieser inszenatorische Aspekt wird noch einmal verstärkt, wenn der entlaufene Heilige Vater in einem Hotel auf eine Gruppe Schauspieler trifft, die dann in einem Theater Tschechow aufführen. Er besucht die Vorstellung, und hier wird er selbst irgendwann gestellt von seinem „Ensemble“, den Kardinälen. Das ist das Interessante an „Habemus Papam“, und Michel Piccoli ist atemberaubend als jener alte Mann, der plötzlich eine Weltkirche erneuern soll, darüber zusammenbricht und in Depressionen verfällt.

Die Szenen, die Moretti dem französischen Schauspieler allein überlässt (es müssten viel mehr sein!), zeigen, was aus dem Film hätte werden können: ein zutiefst bestürzendes Drama der Einsamkeit. Es gibt eine Szene, in der Piccoli abends in einem Linienbus durch Rom fährt und vor sich hin spricht; Lichter fliegen vorbei, die anderen Passagiere halten ihn für einen wirren Greis, und doch verkörpert er die Würde des Menschen an sich. Nie wird Nanni Moretti so ein Schauspieler wie Piccoli sein, und mag er sich auch noch so ins Bild drängen.

Immer mehr Regisseurinnen

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder der geringe bis nicht vorhandene Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb von Cannes beklagt. In den vergangenen Tagen konkurrierten hier nun gleich drei Arbeiten von Frauen. Nach der Australierin Julia Leigh und der Schottin Lynne Ramsay zeigte die Französin Maïwenn (ein bretonischer Vorname) „Polisse“. Auch das ist ein Film der problematischen Selbstinszenierung: Die Regisseurin, Schwester der Schauspielerin und Regisseurin Isild Le Besco, spielt in ihrem eigenen Film eine Fotografin, welche die Arbeit einer auf Kindesmissbrauch spezialisierten Polizeieinheit für das französische Innenministerium dokumentieren soll.

Da „Polisse“ im pseudodokumentarischen Stil gehalten ist, könnte das eine mehrfache Brechung der Perspektive bewirken, zumal die Arbeit von einem Dokumentarfilm inspiriert wurde. Doch diese Möglichkeit wird mehr oder weniger verschenkt, unter anderem zugunsten einer albernen Liebesgeschichte. Verstörend aber bleiben die gebotenen Einblicke in die Arbeit der Einheit, die wohl ungewollt Fragen an die Rechtsgrundlagen und Sensibilität der französischen Polizei aufwerfen. Einmal etwa wird eine Fünfjährige gemeinsam in einem Raum (!) mit ihrem sie missbrauchenden Großvater befragt. Täter werden schon mal bei der Vernehmung verprügelt, wenn die Polizisten die Fassung verlieren.

Und das geschieht in diesem Film ziemlich oft. So lacht sich das – übrigens daueraufgeregte – Cop-Kollektiv vor einem Teenager hysterisch kaputt darüber, dass sich dieses Opfer zu Blowjobs nötigen ließ, um sein Handy zurückzubekommen. „Polisse“ ist ein überaus zwiespältiger Film: ärgerlich in seiner Distanzlosigkeit, aber auch faszinierend wegen seines herausragenden Schauspielerensembles. Nur wird das nicht genug sein für einen der Festivalpreise von Cannes.

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