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Matthew Lee vor seinem alten Arbeitsplatz in London

"Inside Lehman Brothers", Arte

Der Gorilla im 31. Stock

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Ein Dokumentarfilm über Menschen, die sich gegen die kriminellen Machenschaften der Lehman Brothers Bank wehrten und zu Whistleblowern wurden.

Es ist fast schwierig, nach diesem Film sich eines Anflugs von Paranoia zu erwehren. Denn was Autorin Jennifer Deschamps schildert, ist nichts weniger als die kriminelle Struktur im Finanzgewerbe. Dafür steht eine Bank, die vor genau zehn Jahren pleite ging. Pleite gehen musste, weil die US-Regierung nicht noch eine kriminelle Vereinigung mit Geld des Steuerzahlers stützen wollte. Denn diese Bank hatte wie andere auch mit faulen Krediten gehandelt, hatte Kunden Kredite für Hauskäufe aufgedrängt, die sie nicht zurückzahlen konnten. Aber Lehman Brothers, bis dato die viertgrößte Bank der USA, war besonders rücksichtslos vorgegangen. Ihr Konkurs aber blieb bekanntlich nicht ohne Folgen für die gesamte Weltwirtschaft. Jetzt erinnern auch im Fernsehen verschiedene Beiträge an die Finanzkrise und ihre Verursacher. Und warnen, dass es wieder so kommen könnte.

Autorin Deschamps zeichnet die Betrügereien minutiös nach, indem sie die Geschichte des Skandals von Menschen erzählen lässt, die damals bei Lehman arbeiteten – und die das Desaster vorhersahen. Deshalb verließen sie die Firma oder wurden entlassen. Aber nicht nur das. Sie wurden belästigt, verfolgt und bedroht, mussten ihre gutbürgerliche Existenz aufgeben. Matthew Lee, zum Beispiel, ehemals Vizepräsident der Finanzabteilung bei Lehman, hat sein Haus verkauft, sich ein Motorrad angeschafft und fährt seither um die Welt – um Verfolgern zu entgehen.

Sylvia Vega-Sutfin geht nur noch mit umgeschnalltem Revolver zum Joggen, nachdem sie in Mafia-Manier bedroht worden war: „Ich weiß, wo du lebst, wo deine Töchter zur Schule gehen. Du gehörst mir,“ habe ihr ein Mann gesagt. Sie hatte, wie ihre Kolleginnen auch, das schmutzige Geschäft nicht länger mitmachen wollen. Die Frauen mussten einen hohen Preis für ihre moralische Integrität zahlen: Verlust von Eigentum, Angst, Depressionen.

Obwohl Deschamps mit den Whistleblowern als Zeugen  der Verbrechen immer wieder „talking heads“, also Personen und deren Berichte abfilmen muss, gelingt ihr, die Geschichte in abwechslungsreiches Bildmaterial zu kleiden, etwa wenn sie Matthew Lee auf seiner Maschine durch einsame Landschaften düsen lässt. So spielt  sie einen Werbespot ein mit einem Quartett von üppigen Blondinen, die für „COW“  werben – ein passender Name, wenn man Kunden melken will. Denn die gierigen Banker hatten es auf Leute mit geringem Einkommen, also tendenziell eher weniger Gebildete und Leichtgläubige abgesehen. Die Folge: Millionen von Amerikanern verloren ihr Eigenheim. In Orten wie Stockton in Kalifornien sprach man von den „Toter-Rasen-Versteigerungen“.

Die Banken blieben auf den nicht zurückzahlbaren Krediten sitzen. Der Staat griff ein, um sie zu retten – außer Lehman Brothers.  Die Insolvenz-Summe betrug am Ende  700 Milliarden US-Dollar. Matthew Lee weist darauf hin, dass seit 2008 keiner der Verantwortlichen für schuldig befunden wurde. Richard Fuld etwa, den sie „Gorilla“ nannten. Er war in Blitzgeschwindigkeit zum Chef von Lehman aufgestiegen und hatte sich mit Millionen-Boni füttern lassen, nachdem er seine Mitarbeiterinnen zu immer höheren Abschlüssen getrieben hatte. Selbst war er kaum sichtbar, residierte im 31. Stock. Und heute lebt er als steinreicher Kunstliebhaber unbehelligt – statt im Gefängnis zu sitzen. Matthew Lee bringt es auf den Nenner: „Es haben nicht Bonnie und Clyde die Bank ausgeraubt, sondern die Bank hat Bonnie und Clyde ausgeraubt.“

Dies ist nicht der einzige Film zum Thema. Arte bringt anschließend eine Dokumentation über „Die Skandalbank“ HBSC, einen der großen Player in der Finanzkrise. Auf ZDF info ist noch „Inside Job“ zu sehen, ein preisgekrönter Dokumentarfilm über die Finanzkrise 2008  (Donnerstag, 20.9, 2.10 Uhr). Und am kommenden Sonntag, 23.9., 21.45 Uhr, zeigt die ARD Raymonds Leys Film „Lehman. Gier frisst Herz“.

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