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Brady Noon (l-r) als Thor, Keith L. Williams als Lucas, Jacob Tremblay als Max und Midori Francis als Lily in einer Szene des Films „Good Boys“. 

Neu im Kino: „Good Boys“

„Good Boys“: Ausreizen von Tabus

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Der groteske High-School-Film „Good Boys“ über Initiationsriten unter Sechstklässlern ist eine überraschend originelle Sommerkomödie.

Auf dem amerikanischen Filmplakat von „Good Boys“ stehen drei zwölfjährige Jungen verloren unter einer schwarzen Linie. Man kennt diese Linien von Einlasskontrollen, etwa für Achterbahnen. „Man muss so groß sein, um diesen Film sehen zu dürfen“, erklärt ein Schriftzug. Zur Bekräftigung steht ein dickes „R“ für „Restricted“ darüber. So lautet in den USA die Altersfreigabe für Filme, die sich Kinder unter 17 Jahren nach Meinung der Prüfer nicht ansehen sollten und ohne Erwachsenenbegleitung auch nicht sehen dürfen. Das deutsche Plakat formuliert es etwas anders und macht eine Gender-Frage daraus: „Nix für kleine Jungs“, steht da stattdessen.

Ist „Good Boys“ denn vielleicht ein Mädchenfilm? Für wen ist dieser Film überhaupt gemacht, der von drei Zwölfjährigen erzählt, die zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine sogenannte Knutschparty gehen – komplett mit Flaschendrehen. Und sich darauf mit den bescheidenen Mitteln vorbereiten, die ihnen zur Verfügung stehen. So missbraucht einer der Jungs die Kamera-Drohne seines Vaters, um das Nachbargrundstück auszuspionieren. Da wohnt angeblich eine Nymphomanin, erklärt er seinen Freunden. „Wie, sie legt Feuer?“, erhält er zur Antwort. „Nein, das ist jemand, der Sex auf dem Land und im Wasser hat.“ Natürlich passiert hinter dem Zaun dort nichts ähnlich Dramatisches, außer dass ihnen die Drohne abhanden kommt.

Gefürchtete Mutprobe bei den „Good Boys“

Die Sechstklässler leben in einer Glocke der Unschuld, während die Welt um sie herum so verroht ist, wie es nur ein amerikanischer High School Film mit seinen Initiationsritualen zeigen kann. Einmal sagt einer der Jungs: „Ich bin schon zwei Wochen in der sechsten Klasse und schon bin ich ein sozialer Piranha.“ Bereits 1993 persiflierte Richard Linklater die grausamen Riten der Kleinen in seinem Klassiker „Dazed and Confused“, der ebenfalls von der Vorbereitung auf eine angekündigte Party erzählte. Die Filmemacher haben ihn offensichtlich mehr als einmal angeschaut.

Eine gefürchtete Mutprobe besteht für die „Good Boys“ darin, mehr als einen Schluck aus einer Bierflasche zu trinken. Jemand behauptet, er schaffe sogar drei, um sich bei den harten Jungs Eindruck zu verschaffen. Die wollen es nicht glauben: „Drei Schluck von dem bitteren Zeugs? Das hat noch niemand geschafft.“

Es kommt nicht oft vor, dass die Werbung nicht die Sehenswürdigkeit eines Films hervorhebt, sondern die Restriktionen der Jugendschützer. Dabei ist „Good Boys“ in Deutschland durchaus jugendfrei. Nach einem Einspruch des Verleihs wurde die Freigabe von 16 auf zwölf Jahre herabgesetzt. Damit dürfen jetzt auch begleitete Sechsjährige eine Komödie ansehen, in der sich schon einmal ein Dialog unter die Gürtellinie vorwagt. „Du hast doch nicht einmal Schamhaare“, blafft ein High School Kid seinen Mitschüler an und fügt prahlend hinzu: „Ich habe drei!“

Eine jugendgefährdende Szene in „Good Boys“

In der Pressevorführung saß zufällig ein FSK-Prüfer neben mir. Entschieden verteidigte er das strengere Urteil, das auf dem Prüfstand stand – obwohl weder Gewalt noch Sexualität im Film dargestellt werden. Es werde aber ständig von Sex und Drogen geredet, warnte er. Aber wird das nicht auch in jedem „Tatort“, war mein Einwand. Und überhaupt, ist nicht ein Kind, das diese Worte kennt, nicht, pardon, im übertragenen Sinn bereits in den Brunnen gefallen? Das, gab er zur Antwort, sei schon immer das Totschlagargument der Filmindustrie gewesen. Aber welche Rolle spielt heute noch die FSK, wenn kostenlose Pornografie nur einen Mausklick entfernt ist?

Es gibt zumindest eine jugendgefährdende Szene in diesem Film, und sie hat nichts mit Sex, Gewalt und Drogen zu tun. Darin versuchen die Kinder eine Stadtautobahn zu überqueren und verursachen einen Auffahrunfall, bei dem eine Schaufensterpuppe aus einem Auto geschleudert wird, die sie für einen Menschen halten. Dies ist eine Szene, die unbegleitete Kinder verstören wird, aber „Good Boys“ ist nun einmal auch kein Kinderfilm. Auch Zwölfjährige werden sich kaum mit den zwar gleichaltrigen, aber sträflich naiven Protagonisten identifizieren, die sich von älteren Schülerinnen unwissentlich als Drogenkuriere missbrauchen lassen.

Produziert von Seth Rogen und Evan Goldberg, wendet sich „Good Boys“ vermutlich an das bewährte Publikum ihrer früheren Klamotten „Sausage Party“, „Das Ende“ oder „The Interview“ – Jugendliche und Erwachsene, die anarchische Späße mögen und mehrheitlich wohl auch noch den vierten Schluck aus einer Bierflasche zu schätzen wissen. Die Darstellung der kleinen Jungs entspricht den Witzen, die ältere Geschwister über die jüngeren machen, wenn sie unter Gleichaltrigen sind: „Du glaubst nicht, was mein Bruder wieder Dummes gemacht hat…“

Auseinandersetzung mit den Codes sexueller Korrektheit

Wenn es also etwas Provokantes an diesem Film gibt, so ist es eine gewisse Gehässigkeit in der Darstellung von Kindern. Sie steht in der Tradition des Komikers W. C. Fields, der gerne betonte, Kinder und Tiere zu verabscheuen. Berühmt ist sein Ausspruch: „Ich beginne diese Tierarten zu verstehen, bei denen die Mütter den Nachwuchs vor den Vätern verstecken müssen, damit die sie nicht fressen.“ Aber ebenso wie W. C. Fields in Wahrheit Kinder liebte, wäre „Good Boys“ nicht zu ertragen, wenn er nicht grundsätzlich ein liebevolles Auge auf seine kleinen Protagonisten hätte.

Es ist nicht unbedingt eine durchweg gelungene Komödie, aber immerhin eine wirklich originelle Auseinandersetzung mit den Codes sexueller Korrektheit in einer Zeit allgemeiner Verunsicherung, insbesondere in der Filmindustrie. Allein das mögliche Zusammentreffen der Begriffe „Kind“ und „Sexualität“ erscheint Tabu genug, diesen Film mit einem großen Ausrufezeichen zu versehen – auch wenn keine Sexualität darin vorkommt. Nun hat das bloße Ausreizen von Tabus natürlich keinerlei Eigenwert, in der Kunst so wenig wie in der Politik, wo sich Populisten täglich daran versuchen.

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Es wäre leicht, „Good Boys“ in diesem Sinne spekulativ zu nennen, aber das wäre eine Verkürzung seiner Ambition. Er ist vermutlich sogar weniger auf den erwartbaren Zuspruch seiner Zielgruppe ausgerichtet, als die früheren Filme seiner Produzenten. Regisseur Gene Stupnitsky ist bislang nur als Autor und Produzent hervorgetreten, hauptsächlich im Serienfernsehen. Sein einziger Spielfilm als Autor war die glücklose Komödie um eine unwillige Lehrerin, „Bad Teacher“. Man hat nicht erwartet, dass er als Regisseur eines ebenfalls im Schulmilieu angesiedelten Films mehr Feinheiten herausarbeiten kann, aber in der Tat: Innerhalb der Vorgaben einer Groteske ist „Good Boys“ eine überraschend liebevolle Hommage an den High-School-Film mit all seinen Ritualen und Klischees, aber auch seinen Chancen. Dazu gehört ein stimmungsvoller Song-Soundtrack, in dem so versierte Lehrmeister über die Liebe zu Wort kommen wie Barry White („Can’t Get Enough of Your Love, Babe“) und Aisa („Heat of the Moment“).

Und was die Macht der Jugendfreigaben betrifft, sagte uns Altmeister John Waters („Hairspray“) vergangene Woche: „Zensoren waren immer schon dumm, aber ein R-Rating kann einen Film wirklich zerstören. Ich war der Meinung, dass der fragliche Film nicht für Leute unter, sondern über 17 ungeeignet ist.“ Es wäre schön, wenn es „Good Boys“ mit dem anarchischen Humor eines John Waters aufnehmen könnte. Aber diese Einschätzung trifft es ganz gut.

Good Boys . USA 2019. Regie: Gene Stupnitsky. 89 Min.

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