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Der Polizist und die Geliebte des Drogenbosses: Vlad Ivanov und Catrinel Marlon.

„La Gomera“

„La Gomera“ im Kino: Wenn Gangster Flötentöne lernen

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Das rumänische Kino verblüfft einmal mehr mit intelligentem Thriller: „La Gomera“ von Corneliu Porumboiu.

Das rumänische Filmwunder erreichte das deutsche Kino erst sehr spät. Als Cristi Puius Meisterwerk „Der Tod des Herrn Lazarescu“ 2005 den Certain-Regard-Preis in Cannes gewann, schlug kein deutscher Verleiher zu. Ebenso wenig kam 2009 Yorgos Lanthimos’ „Dogtooth“ in deutsche Kinos. Regisseur Corneliu Porumboiu hatte da schon etwas mehr Glück – auch wenn es ganze drei Jahre dauerte, bis sein nachdenklicher Polizeifilm „Police, Adjective“ 2012 Deutschland erreichte. Vielleicht findet sein neuer Film „La Gomera“ ja ein paar Zuschauer. All diese rumänischen Autorenfilme verbindet ein Interesse an unkonventionellem Erzählen, ein besonderes Sprachgefühl und eine fast anarchische Freude an unvorhersehbaren Wendungen. In ihrem sperrigen Verhältnis zur Wirklichkeit bringen diese Filmemacher etwas zurück, was schon in den siebziger Jahren viele osteuropäische Kunstfilme auszeichnete.

Die alltägliche Surrealität, die Porumboiu diesmal in seinem Krimi und Spionagethriller „La Gomera“ exerziert, entspringt aus der modernen Überwachungstechnologie. In diesem verwegenen Katz-und-Maus-Spiel korrupter Staatsdiener mit der Mafia lebt jeder im Bewusstsein, ständig gefilmt und abgehört zu werden.

Überall ist es verwanzt

Vlad Ivanov, einer der bekanntesten rumänischen Charakterdarsteller, spielt den Bukarester Polizisten Cristi, der längst bis zum Hals in die Geldwäscheoperationen der lokalen Drogenszene verstrickt ist. Die Villa auf Gomera, wo er sich mit einer vermeintlichen Informantin trifft, ist ebenso verwanzt wie das Polizeihauptquartier, wo eine dubiose Chefin ihre illegalen Methoden plant.

Der Film

La Gomera. Rumänien 2019. Regie: Corneliu Porumboiu. 97 Min.

Weil aber jeder davon weiß, wird eine Geheimsprache zum zentralen Thema dieses herrlich vertrackten, ständig überraschenden Spiels mit dem Absurden. „The Whistlers“, „Die Pfeifenden“, lautet der internationale Titel des Films und in langen Lektionen bekommt der Zuschauer diese Pfeifsprache erklärt. Bald kann der Protagonist auch komplizierte Wörter mit den Fingern pfeifen.

Aber dies wäre kein Film noir, wenn auch ein sommerlich bunter, wenn nicht auch eine Femme fatale darin vorkäme. Gilda (Catrinel Marlon), die bildschöne Freundin des Drogenbosses, spielt dem Polizisten vor, sie sei eine Edelprostituierte und schläft mit ihm vor versteckten Kameras. Natürlich verliebt sich der eigentlich mit allen Wassern gewaschene Cristi bis über beide Ohren. Nun bekommt die gepfiffene Geheimsprache noch weitere surreale Konnotationen. Sie eignet sich als Liebessprache ebenso wie als Metapher für den Geheimnisverrat, das Whistleblowing. Es ist ein Film voller filmischer Referenzen. Konspirative Treffen finden an so spektakulären Orten statt wie einer verwaisten spanischen Westernstadt oder dem Kinosaal einer Kinemathek, die gerade John Fords Klassiker „The Searchers“ zeigt: Schon in diesem Western um eine gespenstische Reise auf den Spuren einer fremden indianischen Kultur wird einmal vielsagend gepfiffen. Andere Anspielungen in diesem sommerlichen Film noir gelten Orson Welles’ „Die Lady von Shanghai“ oder Neil Jordans „Mona Lisa“.

Schon in „Dogtooth“, diesem frühen Türöffner des rumänischen Kinos, war es manipulierte Sprache, die der Realität verborgene Türen öffnete. Erstaunlich, wie selten sich das Kino, das so viel mehr ist als ein Bildmedium, auf die Wunder der Sprache einlässt.

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