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Die Bauern Rainer (Andreas Eckel) und Lütjen (Tim Grobe) streiten wegen des Zauns. Oder geht es doch um mehr?

"Nord bei Nordwest: Gold!", Das Erste

Goldrausch an der Ostsee

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Im Ersten werden in der aktuellen Episode der Krimireihe "Nord bei Nordwest" alte Geheimnisse entwirrt und neue Konflikte angezettelt.

Die Ostsee ist auch keine Lösung. Wer, aufgeschreckt durch unzählige Ostfriesenkrimis, die nordwestlichen Küstenregionen meiden möchte und eine friedlichere Urlaubsgegend sucht, wird auch im Nordosten nicht glücklich werden. Sofern man die bislang sechsteilige Reihe mit dem auf Alfred Hitchcocks Agententhriller „North by Northwest“ abzielenden Titel „Nord bei Nordwest“ als bare Münze nimmt. Andererseits geht es ja aus Südlichtersicht eigentlich gen Nordosten, und darum ist der Titel wiederum ganz nah bei Hitchcock, der mit seinem mehrdeutigen Titel ausdrücken wollte, dass die Zuschauerschaft mit einigen prächtigen Irreführungen zu rechnen habe.

Beispielsweise hat sich mittlerweile herauskristallisiert, dass der in den insularen Küstenort Schwanitz zugezogene Tierarzt Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) ehedem Polizist war. Und sich versteckt halten muss, weil er in Hamburg in verdeckter Funktion die Geldwäscheabteilung der ’Ndrangheta ausgespäht hatte. Wie der nunmehrige Kronzeuge Jacobs mit bürgerlichem Namen heißt und was er im Falle der Mafia auszusagen hat, wird in der aktuellen Episode enthüllt. Stichwort ’Ndrangheta – die mischt auch im kommenden „Bozen-Krimi“ mit. Da böte sich doch einmal eine sogenannte Cross-Over-Episode an, die eine Brücke schlägt zwischen Südtiroler Schroffen und holsteinischen Stränden.

„Gold“ ist reich an feinen kleinen Wahrnehmungen

Der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, der auch die Idee zu dieser Reihe hatte, wickelt diese zentrale Offenbarung, die ja einen massiven Wendepunkt in der Reihenmythologie darstellt, wie nebenbei, fast ein wenig lustlos ab. Jacobs fährt mal kurz nach Hamburg und macht seine Aussage, dann lädt er noch seine beiden Damen, die Praxishelferin Jule Christiansen (Marleen Lohse) und Dorfpolizistin Lona Vogt (Henny Reents), zum Essen ein und legt sein Geständnis ab. Kurz will es gar scheinen, als falle nun auch die Entscheidung, mit welchem der beiden Rotschöpfe Jacobs künftig sein Wohnboot zu teilen gedenkt.

Aber dann haben alle mal wieder mit einer umständlichen Mordsache zu tun. Christiansen hatte am Strand einen Schwerverletzten gefunden, der die ihm zugefügte schwere Körperverletzung nicht überstand. Unter anderem, weil, ein treffsicher beobachtetes Detail, ein bräsiger Wohnmobilfahrer den zum Krankenwagen umfunktionierten Streifenwagen – nein, nicht ausgebremst, das wäre grammatisch falsch, sondern: – aufgehalten hatte. Weil sich schnell herumspricht, dass die Leiche mit Goldstaub übersät ist, herrscht in Schwanitz plötzlich große Nachfrage nach Metallsuchgeräten. Bestatter, Pensionswirtin, selbst Jule Christiansen hoffen auf plötzlichen Reichtum. Vogt und Jacobs aber bewahren einen kühlen Kopf und lassen Logik walten, brauchen am Ende aber auch eins von diesen piepsenden Suchdingern.

Die Episode „Gold“ ist wieder reich an feinen kleinen Wahrnehmungen und schnurrigen Petitessen. Die Krimihandlung jedoch, in der Reihe ohnehin oft nur der äußere Anlass für eine schwarzhumorig gewürzte soziografische Erkundung der dörflichen Strukturen, ist außerordentlich schwach geraten. Einige Male wird die Glaubwürdigkeit stärker strapaziert, als der Geschichte und ihrer Illusionskraft guttut.

Aber Schwanitz ist noch nicht verloren. Sehen wir über diesen Ausrutscher hinweg und schauen wir freudig der nächsten Episode entgegen, die bereits am kommenden Donnerstag auf dem Programm steht. Sie trägt den Titel „Frau Irmler“. Als Autor zeichnet Niels Holle, ein Neuer im „Nord bei Nordwest“-Stab, der dort ad hoc einen gelungenen Einstand hingelegt und die unverkennbaren Abnutzungserscheinungen von „Gold“ postwendend ausgemerzt hat.

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