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Er hat ihn: Diao Yinan mit dem Goldenen Bären.

Berlinale 2014

Goldener Bär und schwarze Kohle

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Überraschung am Ende der Berlinale: Mit dem Beitrag „Schwarze Kohle, dünnes Eis“ gewinnt ein Film Noir aus China. Richard Linklater dreht zwölf Jahre an seinem Coming-of-Age-Film „Boyhood“ und bekommt den Preis für die beste Regie verliehen.

Einen enttäuschteren Bärengewinner als Richard Linklater hatte man selten gesehen bei der Preisverleihung am Samstagabend. Sein Coming-of-Age-Film „Boyhood“ hatte zwei Tage zuvor gleichsam die Berlinale gerettet, nun wirkte seine Dankesrede eher höflich als beglückt.
Nun muss Linklater, der noch nie einen Hauptpreis bei einem wichtigen Festival gewonnen hat, hoffen, dass sich die Oscar-Juroren im Jahr 2015 noch daran erinnern.

Es ist Linklaters beste Arbeit, mit der dieser sympathische Meister des philosophischen Jugendfilms aus dem texanischen Austin sein eigenes Meisterstück geschaffen hat: in zwölf Jahren Drehzeit und doch ohne einen Moment der Abschweifung.

Die Filmgeschichte hatte einen solchen Film noch nicht gesehen, jedenfalls nicht vor dem 19. Januar, als er auf dem amerikanischen Sundance-Festival außerhalb des Wettbewerbs Premiere hatte. Nach den strengen Statuten der Berlinale darf ein Film zwar in seinem Ursprungsland gezeigt worden sein, aber in den vergangenen drei Wochen war ihm sein guter Ruf natürlich vorausgeeilt. Ob das eine so hochkarätig besetzte Jury vielleicht beeinflusst haben mag?

Preisrichter wollen nun einmal keine Entscheidungen treffen, die andere vorformuliert haben – weshalb auch nur selten der Publikums- und Kritikerfavorit tatsächlich den Hauptpreis gewinnt. Umso lieber heben Jurys Entdeckungen weniger bekannter Regisseure in den Olymp, noch dazu wenn sie aus Filmnationen stammen, deren Produkte international nicht so populär sind wie die USA. Und der chinesische Beitrag „„Bai Ri Yan Huo“ (Schwarze Kohle, dünnes Eis)“ ist fraglos eine Entdeckung.

Der zusätzlich als bester Darsteller geehrte Lio Fan spielt darin einen versoffenen Ex-Polizisten, der sich zu Beginn des Films sein Motorrad klauen lässt. Und sich fortan mit dem Mofa des Diebs über die vereisten Straßen einer nordchinesischen Provinzstadt schleppt. Erst als ihm ein ehemaliger Kollege von neuen Spuren in einem alten Mordfall erzählt, bekommt sein Leben wieder einen Sinn.

Berlinale engagiert sich für chinesische Filme

Sie konzentrieren sich auf die vermeintliche Opferwitwe, eine mysteriöse Schönheit, die in einer Reinigung beschäftigt ist – und unzählige Vorbilder in den fatalen Frauenfiguren amerikanischer und französischer Kriminalgeschichten hat.

Für die meisten Beobachter dieses Festivals hätte es der Darstellerpreis wohl auch getan, aber man kann diesem gut gemachten und überaus stilsicheren Genrefilm nur allen Erfolg wünschen, der hoffentlich mit den Auszeichnungen verbunden ist.

Die Berlinale selbst wird sich ebenfalls freuen über die Ehre für „Bai Ri Yan Huo“ (Schwarze Kohle, dünnes Eis). In jahrzehntelanger Arbeit hat man sich hier für das moderne chinesische Kino eingesetzt, dessen Weltruhm 1987 mit dem Gewinn von Zhang Yimous Kriegsdrama „Rotes Kornfeld“ seinen Anfang nahm. Parallel machte das Internationale Forum das Hongkong-Kino populär, auch der gebürtige Taiwanese Ang Lee nutzte seinen goldenen Berlinale-Bär 1993 als Sprungbrett für eine Weltkarriere.

Der Produzent und Co-Autor dieser herrlichen Komödie heißt James Schamus – und leitete nun die Berlinale-Jury, deren China-Bezug die Anwesenheit von Tony Leung zusätzlich betonte – eines der besten Charakterdarstellers des Weltkinos. Man kann die Arbeit dieser Preisrichter kaum kritisieren. Mit Anna und Dietrich Brüggemann haben sie die Autoren des besten deutschen Beitrags „Kreuzwege“ geehrt – und dabei die besondere Originalität dieser gleichsam archaischen wie verwegenen Erzählstruktur in 14 Kapiteln hervorgehoben.

Von geradezu frecher Verwegenheit ist schließlich die Ehrung des 91-jährigen Altmeisters des modernen Films, Alain Resnais, für „einen Film der neue Perspektiven eröffnet“: Seine Tragikomödie „Aimer, boire et chanter“ erhielt den für gewöhnlich jungen Filmemachern vorbehaltenen Alfred-Bauer-Preis – und das, obwohl dieser liebenswerte Film stilistisch ein Zwilling ist von Alain Resnais’ früheren Verfilmungen von Werken des britischen Dramatikers Alan Ayckbourn.

Wie im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Smoking / No Smoking“ inszeniert Resnais in als solchen sichtbaren Kulissen – und betont dabei bewusst den Reiz des Theaterhaften für die filmische Inszenierung. Und wie in diesem für seine Zeit in der Tat stilbildenden Film blendet er immer wieder in Comic-Zeichnungen, was seinen Film zusätzlich vor jedem Anflug von Naturalismus schützt. Ja, es ist schon so: Neue Perspektiven eröffnete Alain Resnais Kinos schon immer.

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