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Jacques Audiard mit den Darstellern Kalieaswari Srinivasan und Jesuthasan Antonythasan.

Cannes

Goldene Palme für Jacques Audiard

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Jacques Audiards „Dheepan“, ein Film zur Stunde, gewinnt die Goldene Palme eines starken Cannes-Jahrgangs.

Es kommt nicht oft vor, dass eines der wichtigsten Themen der Gegenwart, die Integration von Flüchtlingen aus Krisengebieten, in einem überzeugenden Leinwanddrama Ausdruck findet. „Dheepan“ war der Film der Stunde im Programm der 68. Festivalausgabe. Gerade weil er nicht nur ein Film für Heute ist, sondern in seiner ebenso einfachen wie großartigen Handlungsidee jenen Nerv trifft, den man früher das Allgemeinmenschliche genannt hätte: Da gibt es zu Beginn des Exodus dreier Flüchtlinge aus Sri Lanka einen Schlepper, der drei Pässe zu vergeben hat. Sie gehörten einer verstorbenen Familie, also fügen sich seine neuen Besitzer, ein Freiheitskämpfer der Tamilischen Tiger, eine alleinstehende Frau und ein Mädchen, in diese Rolle.

Auch an ihrem Zufluchtsort – die Qualen der Reise lässt der Film aus – leben sie in diesen Rollen. Auch wenn die Erwachsenen dem Waisenmädchen, so sehr es sich danach sehnt, keine Eltern sein können. Vielleicht wäre „Dheepan“ ein besserer Film, wenn er ohne den dramatischen Schluss auskäme, bei dem der Bürgerkriegsveteran unter den radikalisierten Exilanten wieder zur Waffe greifen muss. Sogar das Wort vom Hollywood-Ende machte die Runde, als wäre es grundsätzlich ein Widerspruch, soziale Wahrheiten für ein großes Publikum zu formulieren.

Man musste kein Prophet sein, um eine Auszeichnung für den 63-jährigen Franzosen Jacques Audiard vorherzusehen. Dass es jedoch gleich der Hauptpreis, die Goldene Palme, werden sollte, überraschte am Sonntagabend das Saalpublikum wie die Journalisten.

Todd Haynes, für sein formvollendetes Liebes- und Gesellschaftsdrama „Carol“ um zwei Frauen im USA der frühen fünfziger Jahre haushoch favorisiert, war wohlgemut in Cannes geblieben. Und dann bei der Gala nobel genug, sich keine Enttäuschung anmerken zu lassen, als er den Preis für Rooney Mara entgegennehmen sollte. Neben Cate Blanchett spielt Mara eine der beiden Hauptrollen in „Carol“, so war seine Niederlage besiegelt: Das Festival erlaubt nur eine Auszeichnung pro Film.

Oder in diesem Fall eine halbe: Mara teilt sich den Preis mit Emmanuelle Bercot, die unter der Regie ihrer französischen Kollegin Maïwenn im Beziehungsdrama „Mon Roi“ eine verunfallte Journalistin spielt. So dürfte Bercot die diesjährige Cannes-Ausgabe in guter Erinnerung behalten, trotz aller Kritik an ihr als Regisseurin des Eröffnungsfilms „La tête haute“. Wie überhaupt die französische Filmwelt zufrieden sein kann: Zwei Preise und 9 von 19 Filmen im Wettbewerb mit nationaler Beteiligung sollten alle Erwartungen erfüllen, die man mit Cannes bei der französischen Filmförderung verbindet.

Man kann es unseren Nachbarn nicht verdenken, dass sie bei ihrem größten Filmfestival zuerst der heimischen Filmwirtschaft rote Teppiche ausrollen, es gab auch schon Berlinale-Ausgaben mit überproportional hoher deutscher Beteiligung. Vielleicht kann man sogar davon lernen: Das Festival von Cannes mag eine halbe Modenschau sein, doch die andere Hälfte ist eine Feier des Films als Kunst, weit entschiedener als bei der Berlinale. Und Direktor Thierry Frémaux vermittelt seinen Landsleuten, dass es sich noch immer lohnt, an der künstlerischen Entwicklung des Kinos teilzuhaben. Wir wissen nicht, ob es unter den deutschen Bewerbern, die in diesem Jahr wieder über die Klinge sprangen, Werke von der Qualität des französischen Gewinnerfilms gegeben hat. Aber wenn uns die Filmkunst etwas Wert ist, sollten wir Anreize schaffen, dass es sich für Filmemacher lohnt, künstlerisch zu arbeiten. Solange der Brancheverband „Deutsche Filmakademie“ die hochdotierten Deutschen Filmpreise vergibt und dabei systematisch anspruchsvolle und persönliche Positionen ausgrenzt, wird sich wenig ändern.

Das 68. Festival von Cannes hatte gewiss auch Missgriffe im Programm, doch man sah auch mehr gute Filme auf einmal als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Allen voran der verdiente Gewinner des Parallelwettbewerbs der Quinzaine des Réalisateurs: Der historische Expeditionsfilm „El Embrazo de la Serpente“ des Brasilianers Ciro Guerra führte in seinen atemberaubenden Schwarzweiß-Panoramen zwei Handlungsstränge zusammen in spielerischer Schönheit: Zwei Forscher am Amazonas suchen nach einer seltenen Pflanze und begegnen zugleich den Resten aussterbender menschlicher Kulturen. Ausgehend von historischen Dokumenten, setzt der Filmemacher doch vor allem auf die Sprache der Poesie seines Mediums. Und Kunst ist im Kino immer die beste Wahl. Selbst wenn das Thema die Tötungsfabrik von Auschwitz ist.

Für seinen Holocaust-Film „Son of Saul“ erhielt der Ungar Laszlo Nemes hochverdient den Grand Prix, den zweiten Preis des Festivals. Auch eine Goldene Palme wäre gerechtfertigt gewesen, aber vielleicht wollte man den Debütanten nicht durch die Übermacht des Preises unter Erwartungsdruck setzen. „Son of Saul“ ist ein Film, der seinem Betrachter gerade dadurch nichts erspart, dass er nicht alles zeigt. Kino ist zwar eine visuelle Kunst, doch es sind nicht die Augen, die uns das Grauen erkennen lassen, es ist die Kraft der Vorstellung.

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