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„Perfektion ist eine Sackgasse“: Die Goldene Palme geht an Julia Ducournau (l.), hier mit Darsteller Vincent Lindon.
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„Perfektion ist eine Sackgasse“: Die Goldene Palme geht an Julia Ducournau (l.), hier mit Darsteller Vincent Lindon.

Filmfestival Cannes

Goldene Palme für Julia Ducournau und „Titane“: Triumph im Chaos

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der französische Beitrag „Titane“, der gewagteste Film des Cannes-Festivals, gewinnt die Goldene Palme – eingerahmt von einer herrlich-absurden Gala.

Auch über eine ausgeplauderte Überraschung kann man sich noch freuen. Ohnehin traute niemand so recht seinen Ohren, als Jury-Präsident Spike Lee am Samstagabend nach einem bizarren Missverständnis den Gewinnerfilm schon gleich zu Beginn der Gala bekanntgab. Am wenigsten wohl die Regisseurin selbst, die Französin Julia Ducournau. Ihr standen die Tränen in den Augen als schließlich zur Gewissheit wurde, was die Moderatorin bis dahin noch verbissen zu überspielen versuchte. Mit ihrem finster-poetischen Genre-Mix „Titane“ gewann Ducournau als erst zweite Frau in der Geschichte des Festivals von Cannes die Goldene Palme. Und zum ersten Mal allein: Ihre Vorgängerin, Jane Campion, hatte sich den Preis 1993 für „Das Piano“ noch mit dem Chinesen Chen Kaige teilen müssen.

Umstritten wie kaum ein Film des Festivals, kann es auch kein zweiter mit der verwegenen Kraft von „Titane“ aufnehmen: Verführerisch wie ein schwüler Alptraum folgt er der surrealen Entwicklungsgeschichte einer androgynen Frauenfigur, stählern und gleichwohl zerbrechlich. Eines weiblichen Terminators, zu brutalen Morden fähig, der Sex mit Autos hat, aus dessen Brüsten Motoröl tropft. Und der, als er in die Rolle eines männlichen Opfers schlüpft, die kompromisslos-unschuldige Liebe des Vaters findet. Wer das alles schier unglaublich findet, unterschätzt die Kraft des Kinos: Ducournaus Aneignung des Genres gelingt auf der Basis einfühlsamer Schauspielerführung und formaler Kraft. Und das hat in Cannes schon viele Gewinner hervorgebracht: Luis Buñuel, David Lynch, Quentin Tarantino oder auch Apichatpong Weerasethakul.

Der Thailänder wurde nun für sein neues Werk „Memoria“ mit einem großen Jury Preis geehrt: Tilda Swinton spielt darin eine Frau, die einem merkwürdigen Klang nachspürt, den sie in ihrem Innern hört. In Bogotá macht sie die Bekanntschaft einer von Jeanne Balibar gespielten Archäologin, und dann ist es wie immer bei Weerasethakul: Menschliche und kulturgeschichtliche Erinnerungen vermischen sich zu einem metaphysischen Konzert, bei dem auch noch Geister und in diesem Fall vielleicht sogar ein Ufo mitmischen wollen. Einmal sagte uns der Regisseur in einem Interview, dass er selbst häufig Geister in seiner Umgebung spüre, außer wenn er gerade nicht in Asien weile. Das könnte vielleicht erklären, warum es sein südamerikanischer Ausflug nicht ganz mit früheren Arbeiten wie „Uncle Boonmee“ aufnehmen kann.

Die Preise

Goldene Palme: „Titane“ von Julia Ducournau (Frankreich)

Großer Preis der Jury: „A Hero“ von Asghar Farhadi (Iran) und zu gleichen Teilen „Hytti No 6 (Compartment No 6)“ von Juho Kuosmanen (Finnland)

Beste Schauspielerin: Renate Reinsve für „The Worst Person in the World“ von Joachim Trier (Norwegen)

Bester Schauspieler: Caleb Landry Jones für „Nitram“ von Justin Kurzel (Australien)

Beste Regie: Leos Carax für „Annette“ (Frankreich)

Bestes Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi und Takamasa Oe für „Drive My Car“ von Ryusuke Hamaguchi (Japan)

Preis der Jury: „Ha’berech (Ahed’s Knee)“ von Nadav Lapid (Israel) und zu gleichen Teilen „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul (Thailand)

Camera d’Or für den besten Debütfilm:: „Murina“ von Antoneta Alamat Kusijanovic (Kroatien/USA)

Den Preis in Cannes teilt er sich mit einem nicht weniger persönlichen, aber höchst gegensätzlichen Film: „Ahmed’s Knee“ des israelischen Autorenfilmers Nadav Lapid ist eine fast agitativ choreografierte Anklage gegen die Zensur, nicht nur im eigenen Land. Großartig, dass auch dieses minimalistische Werk Spike Lees Jury nicht entging. Sie feierte die künstlerischen Extreme, auch im Regiepreis an den Franzosen Leos Carax für einen weiteren surrealen Paukenschlag. Sein finsteres Musical „Annette“ hatte ein außergewöhnliches Festival eröffnet, das nun seinen herrlich chaotischen Abschluss fand.

Mit welcher Disziplin hatte man den Gefahren der Pandemie getrotzt, bei jedem Eintritt Impf- und Testzertifikate gewissenhaft geprüft. Erfolgreich wurde ein Ausbruch während des Festivals vermieden, während es vor dem Palais wimmelte wie immer.

Und dann diese merkwürdige Situation zu Beginn der Preisverleihung: „Herr Präsident, können Sie mir sagen, welcher Preis der erste Preis ist?“, wurde Spike Lee von der Moderatorin aufgefordert. „Yes, I can“, gab er präsidial zur Antwort, erhob sich in seinem schillernd-regenbogenfarbenen Anzug und der Lokomotivführermütze. Dann las er von einem mitgebrachten Zettel ab: „Der Film, der die Goldene Palme gewinnt, ist ‚Titane‘ ... .“ Turbulente Szenen folgten. „Halt!“, rief die Moderatorin, andere Juroren sprangen auf. Jury-Kollege Tahar Rahim nahm schützend Lee in die Arme, bevor diesem das Ausmaß des Fauxpas noch selbst ganz bewusst geworden schien.

Wirklich absurd wurde es allerdings erst, als versucht wurde, zu tun, als sei nichts passiert. Vor dem Finale witterte Lee dann die Chance, seinen Fehler wieder gut zu machen. Und wurde mitten im Satz nach dem Wort „Goldene Palme“ abermals zurückgerufen: Die Moderatorin hatte vergessen, dass eigens zum Zweck der Bekanntgabe Hollywoodstar Sharon Stone eingeflogen worden war. Als Julia Ducournau schließlich als Gewinnerin ausgerufen wurde und Lee aufgeregt über die Bühne fegte, zeigte sich, dass er sich für gar nichts entschuldigen musste.

Kleine Panne: Spike Lee nennt vorab fix mal die Gewinnerin.

Ihm verdankte Cannes wahrscheinlich die herzlichste Gala seit Jahrzehnten. Und das Pathos ließ sich auch nicht aussperren. Es kam in der tränenreichen Dankesrede von selbst zurück. „Dieser Abend war so perfekt, weil er nicht perfekt war, er war groß, hatte Herz“, begann Ducournau. „Danke, Spike, du hattest damit viel damit zu tun, es war unglaublich. Als Kind dachte ich, alle Filme, die hier laufen seien perfekt. Heute weiß ich, mein Film ist es nicht, vielleicht ist er sogar monströs. Heute weiß ich, Perfektion ist eine Sackgasse. Es gibt so viel Schönheit, in dem, was in kein Kästchen passt.“

Und dann fasste sie die Qualität dieser so vielfältigen Ausgabe besser zusammen, als jeder vor ihr: „Wir kämpfen in der Gesellschaft für mehr Diversität und das gilt auch für das Kino. Vielen Dank liebe Jury, dass Sie die Monster hereingelassen haben.“ Das große Monster Kino, Cannes hat es wieder aus der Flasche gelassen.

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