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Nicht nur der Städel-Besucher kennt die Pose, der aber ganz besonders.

"Männerfreundschaften"

Goethes schwule Seite

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In seinem schwelgerischen Essay "Männerfreundschaften" sucht Rosa von Praunheim in der Weimarer Klassik nach den Ahnen homosexueller Literatur.

Als Rosa von Praunheim vor 27 Jahren die Homosexualität des Komikers Hape Kerkeling gegenüber dem Publikum von RTL bekannt machte – und für diesen damals ungeheuerlichen Vorgang zugleich das Fachwort „Outing“ – dachte der Betroffene nur an seine Tante, die Lisbeth: „Wenn die das sieht, bin ich geliefert.“

Von Praunheims neusten prominenten Outing-Opfern ist dagegen kein Widerspruch zu erwarten, sie sind längst unsterblich. In seinem semidokumentarischen Essayfilm „Männerfreundschaften“ fühlt der Filmemacher dem Stürmen und Drängen von Goethe, Schiller und Zeitgenossen auf den Zahn. Schon im Jahre 2000 veröffentlichte der amerikanische Germanist Roland Tobin dazu eine Studie mit dem schönen Titel „Warm Brothers. Queer Theory and the Age of Goethe“. Dass sie Rosa von Praunheim offenbar erst später in die Hände fiel und diesen Film inspirieren konnte, dämpft seine Freude darüber nicht.

Tatsächlich ist das Buch eine Pionierarbeit in seiner erfrischenden Bereitschaft, einige im literarischen Erbe vollmundig vorgetragene gleichgeschlechtliche Liebesschwüre einmal von der Goldwaage auf die Bettkante zu verschieben. Nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Jean Paul und Friedrich der Große werden darin rekontextualisiert. Auch Goethe und Schiller erfahren ein vorsichtiges Outing. Aber natürlich ist es eine Sache, ob man das Geschriebene auf mögliche homosexuelle Subtexte abklopft und eine andere, ob man daraus bereits auf die sexuelle Orientierung der Autoren rückschließen möchte.

So weit will dann auch von den befragten Germanistikprofessoren niemand so recht rudern. Ein viel ergiebigeres Thema ist der im 17. Jahrhundert blühende Freundschaftskult. Von Praunheim besucht den Freundschaftstempel des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim im Halberstädter Gleimhaus: In rund 120 Bildnissen, angefertigt von einigen der bedeutendsten Porträtmaler seiner Zeit, umgab sich Gleim dicht gehängt mit seinen Getreuen; ein begehbares Facebook. Noch inniger im Ausdruck erscheinen viele der brieflichen Manifestationen dieser Freundschaften; allein mehr als ausformulierte 14 000 Küsse wurden darin gezählt. Dass sich weder Gleim noch seinem Intimus Johann Georg Jacoby praktizierte Homosexualität nachweisen lässt, belegt noch einmal, dass diese literarisch manifeste Männerliebe in einer ganz eigenen Liga spielte.

Aber was ist denn nun mit dem wahren, sexuell spät berufenen Goethe und in welche Richtungen vollzog sich sein Coming Out mit Ende dreißig? In Italien, da sind sich mehrere Experten einig, lernte er alle Spielarten der Sexualität kennen. Viel zitiert sein Brief an den Weimarer Herzog Carl August über „ein sonderbar Phänomen“, „die Liebe der Männer untereinander. Vorausgesetzt, dass sie selten bis zum höchsten Grad der Sinnlichkeit getrieben wird, sondern in den mittleren Regionen der Neigung und Leidenschaft verweilt; so kann ich sagen, dass ich die schönsten Erscheinungen davon, welche wir nur aus griechischen Überlieferungen haben, hier mit eignen Augen sehen und als ein aufmerksamer Naturforscher das Psychische und Moralische davon beobachten konnte. Es ist eine Materie, von der sich kaum reden, geschweige schreiben lässt“.

Was immer noch nicht beweist, dass Goethe den sicheren Stand des Naturforschers verlassen hätte. Noch verwegener freilich gestaltet sich die Suche nach dem schwulen Schiller. Ausgerechnet sein wohl rätselhaftestes Werk überhaupt, das unvollendete Drama „Die Malteser“, von dem nur winzige Fragmente existieren, muss dafür herhalten. Sollte sich Schiller gar an der Schwulität verzettelt haben? Über die man, wie Goethe so treffend befand, kaum reden, geschweige denn schreiben könne?

Der eigentliche Praunheim-Film gibt sich erst nach einer guten Stunde zu erkennen. Er hat sich dezent versteckt, so wie man früher verbotene Literatur im Schutze falscher Einbanddeckel schmökerte. Er hat locker improvisiert und in sommerlichen Naturkulissen gedreht. Und der Filmemacher hat den ohne Zweifel handfestesten schwulen Roman aus dem Umfeld der Weimarer Klassik ausgemacht und gleich verfilmt, wenigstens in ein paar Szenen. Es ist August von Sachsen-Gothas „Ein Jahr in Arkadien“. Die Frankfurter Goethe-Universität besitzt eine Erstausgabe in ihrer Schopenhauer-Sammlung. Schwelgerisch folgt Rosa von Praunheim der barocken Schäferdichtung über das Werben eines jungen Mannes um ein sprödes Gegenüber, das aufzutauen alle Liebes- und Erzählkunst wert ist.

Und mit einem Mal verlassen wir in Gedanken die Welt von digitalem Video und wünschen uns Werner Schroeter wäre hier mit seiner Super-8-Kamera, um, dies unterlegend mit Opernarien, ganz darin aufzugehen. Es ist ja egal, wo man die Reise zu den Ahnen der schwulen Literatur beginnt und bei welchen prominenten Namen man auf dem Weg klingelt. Hauptsache, man findet die Liebe.

Männerfreundschaften. D 2018. Regie: Rosa von Praunheim. 95 Min.

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