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goEast:Wagemut mit Dame

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Von: Marcus Hladek

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„Der Balkonfilm“ von Pawel Lozinski.
„Der Balkonfilm“ von Pawel Lozinski. © goEast

Auch am Wiesbadener Filmfestival geht der Krieg in der Ukraine nicht spurlos vorbei.

Ein Mädchen, dessen Vater Stalin zum Opfer fiel, kriegt aus Sibirien Briefe der Mutter, während sich ein Tschekist bei ihr einquartiert hat; Tanz und Musik trotzen der Systemgewalt. Eine alte Schriftstellerin muss ertragen, dass ihre mitgealterte Zensorin aus Sowjetzeiten bei ihr einzieht. Weibliches Begehren im historischen Sowjet-Triptychon: die adlige Femme fatale 1921, die jungenhafte Nana in Liebe über Tiflis 1941, die Lust der anerkannten Architektin auf ihren Maler. Oder auch: Theaterregisseur erlebt Mord mit, kann nichts tun und entzieht sich das Recht, je wieder Theater zu machen.

So lauten die erstaunlichen Plotlines einiger Filme Lana Gogoberidzes: „Der Walzer auf der Petschora“, „Der Goldene Faden“, „Unter einem Himmel“, „Grenzen“. Ihrem Schaffen war jetzt die Hommage-Retrospektive innerhalb des Filmfestes „goEast“ (bis 25. April in Wiesbaden, mit Vorführungen in Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Gießen) gewidmet. „goEast“ stellt seit 2001 ost- und mitteleuropäische Filme vor

Gogoberidze aber, deren Familiengeschichte (ihr Vater, 1930 KP-Sekretär Georgiens, wurde wirklich hingerichtet, ihre Mutter durchlitt Sibirien) Vorbild der ersten Plotline war, ist mit ihren dreizehn Filmen aus 61 Jahren eine Großmeisterin. Ihr schnörkelloser Wagemut, ihre Originalität und ihr Feminismus im Sowjet-Kontext verblüffen. Die 93-jährige Regisseurin und, nach 1990, Politikerin wäre eine Entdeckung, auch wenn „goEast“ kein Festival mit vier Haupt- und drei flankierenden Wettbewerben wäre (Hauptpreis: 10 000 Euro). Obwohl Gogoberidze, die als Ehrengast anreiste, in Cannes (1984) und Venedig (1992) für den Hauptpreis nominiert war, hat Festivalleiterin Heleen Gerritsen recht: Ihre Filme sind kaum zu sehen. Die Retrospektive war ihre erste international. Wer da etwas nachholen will, kann sich auf Youtube „Commotion (Tumult)“ anschauen, eine ungemein witzig-tänzerische Geschichte, deren Leichtigkeit man eher Fellini zuschreiben würde.

Und sonst? So groß die Freude über dieses Live-“goEast“ nach zwei Jahren Pandemie war, drückte diesmal der Krieg in der Ukraine seinen Stempel auf. Der Litauer Mantas Kvedaravicius, dessen Dokumentarfilm „Mariupol“ (2016) als Special gezeigt wurde, ist am 2. April ebendort, in Mariupol, von der russischen Armee getötet worden. Auch komplimentierte das Festival kurzfristig russische Filme mit staatlicher Förderung aus dem Programm. Regisseurin Ekaterina Selenkina („Detours“) akzeptierte das und brachte Mut zu diesem Statement auf: „Wir sind absolut gegen den Krieg in der Ukraine. Putin und seine Regierung sind Kriminelle, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Sie müssen verfolgt werden.“ Wo bleibt der russische Stauffenberg?

Harsche Zeiten also. Filmkünstler und Besucher bei „goEast“ hinderte das nicht, es sich am Festivalzentrum Museum Wiesbaden und am Ost-Kiosk gut gehen zu lassen. Oder sich bei den „Yugoretten“ im Museumskeller Tee und Baklava zu genehmigen, bevor es auf dem Museumsvorplatz im Kunstlicht zur Spontanperformance kam, Thema: Frauenmorde weltweit und Vergewaltigungen – wie die, die Putin nach alter stalinistischer Militärtradition für die Ukraine anordnet.

Eröffnet hatte „goEast“ Pawel Lozinskis „Balkonfilm“, in dem Passanten vor dem auf seinem Balkon stehenden Regisseur vorbeidefilieren und reden: Kind, Sträfling, Nationalisten, tänzelnde Schöne. Zu den Favoriten im Wettbewerb zählte „Klondike“ von Maryna Er Gorbach, ein grandioser Film, der schon das Sundance-Festival gewann. „Klondike“ spielt an der ukrainisch-russischen Front 2014, auch der Abschuss der Linienmaschine MH17 rückt ins Bild. Den Titel des im Grauen und der Absurdität unglaublich schön fotografierten Films erklärt die Regisseurin durch den Vergleich des Donbas-Gebiets mit dem Goldrausch in Amerika.

Im Wettbewerb waren zudem die Dokumentation „100% Baumwolle“ („Früchte des Zorns“ auf Usbekisch?), der surreale Thriller „Januar“ mit seinen „Shining“-Echos, der regimekritische weißrussische Film „Mara“ als Grenzgänger zum Horrorgenre, die Aufarbeitung „Babyn Jar. Kontext“, Serbiens Beitrag im Flüchtlingsmilieu „Der Falke“, die russisch-jakutische Polit-Fabel „Nuuccha“ und der unbehaglich-spannende Debütfilm „Stilles Land“ von Aga Woszczynska.

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