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In der Glut des Südens

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Von: Daniel Kothenschulte

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Am Originalschauplatz einer alten Villa in Louisiana: Nicole Kidman als Miss Martha and Colin Farrell als John.
Am Originalschauplatz einer alten Villa in Louisiana: Nicole Kidman als Miss Martha and Colin Farrell als John. © dpa

Selten war eine Neuverfilmung so überzeugend wie Sofia Coppolas Südstaatenthriller "Die Verführten". Anders als bei ihrer "Marie Antoinette" wirkt der Pomp nicht selbstzweckhaft.

In allem Glanz von Cannes, wo Sofia Coppola am Ende des Festivals den Regiepreis erhielt, war „The Beguiled“ das prächtigste Juwel am Ort: Perfekt geschliffen und wie alles, was diese Regisseurin schafft, ein kleines bisschen kühl. Es ist der Fluch aller Perfektion, dass sie auch Schweiß und Tränen wegwischt und am Ende vielleicht weniger persönlich wirkt als das spontane, skizzenhafte Kunstwerk.

Besonders bei amerikanischen Kritikern erwies sich die Perfektion für Coppola als Bumerang, die überästhetisierten Südstaatenlandschaften, die Schönheit jeder einzelnen Einstellung, macht man ihr dort zum Vorwurf. Nicht jeder mag sie in Beziehung setzen zur rauen Geschichte aus dem Bürgerkrieg, der Don Siegels klassische Verfilmung von 1971 mit beklemmender Direktheit begegnete. Doch wer das schleichende Gift nicht sieht in dieser Schönheit, die barocke Todesahnung, der hat Coppola gründlich missverstanden.

Vier Jahre hatte sich die Filmemacherin Zeit gelassen für die Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Cullinan, der beiden Filmen als Vorlage diente. Es ist also kein Remake im engeren Sinn, sondern eine Neuinterpretation des Textes.

In der Spätphase des Bürgerkriegs findet darin ein verwundeter Nordstaatensoldat in Virginia Zuflucht in einem Mädchenpensionat. Siegels Film hatte das Zentrum seiner Spannung im unberechenbaren Gewaltpotenzial des Gastes gefunden, der vom Schützling zum Peiniger mutiert.

Coppolas Perspektive ist dagegen die der sieben Frauen – zwei von Nicole Kidman und Kirsten Dunst verkörperte Erzieherinnen sowie fünf verbliebene Schülerinnen, die größte Rolle spielt dabei Elle Fanning. In der ebenso feinfühlenden wie unsentimentalen Zeichnung der Mädchen knüpft Coppola an ihr frühes Meisterwerk „The Virgin Suicides“ an. Jede einzelne Frau entwickelt eine andere Verbindung zu dem attraktiven Mann, der sofort erkennt, welche Rollen er jeweils zu spielen hat – und sie dann in ihren Projektionen manipulativ bestärkt.

„Die Verführten“ nennt sie deshalb der deutsche Titel, aber das trifft die Bedeutungen von „beguiled“ nicht wirklich, die von „verzaubert“ bis „getäuscht“ reichen. Vor allem aber lenkt er davon ab, dass sich der Mann in dieser Geschichte ja ebenfalls betrogen fühlt. Denn gerade hierin besteht der besondere Twist der Coppola-Version, wenn sie die Frauen in jeder Hinsicht aufwertet: Sie nimmt sie in ihren Sehnsüchten ebenso ernst wie in ihrer überraschenden Gegenwehr. Zugleich verzichtet die Regisseurin auf jede Dämonisierung der Männerfigur. Tatsächlich gibt erst eine der Frauen aus Eifersucht den Anstoß zur gewalttätigen Eskalation.

Colin Farrell hat sich von Clint Eastwoods ikonischer Darstellung vollkommen gelöst und zeigt seine ganze Bandbreite in dieser Meisterleistung. Doch bereits bevor eines der Mädchen den Verletzten im Wald aufliest, schlägt der Film in seinen Bann: Der französische Kameramann Philippe Le Sourd, bekannt für seine Zusammenarbeit mit Wong Kar-wai bei „The Grandmaster“, ist der heimliche Star des Films: Seine gebrochenen Idyllen, die verwunschenen Landschaften, seine Ansichten der klassizistischen Villa zitieren die Ikonographie amerikanischen Südens ohne je ins Dekorative abzugleiten. Wenn sich Colin Farrell als Gärtner unverzichtbar machen will, erschafft ihm Coppola dazu einen Märchengarten.

Was für ein Kontrast zur brachialen Wucht des Siegel-Films. „Ich habe viel von Don Siegel gelernt, vor allem Effizienz“, sagte Eastwood in Cannes. „Er war meistens schon mit der ersten Aufnahme zufrieden.“ Das kann man von der Perfektionistin Coppola kaum vermuten. Aus der Geschichte entfernt hat Coppola die Sklavinnenfigur, die im Siegel-Film ebenfalls eine Rolle spielt. „Sie wurde als Stereotyp behandelt, ich empfand es als respektlos“, erklärte die Regisseurin bei einem Publikumsgespräch. Eine Aufwertung der Rolle hätte allerdings für sie die Dimensionen eines Kammerspiels gesprengt. „Ich dachte, das ist ein Thema, das man nicht nebenbei behandeln kann. Also habe ich es lieber ganz weggelassen.“

Vielleicht kann man Coppola vorwerfen, sie habe es sich an dieser Stelle zu leicht gemacht. Und sie naiv nennen, wenn sie zugleich erklärt, nach der hässlichen Welt ihres letzten Films „The Bling Ring“ um jugendliche Diebe von Luxusgütern in Los Angeles, habe sie „etwas Schönes machen wollen“. Haben nicht erst zuletzt Filme wie „Twelve Years a Slave“ und „The Birth of a Nation“ in aller Deutlichkeit daran erinnert, dass die wirtschaftliche Blüte der Südstaaten und damit die von unzähligen Autoren verklärte Kultur mit dem Blut der Sklaven erkauft wurde?

Coppola drehte mit akribischer Detailtreue am Originalschauplatz einer ehemaligen Plantagenvilla in Louisiana, doch anders als bei ihrer „Marie Antoinette“ wirkt der Pomp nicht selbstzweckhaft. Mit Glätte hat Coppolas Ästhetizismus nichts zu tun. Mit Bedacht drehte sie auf 35mm-Film, ein kostbares Material, das in Europa eine wirtschaftlich orientierte Digitalisierung aus den Kinos vertrieben hat. So konnte man ihn leider bisher nur in den USA sehen, vergangene Woche in Quentin Tarantinos New Beverly Cinema in Los Angeles. Schon in Cannes warb die Regisseurin für diese Vorführung, ein „double feature“ zusammen mit Don Siegels Version. Vier Stunden saß Tarantino, ein erklärter Fan beider Filmemacher, mit im Publikum. Nur welche Version ihm besser gefallen hat, das ist nicht bekannt. Es gibt jedenfalls nur wenige Geschichten, die man im Kino gleich zweimal hintereinander sehen möchte.

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