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Die Größenfrage kann das Super-Manntier nach Belieben lösen: Paul Rudd als Scott Lang in "Ant-Man and the Wasp".

"Ant-Man and the Wasp"

Das Glück auf dem Rücken einer Wespe

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Mit dem erfreulich absurden Marvel-Film "Ant-Man and the Wasp" hat der Sommer einen angemessen heißen Blockbuster gefunden.

Georges Méliès, der große Kino-Pionier und Urahn des Science-Fiction-Films, brauchte nicht lange, um die Kunst des Größenwechsels für die Leinwand zu perfektionieren. In seinem Film „Der Zwerg und der Riese“ aus dem Jahre 1901 verdoppelt er sich erst, um dann gleichzeitig zu wachsen und zu schrumpfen. Wie konnte der Kinozauberer nur je aus der Mode kommen? Dieser neueste Marvel-Blockbuster wäre genau seine Kragenweite.

Größe (beziehungsweise Kleinheit) ist alles in „Ant-Man and the Wasp“. Das war schon so im ersten Film um den Ameisenmann Scott Lang (Paul Rudd) in seinem von einem genialen Erfinder Dr. Hank Pym (Michael Douglas) geschneiderten Verkleinerungsanzug. Nun bekommt er auf seinen Miniatur-Ausflügen Gesellschaft.

Hope, die von Evangeline Lilly gespielte Tochter des Erfinders, nennt sich nicht nur der Taille wegen „Wespe“. Drei Jahrzehnte vor der Handlung ist bereits ihre Mutter, die ursprüngliche, vermutlich ohne ihr Wissen in zahllosen Comic-Heften verewigte „Wespe“, der Schwindsucht erlegen oder, besser gesagt, im Nanospace verloren gegangen. Nun ist es offenbar an der Zeit, nach ihr zu suchen, was zugleich die Frage beantwortet: Wo hat eigentlich Michelle Pfeiffer zuletzt gesteckt?

Gemeinsam geschrumpft ist halb gewonnen, doch die Suche des ungleichen Teams aus Ameise und Wespe ist nicht ungefährlich. Auf dem Weg begegnen sie einer Reihe von Widersachern, darunter Ghost (Hannah Jones-Kamen), einer tragischen, von Schmerzen geplagten Figur, die ohne die nützliche Erfindung des Dr. Pym nicht weiterleben kann.

Hier wäre der Moment gewesen, ein wenig emotionale Tiefe in die Geschichte zu bringen, ein bisschen mehr „Disney“, als es sich der Konzern in seiner Marvel-Serie leistet. Aber man fürchtete wohl dabei, die Leichtigkeit, die diesen Film auszeichnet, zu verlieren. Ein anderer Schurke, Waffenhändler Sonny (Walton Goggins), bleibt angemessen blass. Doch was kümmert schon der Plot in diesem hemmungslos verspielten Abenteuer, das die Surrealisten geliebt hätten. Schon die Erklärung dafür, warum sich Dr. Pym erst nach dreißig Jahren auf die Spuren seiner geliebten Ex-Frau macht, hätte ihnen gefallen: Sie ist ihm im Traum erschienen.

Mischverhältnis zwischen Spaß und Ernst

So vergehen knapp zwei Stunden wie ein Traum mit offenen Augen: Wer wünschte sich nicht, einmal als Ameise auf dem Rücken einer Wespe herumzusausen? Oder ein ganzes Hochhaus mit Mann und Maus wie einen Koffer spazieren zu tragen?

Mehr als andere Hollywood-Blockbuster leben die Marvel-Filme vom jeweiligen Mischverhältnis zwischen Spaß und Ernst. So gesehen, kann man es fast bedauern, dass diese Fortsetzung ein wenig mehr Handlung für nötig hält als ihr Vorgänger. Doch man könnte kaum behaupten, dass die Abarbeitung derselben allzu viel Anstrengung von Personal und Zuschauern verlangte. 
Seit dem ersten der modernen Sommer-Blockbuster, Spielbergs „Der weiße Hai“, definiert sich das Genre durch seine Besonderheit, auch an der Grenze zum Sonnenstich noch verstanden zu werden. Die Startwoche könnte also kaum passender gewählt worden sein.

Der überdrehte, anarchische, ja nihilistische Humor erinnert an die herrlichen Verrücktheiten, die Joe Dante und Jon Landis in den achtziger Jahren dem Fantasy-Genre angedeihen ließen. Wer bislang glaubte, der Spaß, den Dantes „Gremlins“ oder Landis’ „Thriller“ seinerzeit verbreiteten, sei untrennbar vom Bastler-Charme der handgemachten Tricktechnik, kann aufatmen: Auch Digitaleffekten lässt sich ihre sterile Glätte austreiben. Das von Hauptdarsteller Paul Rudd mitgeschriebene Drehbuch macht erfreulicherweise nicht den Eindruck, als habe es vor dem Dreh lange auf der Goldwaage gelegen. Nachdem Marvels „Black Panther“ bislang sagenhafe 1,34 Milliarden Dollar einspielte, schaut Disney offenbar nicht mehr auf den Cent. Immerhin konnte der erste „Ant-Man“ das zweitschlechteste Einspielergebnis in der Erfolgsserie für sich verbuchen. Es waren „nur“ 180 Millionen Dollar.

Regisseur Peyton Reed, der schon den ersten Teil inszenierte, verdiente sich einige seiner ersten Sporen mit der TV-Serien-Version von „Zurück in die Zukunft“, bevor er mit Komödien wie dem originellen Jim-Carrey-Vehikel „Der Ja-Sager“ bekannt wurde. Nun kombiniert er das Phantastische mit dem Absurden. Endlose pseudowissenschaftliche Erklärungen (ein weiterer Veteran, Lawrence Fishburne ist als Freund der Michael-Douglas-Figur fürs Fachsimpeln zuständig), machen Außenstehende ratlos: „Hängt ihr Wissenschaftler eigentlich an alles die Vorsilben ‚Quantum‘?“ fragt Lang einmal. Und erinnert uns daran, dass wir alle nur Ameisen im Reich der Wissenschaft sind.

Wie selbstverständlich zoomen sich die Figuren ins jeweils gewünschte Format und finden noch Zeit für harmlose Herrenwitze darüber, wer denn nun den größten Goliath zustande bringt. Nichts davon dauert länger als das Vorbeisummen einer Wespe. Und die gehören bekanntlich ja zum sommerlichen Picknick wie der Kritiker zum Kino. Auszusetzen hat er diesmal wenig.

Ant-Man and the Wasp. USA 2018. Regie: Peyton Reed. 118 Min.

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