Reinhold Beckmann in seiner Sendung.
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Reinhold Beckmann in seiner Sendung.

"Beckmann"

Vom Glück, Krebs zu haben

  • Judith v. Sternburg
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Bei Beckmann sollte es um Aids gehen, doch die aktuelle Nachrichtenlage ließ den Moderator erst mal nach der Schweinegrippe fragen - eine Aidsexpertin. Von Judith von Sternburg

Aus Anlass des Falles der Sängerin Nadja Benaissa ging es bei Reinhold Beckmann gestern Abend um Aids. Aber auch die schnellen elektronischen Medien haben es schwer, wenn die Ereignisse noch schneller sind.

Also fragte Beckmann die eingeladene Aids-Expertin zunächst noch rasch nach der Schweinegrippe. Begreiflicherweise konnte sie wenig mehr dazu sagen als jeder andere vernünftige Zeitungsleser und Fernsehzuschauer: Dass es schlimm ist, aber man noch nicht genau weiß, wie schlimm.

Ansonsten war die Sendung am Mitreißendsten, als es noch nicht um Nadja Benaissa ging, sondern um ein Ehepaar namens Niemeyer. Die Niemeyers sind sympathisch wirkende, braungebrannte Leute, Eltern mehrerer erwachsener Kinder. Wegen der Bräune stellt man sie sich gerne in einem Schrebergarten vor. Später zeigt sich, dass er ein begeisterter Motorradfahrer ist.

Seit achtzehn Jahren sind Herr und Frau Niemeyer HIV-positiv. Sie arbeitete als Krankenschwester auf eine Dialysestation. Bei einem Notfall geriet eine große Menge infizierten Bluts an eine Wunde an ihrer Hand. Handschuhe waren damals noch nicht selbstverständlich, sagt sie, schon gar nicht bei einem Notfall.

Ihr Mann steckte sich bei ihr an, bevor sie so starkes Fieber bekam, dass unter anderem auch ein HIV-Test gemacht wurde. Dass sei ein Schlag gewesen, erzählen die Niemeyers.

Und umso länger sie erzählen, umso plastischer wird das: Zunächst die quälenden Symptome (später: die Nebenwirkungen der nützlichen, aber starken Medikamente), dazu die Angst um die Kinder. Die Überlegung, sich gemeinsam das Leben zu nehmen, wenn sie ebenfalls HIV-positiv sind.

Dann - die Kinder sind nicht krank - die Mauer des Schweigens, die die Niemeyers um sich aufbauen. Ahnungslose lernen: Über alles kann man sprechen, aber nicht darüber, dass man Aids hat.

Auch die Niemeyers waren damals schlecht informiert. In einer Aids-Praxis trafen sie Drogensüchtige, waren entsetzt und gingen nicht mehr hin. Sie waren nicht sicher, ob sie aus demselben Glas wie ihre Kinder trinken dürfen.

Er musste seinen Beruf aufgeben und wurde Hausmann. Ihr wurde bei der Arbeit bedeutet, besser nichts zu sagen. Sie wechselte in die Verwaltung.

Er erzählt, wie hilfreich es gewesen sei, als sie sich ins Schwimmbad trauten und ihren Arzt trafen, der sie gegrüßt und sich gefreut habe, sie hier zu sehen. 18 Jahre sprachen sie praktisch mit keinem darüber. Den Kindern erzählten sie erst davon, als sie volljährig waren. Sie seien großartig gewesen.

Wer sich das alles noch nicht vorstellen kann, der kann es vielleicht, als er noch das hört: Herr Niemeyer bekam Zungenkrebs. Das sei ein großes Glück gewesen, sagt er.

Endlich habe er darüber sprechen können, dass es ihm körperlich schlecht ging. Sie sagt, sie habe ihn um seinen Krebs beneidet: Dass er etwas gehabt habe, worüber er ganz offen klagen konnte. Die Krankheit war gefährlich.

Mit der unschlagbaren Dummwitzelei, die manchen Ärzten zueigen ist, scheint Niemeyers Arzt gesagt zu haben: Ich würde mir keine Langspielplatte mehr kaufen. Wie man sieht, überlebte er aber.

Die Niemeyers sind sichtbar erleichtert. Vorher haben der Ex-Tennisprofi Michael Stich, der sich in der Aids-Prävention engagiert, und die Aids-Expertin Anne Steinbeck-Klose über die Stigmatisierung der Krankheit berichtet.

Infizierte Mütter haben Schwierigkeiten, Kindergartenplätze für ihre Kinder zu finden. Infizierte Arbeitnehmer laufen Gefahr, aus ihrem Job gemobbt zu werden. Klar wird natürlich auch, dass das Schweigen nichts hilft. Jugendliche, erwähnt Beckmann, geben in Umfragen an, die Pille schütze sie doch vor Aids.

Etwas mehr Verschwiegenheit wäre indes im Zuge der spektakulär inszenierten Festnahme von Nadja Benaissa offenkundig am Platze gewesen. Die Runde - aus Experten werden nun wieder Fernsehzuschauer und Zeitungsleser - ist empört über das Verhalten der Staatsanwaltschaft und die Berichterstattung über den Fall. Ulrich Wickert und der Medienrechtler Felix Damm kommen jetzt hinzu und finden das alles ebenfalls nicht in Ordnung.

Dass das Thema auf dem Boulevard fast schon wieder durch ist, die Sängerin und ihre kleine Tochter aber mit dem weitgehend hemmungslos skandalisierten Vorfall und Outing weiterleben müssen, wurde durch die Niemeyers umso handgreiflicher.

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