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Auf kaum einem Smartphone auf der Welt fehlt die Amazon-App.

Der unaufhaltsame Aufstieg von Amazon, arte

Die globalisierte Doku

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"Der unaufhaltsame Aufstieg von Amazon" beginnt mit wirren Argumenten und endet weit weg von der eigentlichen Fragestellung. Sie sagt letztlich mehr über Dokumentationen aus als über Amazon.

Bilder von Großstädten: Rush Hour, überfüllte Bürgersteige, überfüllte Autobahnen, immer in Bewegung. Manche davon wiederholen sich, manche sind in der Zeitraffer-Beschleunigung – mehr fällt den Machern dieses vermeintlichen Konzernportraits anfangs nicht ein, um die Erzählung und die Interviewstimmen zu bebildern. Diese Aufnahmen sollen, „Koyaanisqatsi“ lässt grüßen, gleichmal unterschwellige Bedrohung hervorrufen: Der entmenschlichte Mensch, die Gleichschaltung der Gesellschaft, und vor allem: der viel zu schnelle Wandel, der ein Unternehmen innerhalb von 30 Jahren von der Grundidee zu einem der größten Konzerne der Welt macht. Dazu natürlich die unterschwellig sofort bedrohlichen Wortwahl von „Zwang“ und „Druck“, von „erobern“ und „bedingungslos aus dem Weg räumen“. Grusel und Schauder also – was nicht wirklich überrascht, wenn arte mitten im Weihnachtsgeschäft die Prime Time für eine 90minütige Doku über den Online-Versandhandel hergibt.

Nun erwartet man, welche der vielen validen Argumente gegen die Firma vorgebracht wird: Steuerhinterziehung, Privatsphäre-Probleme, Preisunterbietung? Statt dessen gibt es erstmal krude Metaphern, die aus Filmbildern herzurühren scheinen. Der Rattenfänger von Hameln wird da gezeigt, und eine warnende Kommentarstimme verkündet: „Die Kunden lieben Amazon. Aber auch die Stadt Hameln ließ sich auf den Vertrag mit dem Rattenfänger ein – aber am Ende bedauerte sie die Konsequenzen.“ Das ist eine absurd falsche Lesung dieser Fabel, in der ja schließlich die Stadtbewohner den Rattenfänger betrügen und dafür dann drastisch abgestraft werden – also wer genau ist in dem Gleichnis Amazon? Kurz danach sehen wir Marlon Brando in Elia Kazans „Die Faust im Nacken“ und bekommen erklärt, dass die Amazon-Paketausfahrer in den USA genauso prekäre Lohnsklaven sind wie einst die Dock-Arbeiter in diesem Film... die am Ende nachgeben und sich dem Chef unterordnen. Man sieht den Erzähler praktisch vor sich, wie er sich verwirrt fragt, worauf er mit dem Vergleich eigentlich nochmal genau hinauswollte.

Dann folgen endlich ein paar Argumente, aber die sind schrecklich daneben: Ein Arbeitsrechtler entwirft das Bild der lokalen Geldzirkulation vom Schuster zum Metzer zum Nachhilfelehrer – und wie Amazon das Geld da rauszieht. Nur leider wirkt das unglaublich naiv: Lange bevor Amazon diese Geldkreisläufe unterbrach, hatten es schon die großen Handelsketten wie Aldi, Wall-Mart oder Toys-R-Us getan. Die dazu gestellten Bilder von betulichen Tante-Emma-Läden aus den 50ern zeigen unterschwellig, wie altmodisch und unwiederbringlich eine solche Vision schon lange vor Amazon war. Sind die Bilder absichtlich ausgesucht, um das eigene Argument zu relativieren?

Aber erst dann wird es richtig wild: Plötzlich reden wir mehrere Minuten lang über den Matratzen-Lieferdienst Casper, der Amazon großartig findet. Und dann wiederum sind wir plötzlich in England, in einem aufgegebenen Kohlerevier im Norden, Anfang der Neunziger. De-Industrialisierung, Massenstreik, Massenarbeitslosigkeit, Geisterstadt. Wie, daran ist Amazon jetzt auch schuld? Als Thatcher die britische Kohle-Industrie abwickelte, war Jeff Bezos gerade mal Grundschüler. Es kommt noch dicker: Jetzt wird’s menschlich. Ein Lieferfahrer in Großbritannien und einer in den USA werden wie Tagelöhner von einer App herumkommandiert. Sie haben keinen Arbeitslosenschutz, keine Gesundheitsversicherung, keine Rechte. „Sparmaßnahmen haben die Sicherheitsnetze zerstört“, warnt der Kommentator. Verwirrt fragt man sich, ob Jeff Bezos jetzt auch für die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in Britannien und den USA verantwortlich ist. Anschließend wird der Konzern mit der Britischen Ost-Indien-Kompanie verglichen, die per Gesetzeskraft bessere wirtschaftliche Bedingungen erzwingen konnte; und die horrenden Zugeständnisse, die US-Städte bei dem Wettlauf um eine neuen Amazon-Firmensitz betreiben, werden stark kritisiert. Impliziert diese Dokumentation tatsächlich, dass Amazon die Politik beherrscht, anstatt einfach nur von ihr zu profitieren wie alle anderen Firmen auch?

Das Problem ist ironisch: Die Globalisierung, die in jedem zweiten Nebensatz verdammt wird und irgendwie anscheinend auch Amazon zu Last gelegt werden kann, hat leider auch diese Doku übel erwischt. Denn sie beweist, wie schwierig es ist, eine globale Doku über einen globalen Konzern zu machen. Als Kontinental-Europäer steht man völlig fassungslos vor diesen arbeitsrechtlichen Grausamkeiten, die in Deutschland natürlich unmöglich wären. Und entsprechend fragt sich nicht, wie dieser Konzern so herzlos sein kann, sondern eher: Welches Gesellschaftssystem lässt denn solche Arbeitsverhältnisse zu? Das Problem ist offensichtlich nicht der Konzern, sondern das System, in dem er sich so aufführen kann. Das US-Gesundheits- und Sozialsystem. Das britische Steuer- und Bildungssystem.

Und irgendwie weiß David Carr-Brown, der Dokumentarist hinter diesem Film, das auch. Der Mann hat bereits mehrere Dokus über große Technologiekonzerne gemacht, der kennt die Komplexitäten auf globaler Ebene. Deswegen schwenkt er irgendwann um und lässt Systemkritiker und Arbeitsrechtler zu Worte kommen, die die Unterschiede von Europa und Amerika erklären. Das ist ein interessanter Exkurs, er hat nur mit Amazon und der Ausgangsfrage eigentlich nichts mehr zu tun.

Es hätte ein dutzend gute Argumente gegen Amazon gegeben, um die Menschen hierzulande zumindest aufzuklären über die Nebenwirkungen dieses Konzerns. Diese Doku liefert praktisch kein einziges davon. Stattdessen fährt sie ein überlanges Durcheinander aus teils interessanten Infos, aber auch aus allerhand ablenkenden, fehlgeleiteten oder schlicht irrelevanten Argumenten auf.

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