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Vom Gletscher an die Seite des Diktators

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Von: Harald Keller

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Arte zeigt eine weitere Dokumentation über die umstrittene Filmkünstlerin und Fotografin Leni Riefenstahl. Und verspricht einen neuen Ansatz.

Vor knapp fünfzehn Jahren starb Helene Riefenstahl im Alter von 101 Jahren. Die Lebensgeschichte dieser Frau, die als Tänzerin ins Showgeschäft gelangte, zum Schauspiel wechselte und als Autorin, Regisseurin, Produzentin berühmt und berüchtigt wurde, reizt bis heute zur Auseinandersetzung. Es gibt Theaterstücke über sie, Jodie Foster und Steven Soderbergh planten Filmbiografien, die Zahl der Riefenstahl-Dokumentationen lässt sich kaum noch überblicken. Die Faszination entsteht aus der Spannung zwischen ihrem künstlerischen Wirken und ihren filmtechnischen Errungenschaften einerseits und andererseits ihrer Hingabe an Adolf Hitler und ihrem erheblichen Anteil an der nationalsozialistischen Propaganda.

Ihre erste Begegnung mit Hitler beschrieb sie noch Jahre später als Epiphanie. Hitlers infames Pamphlet „Mein Kampf“ war ihr nicht unbekannt. Sie verherrlichte den Diktator und verklärte dessen kriminelle Bewegung in pompösen Propagandafilmen wie „Der Sieg des Glaubens“ und „Triumph des Willens“, sich einfügend in das von Goebbels, Speer und Konsorten betriebene Programm eines zur Monumentalität hochgezüchteten brachial-kitschigen Führerkults. Trotz alledem wollte Riefenstahl später von den NS-Verbrechen nichts gewusst haben.

Eine vom ZDF für Arte produzierte Dokumentation nimmt nun eine frühere Phase von Riefenstahls Wirken in den Blick. Eine Verletzung hatte sie gezwungen, ihre Karriere als Tänzerin zu beenden. Was dann folgt, klingt nach Mystifikation. „Es beginnt wie ein Märchen“, heißt es im Film von Annette Baumeister. Demnach will Riefenstahl 1925 auf dem Weg zum Arzt ein Plakat für den Film „Der Berg des Schicksals“ gesehen haben. Vom Fleck weg geht sie ins Kino und ist gleich dermaßen hingerissen, dass sie sich dem Regisseur des Films, Arnold Fanck, als Schauspielerin andienen will. Sie reist aus Berlin in die Dolomiten, sucht die Bekanntschaft des Hauptdarstellers Luis Trenker, kommt so in Kontakt mit Fanck, wird dessen Muse, Hauptdarstellerin, vielleicht auch Geliebte. Die beiden drehen in der Folge eine Reihe von aktionsreichen Spielfilmen, in denen Riefenstahl bemerkenswerten Körpereinsatz zeigt. Sie absolviert rasante Skifahrten und waghalsige Klettertouren. Vor Annette Baumeisters Kamera zeigt sich rückblickend selbst Extrembergsteiger Reinhold Messner schwer beeindruckt.

Ein besonders ambitioniertes Projekt führt Fanck und Riefenstahl, deren Verhältnis sich inzwischen abgekühlt hat –  Hitler war in ihr Leben getreten –, mit großer Crew nach Grönland. Auf und zwischen Eisbergen soll ein spektakulärer Abenteuerfilm entstehen. Die Dreharbeiten gleichen einer Expedition. Per Schiff werden Personal, Ausrüstung, Flugzeuge und sogar Eisbären für die Tieraufnahmen in die Eiswüste verfrachtet.

Später bei der Uraufführung von „S.O.S. Eisberg“ ist die gesamte NS-Spitze zugegen. Pikant daran: Finanzier der Unternehmung war Carl Laemmle, Chef des Hollywood-Studios Universal und deutsch-jüdischer Abstammung. Ebenjener Carl Laemmle war, das findet in der Dokumentation keine Erwähnung, drei Jahre zuvor von den Nazis beschimpft und verleumdet worden, weil er den von den Rechtsradikalen heftig bekämpften Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ nach dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque produziert hatte.

Ihre Kenntnisse des Filmhandwerks verdankte Leni Riefenstahl ihrem Mentor Arnold Fanck. So viel wird in Annette Baumeisters Film deutlich. Kursorisch aber bleibt die Autorin, wenn es um Riefenstahls Filmästhetik geht. Nur kurz findet Erwähnung, dass sich die Qualität ihrer Filme teils zeitgenössischen filmischen Standards, aber auch dem technischen Geschick ihrer diversen Kameraleute verdankt. Statt zum Kern zu kommen, die von Arte in der Vorschau versprochene „Dekonstruktion eines filmischen Mythos“ zu liefern, erliegt die Autorin der überbordenden Fülle an biografischem Material. Riefenstahls Persönlichkeit, ihr unbedingter Ehrgeiz, ihre schon in ihrer Tänzerinnenzeit entwickelte Kunst, männliche Förderer zu gewinnen, lassen kaum Raum für das Vorhaben, die Fremdeinflüsse auf ihr filmisches Wirken aufzuzeigen.

Die immer wieder eingeschnittenen, oft eher zaudernd ausfallenden Expertenkommentare helfen über diese Lücken nicht hinweg. Es bleibt Behauptung, was zu zeigen gewesen wäre. Der Film wirkt zerfasert: Riefenstahls Werdegang, die Tragik Fancks, die Expedition nach Grönland – vieles klingt an, nichts wird derart vertieft, dass man einen inhaltlichen Gewinn gegenüber früheren Dokumentationen vermelden könnte.

Schon der Filmauftakt geriet verwirrend. Die Autorin folgt der heute üblichen Unsitte, noch vor dem Vorspann mitten ins Thema zu greifen. Ein Aufriss, aber fürs Publikum ist nur schwer auszumachen, dass es sich um eine Ouvertüre, eine „Pre-Title-Sequenz“, handelt. So läuft es auf das Gegenteil des Gewünschten hinaus – statt zur Filmlektüre einzuladen, schreckt der Einstieg eher ab.

„Eiskalte Leidenschaft – Leni Riefenstahl und Arnold Fanck zwischen Hitler und Hollywood“, Mittwoch, 20.6., Arte, 22:20 Uhr

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