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Wer glaubt ihm, dass er bloß den Müll runterbringt? Manuel Rubey als Gregorowicz.

"Tatort: Der Mann, der lügt"

Glaubt ihm wenigstens seine Frau noch?

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"Der Mann, der lügt": Der Stuttgart-Tatort mit Richy Müller und Felix Klare lässt sich Zeit für komplexe Figuren.

Zum runden Ermittlergeburtstag hat der SWR Richy Müller und Felix Klare – seit zehn Jahren spielen sie die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz – einen recht stillen Tatort geschenkt. Und sie sind gut in „Der Mann, der lügt“, konzentriert, nie dick auftragend, fast möchte man meinen: besser als sonst. Es geht um eine konventionelle Ermittlung gegen jemanden, der zunächst nur einer unter mehreren Verdächtigen ist, der sich dann aber bei Lügen erwischen lässt. Natürlich müssen sie aufmerken, misstrauisch werden. Wir sind hier in Stuttgart, nicht in Washington, wo Lüge um Lüge keinerlei Folgen mehr hat.

Manuel Rubey spielt diesen Mann, der zunächst sagt, er hat das Mordopfer seit Jahren nicht gesehen. Und: er wisse nicht, warum er im Terminkalender des Toten auftaucht. Der dann sagt, er habe nur ab und zu mit ihm Tennis gespielt. Und: seine Frau wisse nichts davon, weil sie den Mann nicht mochte und es missbilligt habe. Der dann sagt, er sei zur fraglichen Zeit beim Zahnarzt gewesen, eine Wurzelbehandlung. Er reißt den Mund auf, aber was soll man da schon sehen? Manuel Rubey spielt diesen Mann als einen, der zuerst überzeugt ist, dass man ihn gleich wieder in Ruhe lassen wird. Der bald unsicher wird, Nervosität zeigt, manchmal Verwirrung, Spuren von Panik. Aber das Angebot der Kommissare, noch einmal bei Null anzufangen, nimmt er trotzdem nicht an. Und glaubt ihm wenigstens seine Frau noch?

Es ist gewiss ein Zufall, dass dieser Tatort, der seinen Figuren ausführlich und forschend ins Gesicht, nein, eigentlich direkt in die Augen schaut, nach einem (Bremer) Tatort läuft, der nicht genug kriegen konnte vom Horrorspektakel, bei dem man bisweilen kaum hinsehen mochte. Nun also Menschen aus Fleisch und Blut statt blutschlürfende Vampire. Und es geht nach einem Buch Sönke Lars Neuwöhners und Martin Eiglers und in der Regie Eiglers sogar ausnahmsweise einmal sehr korrekt zu bei der TV-Krimi-Polizei. Der „so genannte Stuttgarter Verhörraum“ wird erklärt, es wird erklärt, wer der Kameraaufzeichnung draußen zuschaut.

Der Mann, der schon vom Titel des Lügens beschuldigt wird – und sollte damit nicht alles klar sein? -, erscheint von Szene zu Szene komplexer und ein wenig rätselhaft. Es ist die Kunst dieses Krimis und seiner Darsteller, dass man bald nicht mehr weiß, was man glauben soll und ob der erste und auch zweite oder dritte Eindruck nicht täuschen. Gerade hat man diesen Jakob Gregorowicz für einen aalglatten Unsympathen gehalten. Schon ist man sich nicht mehr sicher. Aber auch: gerade fand man Gregorowicz’ Frau Katharina (Britta Hammelstein) doch auch ein bisschen dubios. Gleich darauf möchte man schwören, sie ist unschuldig.

Dieser Tatort lässt Raum für das, was auch Krimileser oft am meisten schätzen: die Spekulation, wer es denn nun war. Auch die Spekulation, warum er es gewesen sein könnte. Und er zeigt einen Menschen, der in die fremden, beunruhigenden Polizeiroutinen gerät. Und schließlich: er traut sich, die „Auflösung“ erst im Abspann zu präsentieren.

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