Nach westlichem Vorbild sollen 40 Prozent der Fläche Songdos bepflanzt werden und die "grünen Lunge" der Stadt bilden. Der Vorteil: Grünflächen senken die Temperatur und den CO2-Gehalt der Luft.
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Nach westlichem Vorbild sollen 40 Prozent der Fläche Songdos bepflanzt werden und die "grünen Lunge" der Stadt bilden. Der Vorteil: Grünflächen senken die Temperatur und den CO2-Gehalt der Luft.

TV-Kritik: „Städte der Zukunft“

Gläsern in der Stadt von morgen

Eine dreiteilige Arte-Dokumentation zeigt, wie Architekten Siedlungen am Reißbrett entwerfen: durchorganisiert, ökologisch und vernetzt – aber steril.

Von David Segler

Es ist inzwischen nicht mehr ausreichend, die bestehende Städte ökologischer und effizienter zu gestalten, sondern aufgrund der immer stärker zunehmenden Landflucht und der wachsenden  Bevölkerung werden ganz neue Städte entworfen und gebaut. Arte widmet diesem Phänomen eine dreiteilige Dokumentation unter dem Motto „Städte der Zukunft“. In China oder den arabischen Emiraten entstehen so komplett neue Orte, an denen Menschen in naher Zukunft leben und arbeiten sollen. Diese Siedlungen werden teilweise komplett von Architektenbüros am Reißbrett entworfen und minutiös geplant;  meistens sind es US-amerikanische Unternehmen, welche die neuen Lebensräume gestalten.

Es ist dann schon etwas befremdlich, wenn die Stadtplaner vor der Kamera sitzen und zu einer neuen Stadt zwischen China und Südkorea erzählen, dass einige Gebäude der Oper in Sydney oder dem neuen World Trade Center nachempfunden sein und der Park im Herzen der neuen Stadt an den Central Park in New York angelehnt ist. Aber logisch: Man hat die Möglichkeit, bei einem komplett neuen Lebensraum alles zu verwenden, was sich in der Vergangenheit als schön, praktisch, effektiv bewiesen hat. Und vor allem kann man der Stadt, die nicht über Jahrhunderte langsam gewachsen ist, von Anfang an ein klares Konzept geben. Aber in diesem Film wird auch deutlich: So schön man versucht, die Stadträume zu gestalten, so baukastenartig bleiben sie, auch wenn sich die Orte natürlich nicht komplett gleichen. Aber es gibt eben keine Reibungen, keine Fehler, es wirkt schlichtweg klinisch.

Neben dem neu geschaffenen Platz und dem Schonung von Ressourcen sind auch das Verkehrssystem und die Vernetzung ein großes Thema. Gerade in China, wo man wie in den USA das Auto liebt, ist es das Ziel, eine Entwöhnung von den Karossen zu erreichen, durch gute öffentliche Verkehrsmittel und viele Fahrradwege sowie gut ausgebaute Bürgersteige für Fußgänger. Versorgt werden sollen die Städte mit bis zu 20 Prozent durch erneuerbare Energien, mehr ist in der heutigen Zeit offenbar noch nicht umzusetzen. Da man sich auf Wind und Sonne nicht verlassen kann oder will, müsste man die Energie von einem sonnigen oder windigen Tag längerfristig speichern können, für schattigere und windstillere Tage, das ist bisher noch kaum möglich.

Das bedeutendste Thema aber ist die Vernetzung der Städte und damit einhergehend:  die Überwachung der Bewohner. In der chinesischen Teststadt ist alles miteinander verbunden, mehr noch: Überall gibt es Kameras und Sensoren. So können beispielsweise Wasserrohrbrüche schnell erkannt und behoben werden oder bei einem Unfall Staus möglichst gering gehalten werden, jedoch ist auch jeder Einwohner ein gläserner Mensch. Eine junge Mutter zeigt, dass sie für ihre Wohnung, den Keller, die Gemeinschaftsräume ein und dieselbe Zugangskarte hat, auf der aber auch alles gespeichert wird, was sie tut, wann sie das Haus verlässt und wieder nach Hause kommt. „Fremdgehen ist hier nicht möglich“, sagt sie und lacht, doch es ist eigentlich traurige Wahrheit.

Bedenklich ist das vor allem deshalb, weil diese Städte natürlich nicht komplett durch die Staaten  finanziert werden können. Private Unternehmer investieren  unvorstellbare Summen und besitzen große Anteile an den Städten. Also auch an den Daten, die von den Menschen in diesen Städten gesammelt und gespeichert werden. Die Vernetzung mag also effektiv, ökologisch und energiesparend sein, sie birgt aber vor allem ein großes Risiko: die Menschen komplett auszustellen und zu überwachen. Das zeigt dieser Film auf eine kluge Weise.

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