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Sie gehen einen Deal ein nach den Regeln der Frau: Anne Ratte-Polle und Ogulcan Arman Uslu.

„Es gilt das gesprochene Wort“

„Es gilt das gesprochene Wort“ im Kino: Schöner Gigolo, armer Gigolo

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Ilker Çataks ungewöhnliches Integrations- und Beziehungsdrama „Es gilt das gesprochene Wort“.

„Deutschland ist ein kaltes Land“, antwortet Baran, als man ihn fragt, warum er nach anderthalb Jahren in Deutschland wieder zurück in die Türkei gekommen ist. „Und der Kaffee schmeckt auch nicht besonders.“

Das weckt Verständnis; auf einem türkischen Flughafen hat er keine Probleme, den Job in der Gepäckabfertigung zu bekommen, den er zuvor aushilfsweise in Deutschland gemacht hat. Es ist schwer, sich in anderen Kulturen einzuleben. Aber wenigstens ist jeder Flughafen so wie der andere.

Flughäfen sind zentrale Spielorte im ersten Langfilm von Ilker Çatak. Sie liefern Bilder der Nüchternheit und eine scheinbare Neutralität, die diesem ungewöhnlichen Migrations- und Beziehungsdrama seine Erdung geben. Ungewöhnlich ist dieser Film vor allem deshalb, weil alle emotionalisierenden Elemente, die üblicherweise mit diesen beiden Filmgenres einhergehen, auf ein Minimum heruntergefahren sind. Wenigstens in der äußeren Inszenierung.

Dabei ist der Ausgangspunkt alles andere als außergewöhnlich: Es ist die klassische Geschichte einer Scheinehe, bei der sich zwischen den Partnern unvorgesehene Gefühle einstellen und der nüchternen Planung ein Schnippchen schlagen. Es ist leicht, eine solche Geschichte voller emotionaler Anteilnahme zu erzählen, doch Ilker Çatak hat etwas anderes damit vor. Um ganz sicher zu gehen und aller romantischen Anteilnahme ein Schnippchen zu schlagen, stellt er die Trauungsszene dem eigentlichen Kennenlernen voran. Es ist eine semidokumentarische Inszenierung, offenbar mit einer echten Standesbeamtin. Das Paar, mit dem sie es zu tun hat, der türkische Kurde Baran (Ogulcan Arman Uslu) und die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle), wird sich im türkischen Badeort Marmaris erst nach einer langen Vorgeschichte über den Weg laufen.

Virtuos lässt uns dieser erste Teil die Perspektive des Migranten Baran einnehmen, der per LKW an den Ort an der türkischen Riviera trampt. Vom Tellerwäscher in einem Touristenlokal entwickelt er sich zum Loverboy für deutsche Touristinnen. Man staunt über die Milieutreue und Selbstverständlichkeit dieser mit großem visuellen Talent erzählten Episode. So also wird Baran Marion begegnen, die mit ihrem Liebhaber, einem klassischen Pianisten mittleren Alters, an diesen Ort kommt und eine glücklose Affäre begraben wird. Aber zunächst wird ihre Geschichte erzählt und ein neues Kapitel aufgeschlagen.

„Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak: Ungewöhnliche Voraussetzungen

Es ist eine kühle Beziehung in einem kühlen Land mit zwei allzu sehr um ihre Souveränität besorgten Menschen. Eine Brustkrebsdiagnose lässt Marion ihr Leben grundsätzlich in Frage stellen. In dieser Phase fliegen beide an die türkische Riviera, wo es für die Beziehung wenig zu retten gibt. Erst jetzt nimmt die eigentliche Geschichte ihren Gang, dominiert von Marion, die dem deutlich jüngeren Baran, der sie heiraten möchte, einen Deal nach ihren Regeln offeriert.

Ja, sie wird ihm durch die Heirat den Aufenthalt in Deutschland ermöglichen. Sie wird ihm eine Wohnung und einen Job besorgen und ihm helfen, nach drei Jahren einen deutschen Pass zu bekommen. Mehr aber auch nicht. Das scheint alles gut zu klappen; mit der Heilung ihrer Krebserkrankung und der erfolgreichen Integration ihres Mündels wächst Marions Selbstwertgefühl. Für die hochintelligente Frau ist der Erfolg ihrer eigenen Lebensinszenierung beglückend. Dazu gehört auch die Dominanz über einen Mann, der unter dem fremdbestimmten Leben zusehends leidet.

Es gilt das gesprochene Wort . Deutschland 2019. Regie: Ilker Çatak. 120 Min.

Ob eine solche, zumindest wirtschaftlich betrachtet humanitäre Geste gegenüber einem Migranten, der nicht einmal ein hilfsbedürftiger Flüchtling ist, plausibel ist, wird auch im Film selbst thematisiert. Am wenigsten versteht es Baran selbst, der einmal direkt danach fragt. Zumal es für den ehemaligen Sexarbeiter schwer verständlich ist, dass Marion, die offensichtlich Gefühle für ihn entwickelt, seine Liebesdienste ausschlägt. Aber genau das ist der Punkt: Es ist gerade das Planspielhafte dieser Konstellation, das hier interessiert, weil es für die filmische Form so ungewöhnliche Voraussetzungen schafft.

„Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak: Nüchternheit und Distanz

Regisseur Ilker Çatak stellt sich in seinem Debüt einer wirklich kniffligen Aufgabe. Anstatt zu versuchen, diesem Konstrukt durch die Mittel der Emotionalisierung eine konsumierbare Form zu geben, betont er noch die Nüchternheit. Es gibt keine Filmmusik außer einigen klassischen Musikstücken, die vor allem kulturelle Differenzen betonen. So entsteht eine klärende Distanz, die sich vielen Lesarten öffnet: Man kann die Geschlechterrollen ebenso diskutieren wie die Schatten des Kolonialismus, die in jeder Integrationsdebatte mitschwingen. Vor allem aber kann man bewundern, was diese eigentlich unmögliche Konstellation überhaupt funktionieren lässt: zwei wirklich außergewöhnliche Schauspielerleistungen.

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Anne Ratte-Polle ist eine der größten Theaterschauspielerinnen des Landes, dass man sie im Kino so selten sieht, ist eine Schande. Sie verleiht dieser Figur eine eigentlich unglaubliche Glaubwürdigkeit.

Und dann ist da Ogulcan Arman Uslu, der diese Rolle weitgehend in Sprachen spielt, die er selbst nicht spricht. Letztlich geht die ganze überraschende Emotionalität von ihm aus, seiner Vermittlung von gebrochener Identität. So ist es am Ende seine Selbstfindungsgeschichte, die auch diesem Drama eine neue Wendung geben wird. Doch die muss man sich außerhalb der Filmzeit vorstellen.

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