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Hochentzündliche Nitrokopien im Bundesfilmarchiv in Hoppegarten bei Berlin: unter ihnen auch die als sehr problematisch eingestuften Propagandafilme des Dritten Reichs.

"Verbotene Filme", Arte

Der Giftschrank der Nation

Felix Moellers Dokumentation über den Umgang mit den rund 40 noch verbotenen Filmproduktionen aus der Nazizeit schafft Erstaunliches: einen klugen Denkanstoß zu einem komplizierten Thema, ohne Ausflüchte oder einfache Antworten. 

Von D.J. Frederiksson

Kaum ein anderer kennt sich in der (Film-)Geschichte der Nazizeit so gut aus wie Felix Moeller. Der Historiker fungierte nicht nur als Berater – und manchmal auch Nebendarsteller – bei den deutsch-historischen Filmen von Margarethe von Trotta. Er gab auch selbst Publikationen zu Riefenstahl und Goebbels heraus und drehte preisgekrönte Dokumentarfilme über historisch kontroverse Filmemacher wie Veit Harlan und die Verhoeven-Familie. Seine jüngste Dokumentation „Verbotene Filme“ über den Umgang mit dem Nazi-Filmschaffen wäre in weniger sicheren Händen sicherlich schrill und absurd geraten. Aber unter Moellers Ägide fällt der souveräne und erfahrene Umgang mit diesem komplizierten Thema sehr positiv auf.

Es ist ein wenig schade, dass der ursprünglich 90 Minuten lange Dokumentarfilm für seine Fernsehausstrahlung auf 50 Minuten reduziert wurde. Doch während durchaus reizvolle Themen wie die NS-Unterhaltungsfilme der Schere zum Opfer gefallen sind, bleibt eine hochgradig präzise, konzentrierte Doku übrig, die sich um eine Kernfrage dreht: Was tun mit den propagandistischen Altlasten?

Von den 1.200 Produktionen während der Nazi-Zeit wurden nach dem Krieg 300 verboten, heute stehen noch knapp 40 Filme auf der „Vorbehaltsliste“. Moeller lässt Historiker, Filmwissenschaftler, Jugendschützer und Filmkreative gleichermaßen zu Wort kommen, und entsprechend bunt fällt das Meinungsbild aus: Ist das de-facto-Aufführungsverbot angesichts der verstaubt wirkenden Propagandastreifen noch zeitgemäß – und in Zeiten von YouTube überhaupt noch sinnvoll? Geht es tatsächlich um Jugendschutz oder um eine rein politische Abgrenzungsgeste, mit der man eine negative Schlagzeile vermeiden will?

Auf diese Fragen liefert der Film Antworten – und zwar ebenso viele wie vielfältige. Idealerweise läuft eine Argumentationsstruktur dann so ab: Filmkreative halten den vorgeschobenen Jugendschutz für eine hohle Phrase, weil sich doch heute kein Jugendlicher mehr von solch altbackenen Kriegsschinken beeinflussen lässt. Anschließend berichten Aussteiger aus der rechten Szene, dass manche Motive (wie die Auflehnung gegen Eltern) durchaus bei der Rekrutierung eingesetzt werden. Kaum hat man diesen Schwenk verdaut, fügen sie hinzu: „Natürlich ist aber das Verbot der vielleicht größte Reiz daran für Jugendliche.“ Und dann erscheint noch ein Professor, der resümiert, dass ein Jugendlicher, der sich von „Jud Süß“ zum Antisemitismus konvertieren lässt, sicherlich an anderer Stelle entscheidender beeinflusst wurde als durch einen 70 Jahre alten Schwarzweißfilm. Argument, Gegenargument und Gegengegenargument, bis man gezwungen ist, die beiden Seiten selbst abzuwägen – so sorgfältig und ambivalent sollte das viel häufiger ablaufen im Dokumentarfilm.

Immer wenn man denkt, eine klug formulierte Expertenmeinung wäre der Weisheit letzter Schluss, öffnet der Film überraschende neue Blickwinkel: Macht ein Verbot in Frankreich vielleicht mehr Sinn als in Deutschland? Und sind Propagandafilme über die vermeintliche jüdische Finanz- und Weltverschwörung wie „Die Rothschilds“ angesichts der undurchdringlichen Wirrungen des globalisierten Kapitalmarktes heute nicht sogar noch gefährlicher als damals? Und was ist mit „Ich klage an“? Der Film könnte auch ein Rührstück in der aktuellen Sterbehilfe-Debatte sein, würde sein nationalsozialistischen Entstehungskontext ihn nicht als Rechtfertigung vom Massenmord an geistig behinderten Menschen entlarven. Auch hier: Keine Gewissheit, nirgends.

Moeller gelingt das Kunststück, eine ganze Reihe schwieriger politischer, historischer und gesellschaftlicher Fragen aufzuwerfen, ohne sich mit allzu leichten Antworten aus der Affäre zu ziehen. Vielmehr besinnt er sich mit diesem auch inszenatorisch angenehm unaufgeregten Film auf seine eigentliche Aufgabe: Er liefert einen Denkanstoß, unterfüttert mit wichtigen Informationen, unbequemen Argumenten und zu diskutierenden Beispielen. Die Diskutanten sind allesamt ernsthafte und ernstzunehmende Stimmen, und wenn sie sich teils diametral widersprechen, dann ist das keineswegs ein Zeichen der Unsicherheit des Filmemachers (der sich letztlich durchaus zu einem vorsichtigen Fazit durchringt), sondern nur die Anerkennung der Komplexität eines faszinierenden Themas.

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