Frank Plasberg ist der Moderator der Talkshow "Hart aber fair" in der ARD.
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Frank Plasberg ist der Moderator der Talkshow "Hart aber fair" in der ARD.

TV Kritik "Plasberg"

Gierig

  • vonVolker Schmidt
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Frank Plasberg will über die Gier in der Theorie reden, aber bremst ab, wenn es um die Praxis geht, ums echte Leben. Denn alle sind gierig. Auch Plasberg. Nach Quote. Von Volker Schmidt

Arme Jutta Ditfurth. Es ist schon ein hartes Schicksal, in einer Talkrunde über die Gier neben einem Hans-Olaf Henkel zu sitzen, der die Banken als Opfer der Finanzkrise verkaufen und Josef Ackermann einen guten Mann sein lassen will. Das geradezu körperliche Unbehagen ist Ditfurth anzusehen.

Armer Frank Plasberg. Der Moderator würde das Gespräch gern schön auf der abstrakten Ebene halten: "Wir machen hier keine Sendung über die Bewältigung der Finanzkrise." Er will über die Gier in der Theorie reden und bremst immer dann ab, wenns ums die Praxis geht, ums echte Leben.

Der arme Zahnarzt von Hans-Olaf Henkel. Dem ehemaligen BDI-Präsidenten ist in den Jahren der Verteidigung der profitorientierten Marktwirtschaft die Physiognomie so eingekrampft, dass die vermutlich edelstählerne Kinnlade nur noch wenige Millimeter Spielraum lässt. Durch die presst der Industriekapitän seine tiefsitzende Kränkung darüber, dass alle immer der Wirtschaft an allem die Schuld geben. Nachts muss er wohl eine güldene Knirscherschiene auf die Beißerchen setzen, so wurmt ihn die Undankbarkeit der Deutschen.

Armer Harald Krassnitzer. Eben noch, direkt vor der Talkshow, war der besser als Wiener Tatort-Kommissar Moritz Eisner bekannte Schauspieler im ersten Teil des Fernsehfilms "Gier" zu sehen, jetzt würde er gern über Regeln reden, mit denen die Gier gebremst werden kann, um dem Kapitalismus Zügel anzulegen. Er selbst, sagt der bekennende Unterstützer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, lege sein Geld so an, dass die Rendite in etwa dem Wirtschaftswachstum entspreche, was darüber sei, das sei von Übel, weil es jemandem weggenommen wird. Er darf seine Bank beim Namen nennen, es ist in der Tat eine ethisch und ökologisch orientierte. Na also, geht doch.

Einstweilige Verfügungen

Armer Dieter Wedel. Der Regisseur von "Gier" hat in der Finanzkrise eine ganze Menge Geld verloren. Die Schuld gibt er einem Anlageberater und einer Schweizer Bank, die er namentlich nennt, die aus seiner Sicht die Kohle unter sich aufgeteilt haben. Umgehend verliest Plasberg einstweilige Verfügungen vor. Eine der Bank, die dem Berater die Schuld gibt und eine des Beraters, der Wedel einen notorischen Lügner nennt.

Armer Jürgen Schneider. Der nette ältere Herr, weißhaarig, Goldrandbrille, lebte einst in einem Schloss in Königstein und muss sich heute als Bauberater und mit dem elterlichen Erbe durchschlagen. Der Immobilienbetrüger sagt immer noch, dass die Banken genau wussten, worauf sie sich einließen, dass sie sein Spiel mitspielten. Plasberg ist hoch anzurechnen, dass er per Einspieler auch Schneiders wahre Opfer zu Wort kommen lässt, Handwerker, die auf Rechnungen sitzen blieben und knapp an der Pleite vorbeischrammten.

Armer Matthias Sutter. Der Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Uni Innsbruck könnte so viele kluge Dinge sagen, würde er nicht in dieses saublöde Talk-Format gesteckt, bei dem zwischen viel zu vielen Gästen viel zu oft gewechselt wird, damit sie auch bloß keinen Gedanken zu Ende führen oder gar auf die anderen Gäste eingehen können. Wer diktiert eigentlich, dass das von Maischberger über Plasberg bis Will alle so machen müssen?

Sutter unternimmt Versuche mit Geld. Etwa den: Team A bekommt 60 Euro (echte übrigens). Team B auch. Aber Team A darf Team B etwas wegnehmen. Dann entscheidet Team B, ob es einverstanden ist oder lieber komplett verzichtet - dann bekommt auch Team A nur die 60 eigenen Euro und keinen Anteil von B. Fast nie, sagt Sutter, kommt A auf die Idee, nichts von B zu nehmen - dabei wäre das doch die fairste Lösung, bei der alle gleich viel hätten.

Die sexuelle Gier

Das Experiment ist nicht ganz neu, und in einer etwas ausgeruhteren, klügeren Sendung hätte vielleicht auch jemand die in der Wissenschaft schon geäußerte Kritik daran angebracht, dass allein der Versuchsaufbau, die Aufforderung an A in einer Laborsituation, über das Wegnehmen zu entscheiden, den Ausgang stark beeinflusst. Wenn man ausdrücklich entscheiden soll, wie viel man nimmt, liegt der Gedanke, einfach nichts zu nehmen, nicht mehr so nah. Aber in einer klügeren Sendung wäre zum Thema Gier ja neben ausgewiesenen Praktikern wie Schneider und Henkel vielleicht auch ein Psychologe zu Gast gewesen.

Oder ein Theologe? "Gier war schon lange vor dem Kapitalismus eine Todsünde", sagt Wedel. "Gier ist dem Kapitalismus immanent", sagt Ditfurth, Gründerin der linken Grünen-Abspaltung Ökolinx. "Gier ist ein Laster, das muss man bekämpfen", sagt Henkel - aber manchmal halt auch gut, als Triebkraft: "Sie, Herr Plasberg, sind ja auch gierig nach Quote", blafft er. Sich erstmal über die Definitionen der Begriffe zu einigen, die man diskutieren will, ist wohl Akademiker-Schnickschnack. Also kamen Habgier, Neugier und Wissbegier gleich auch noch vor.

Und die sexuelle Gier, die, so Ditfurth, "einen Riesenspaß machen kann". Plasberg zitiert Frauengeschichten aus Wedels neuer Autobiographie. Wedel: "Von 600 Seiten beschäftigen sich 550 mit dem Fernsehen, wie es sich verändert hat, großen Schauspielern, wie man an Stoffe herangeht..." Henkel: "Und wegen der anderen 50 Seiten wird es gekauft." Wedel also hatte angeblich eine ganze Menge Frauen; ein gutes Anti-Schuppen-Shampoo hat ihm keine davon empfohlen.

Henkels eigenes jüngstes Werk, "Die Abwracker - wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen", steht auf Platz sechs der Spiegel-Bestseller-Liste, obwohl die Sexgeschichten darin keine allzu große Rolle spielen. Nach der Sendung, hofft Henkel, könnte es auf Platz 5 rücken. Es steht zu befürchten.

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