Jetzt als mahnender Aphoristiker in der bösen Geschäftswelt unterwegs: Michael Douglas.
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Jetzt als mahnender Aphoristiker in der bösen Geschäftswelt unterwegs: Michael Douglas.

Wall Street II

Die Gier ist zu gierig geworden

  • vonMichael Kohler
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Oliver Stone geht der Krise nicht ganz auf den Grund: Seinen Film „Wall Street – Geld schläft nicht“ hatte er nach dem Zusammenbruch des Lehman-Brother-Bankhauses vollmundig angekündigt. Doch Gekko erweist sich als kleiner Fisch. Was bleibt, ist am Ende das Familiendrama.

Oliver Stone geht der Krise nicht ganz auf den Grund: Seinen Film „Wall Street – Geld schläft nicht“ hatte er nach dem Zusammenbruch des Lehman-Brother-Bankhauses vollmundig angekündigt. Doch Gekko erweist sich als kleiner Fisch. Was bleibt, ist am Ende das Familiendrama.

In der römischen Mythologie steht Saturn, der Gott des Ackerbaus, für zwei Dinge, die im Grunde nicht zusammengehen: für das Goldene Zeitalter und für den grausamen Mord an seinen Kindern. Denn um die Herrschaft zu erlangen, überwältigte und kastrierte er den eigenen Vater, später fraß er aus Furcht, ihm könnte ein ähnliches Schicksal blühen, fünf seiner sechs Nachkommen gleich nach der Geburt.

Lediglich Bretton James, Chef einer mächtigen Investmentbank, sieht hier keinen Widerspruch. In seiner Perspektive passen die beiden Seiten Saturns perfekt zusammen: Im Ringen um Milliardenprofite ist jedes Mittel erlaubt, und das Goldene Zeitalter folgt mehr oder weniger von allein.

Bretton James ist in „Wall Street – Geld schläft nicht“ das, was Gordon Gekko vor über zwanzig Jahren in „Wall Street“ war: das wandelnde Sinnbild für die Moral der Finanzwirtschaft. Doch während sich Gekko nach seiner Haftstrafe zum mahnenden Aphoristiker gewandelt hat („Die Gier ist zu gierig geworden“), fühlt sich James auf dem Gipfel seiner Macht. Gerade hat er einen bankrotten Konkurrenten geschluckt und führt dem aufstrebenden Finanzanalytiker Jake Moore seine sündhaft teure Kunstsammlung vor. Besonders stolz ist er auf ein Gemälde von Francisco de Goya: Da beißt Saturn herzhaft ins eigene Fleisch und Blut; natürlich soll das dem geschäftlichen Ziehsohn eine Warnung sein.

Gewarnt war auch Oliver Stone. Er hatte nach dem Zusammenbruch des Lehman Brothers-Bankhauses vollmundig angekündigt, die Zeit sei reif für die Rückkehr von Gordon Gekko. In den 80er Jahren ging der von Michael Douglas gespielte Mr. Boombastic problemlos als Hecht im Karpfenteich durch. Aus heutiger Sicht erscheint der mit seinem Darsteller gealterte Gekko aber eher als kleiner Fisch. Angesichts eines Monstrums wie der Finanzkrise kann man als Regisseur eigentlich nur demütig verzweifeln – oder den Notausgang mit der Aufschrift „Grandios gescheitert“ nehmen. Wer schon mal einen Oliver Stone-Film gesehen hat, weiß, dass ersteres für ihn nicht in Frage kommt. Aber auch für letzteres hat es dieses Mal nicht ganz gereicht.

Erkenntnis- und kalorienarme Käsehäppchen

Es geht Stone um nichts Geringeres als das menschliche Machtstreben, die Psychologie des Geldes und die größte Finanzkrise der Geschichte. Um all das in die erzählerische Form eines 134-minütigen Spielfilms zu zwingen, wären die archaischen Tiefen der Mythologie sicher keine schlechten Vorbilder gewesen. Und tatsächlich zieht Saturn stellenweise recht eindrucksvolle Kreise. Insgesamt setzt Stone aber vor allem auf die historische Rekonstruktion – ein Konzept, dass schon in seinem George „W“ Bush-Film eher leidlich funktionierte und sich hier in der Kürze der Erzählzeit gänzlich ad absurdum führt. Da dürfen wir für wenige Minuten Mäuschen in getäfelten Hinterzimmern spielen und werden mit erkenntnis- und kalorienarmen Käsehäppchen abgespeist. Ständig tickern ökonomische Worthülsen durchs Dialogbuch und auf dem Höhepunkt der inszenatorischen Verlegenheit legen sich fallende Kurse über die Silhouette von New York.

Sichtlich wohler fühlt sich Stone beim Kern seines Films, dem Familiendrama, und hier schließt er auch am überzeugendsten an „Wall Street“ an. In den 80ern stellte Stone seinen verführbaren jungen Helden zwischen zwei Vaterfiguren. Nun sind es gleich drei, wobei sich der „gute“ Vater, ein Bankier alten Schlages, ziemlich früh vor eine U-Bahn wirft. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise kann Jake Moore nur noch zwischen Gekko und Cholera wählen, wobei Gekko den Vorteil hat, dass er der Vater von Jakes Verlobter und außerdem ein vergleichsweise armer Schlucker ist.

Im Finale dieses multimilliardenschweren Zahlenspiels wird dann ausgerechnet die Ultraschallaufnahme eines ungeborenen Kindes zum Zünglein an der Waage. Es ist eine verblüffend schlichte und irgendwie auch rührende Schlusswendung, die Stones Erklärung der Finanzkrise, die menschliche Natur sei an allem schuld, erstaunlich offen widerspricht.

Wall Street - Geld schläft nicht, Regie: Oliver Stone, USA 2010, 110 Minuten.

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