+
Der Traurigste von allen: Lorenz, Roeland Wiesnekker, im Gespräch mit seiner Schwester, Annette Paulmann.

Tatort "Weiter, immer weiter"

Er gibt sich doch so viel Mühe

  • schließen

Traurig und überfordert wirken die Männer im Kölner Tatort "Weiter, immer weiter". Im Zentrum steht ein Streifenpolizist.

Ein Kölner WDR-Tatort über traurige Männer, die nicht gut zurechtkommen, egal in welchem Alter sie sind. Im Zentrum steht ein Streifenpolizist namens Lorenz, eine perfekte Rolle für Roeland Wiesnekker, der sie voll ausschöpft, von der Kamera geliebt dafür. Lorenz ist ein ausgelaugter, überengagierter Beamter, pflichtbewusst, eigentlich ganz freundlich, offen und empfindsam, aber auch etwas ruppig und abrupt und insgesamt an der Schwelle zu man-weiß-nicht-was. Stress im Beruf, wer das kennt, staunt gar nicht so lang. Lorenz reißt sich doch zusammen und gibt sich Mühe. Sich zusammenzureißen und Mühe zu geben, ist nicht immer das Richtige (da erschrecken nachher die Fleißigen). 

Etwas Furchtbares ist gleich am Anfang passiert. Bei einer Verkehrskontrolle ist Lorenz und seiner stillen Kollegin, Laina Schwarz, ein junger Mann entsprungen und von einer Stadtbahn erfasst worden. Lorenz hat einen Wagen gesehen, der dem Auto des jungen Mannes hinterherjagte, an uns ist doch auch etwas vorbeigehuscht, eine Verfolgungsjagd, vermutet Lorenz.

Obwohl auf dem entsprechenden Mitschnitt der Verkehrsüberwachung kein zweites Auto zu sehen ist – aber für das alles muss es doch eine Erklärung geben, Lorenz grübelt und geht die Gegend ab –, brauchen die beiden Kölner Ermittler Schenk und Ballauf dank seiner Hinweise nicht sieben Stunden, um in ein windiges Kölner Milieu zu geraten. Einerseits der Bruder des Toten, auch er auf Drogen.

Andererseits der missratene Sohn einer russischen Fischhändlerin. Vincent Redetzki und Vladimir Burlakov spielen handverlesene Exemplare der Verblödung, aber „Weiter, immer weiter“ ist nicht in humoristischer Stimmung. 

Scheu, Dinge offen anzusprechen

Traurige, überforderte Männer, wohin man schaut, und dann auch noch der immer gerne als ansehnlicher Schurke mit weißem Kragen gebuchte Jevgenij Sitochin. Gleichwohl bleiben Schenk und Ballauf, Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, am Schwimmen und Hadern. Sämtliche Beweislagen sind dünn, Lorenz’ Übereifer geht Ballauf auf die Nerven, und dass Lorenz und Schenk („Schenki“) sich von früher kennen, macht es schwieriger.

Es tut dem Kölner Team dabei sehr gut, nicht nur in Würde älter zu werden, sondern manchmal einfach unsympathisch zu sein, alte Langeweiler, Routiniers und Spielverderber, die ihren erneut grandios aus dem Büroleben gegriffenen Jütte, Roland Riebeling, beiläufig anschnauzen. Keine Imbissbude, auch kein sonstiger Trost weit und breit. 

Zwischendurch sieht man Lorenz und Schenki in einer Bar sitzen, das ist nun todtraurig. Traurige Männer, eingeschränkt durch Loyalitäten, Kumpelschaften, die Scheu, Dinge offen anzusprechen (das kommt der Rezensentin im Augenblick äußerst bekannt vor), und das Drehbuch. Man muss mal sagen, dass das der typische Fall ist, in dem sich das Publikum seinen Teil denken wird, aber von den beiden Autoren Jan Martin Scharf und Arne Nolting sowie von Regisseur Sebastian Ko auch an der Nase herumgeführt wird.

Dazwischen Lorenz’ ein wenig betrübliches Zuhause bei der allerdings anscheinend vernünftigen und verlässlichen Schwester, Annette Paulmann, neue Rätsel und etwas Action. Teils in schönem Kontrast, wenn Wiesnekker, eher der in sich ruhende, bedächtige Typ, sich in eine laufende Waschanlage rettet. Teils etwas routiniert, so im länglichen Schlussschlenker. Während man selbst schon mit der geistigen Nachbereitung befasst ist. Sie wird zu Streit führen und unter anderem zur „Roten Lola“. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion