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Maybrit Illner (Symbolbild).

"Maybrit Illner", ZDF

"Es gibt keinen Konsens-Kandidaten in der CDU"

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"Tag der Entscheidung - wer kommt nach Merkel?" fragte Maybrit Illner, und ihre Gäste arbeiteten sich vor allem an Friedrich Merz ab.

Im ZDF heute journal vor der Talkshow von Maybrit Illner zum Thema "Tag der Entscheidung - wer kommt nach Merkel?" wurde schon einmal ein Schaulaufen der Kandidaten inszeniert, samt Expertenmeinung vom quasi hauseigenen Politikprofessor Karl Rudolf Korte, der von den „letzten belebenden Wochen“ der CDU sprach. Und die bei Illner dann aus Hamburg zugeschaltete stellvertretende CDU-Vorsitzende Ursula von der Leyen  kriegte sich gar nicht wieder ein in ihrer Begeisterung über die „enorme Aufbruchsstimmung“ und das „Feuerwerk an Ideen“ während der Kandidatenvorstellung bei den Regionalkonferenzen.

Die Verteidigungsministerin gab sich so froh über die „ausgesprochen spannende Wahl“, dass sie sich die Laune auch von Wolfgang Schäuble nicht vermiesen lassen wollte. Denn der Bundestagspräsident hatte sich kurz zuvor aus der (ohnehin kaum noch vorhandenen) Deckung gewagt und sich öffentlich für Friedrich Merz stark gemacht. „Verblüfft“ habe sie das, so von der Leyen recht diplomatisch. Man habe sich ja im Vorstand geeinigt, kein Votum abzugeben. Aber ihr Kriterium, geeignet sei, wem es gelinge, die unterschiedlichen Flügel zu integrieren, wirkte dann ebenso diplomatisch als Parteinahme für Annegret Kramp-Karrenbauer.

Keine Frage: Der CDU ist mit dem Prozedere der Kür für eine(n) neue(n) Parteivorsitzende(n) ein veritabler PR-Coup gelungen. Sie hat die Medien beschäftigt, es wird über Personen nun mit ihren Positionen gesprochen, und der Wettstreit um den Vorsitz ging ohne größere Verletzungen ab, so dass von der Leyen gleich vom „Stolz auf die Fairness“ schwärmte.

Es geht um Friedrich Merz

Bei Illner drehte sich die Debatte vor allem um Friedrich Merz, der die größte mediale Aufmerksamkeit ergattert hatte. Politologe Albrecht von Lucke fragte, ob es klug sei, nach rechts zu polarisieren statt zu verhindern, dass die Mitte „freigeräumt“ würde. Bundestags-Vizepräsident Thomas Oppermann (SPD) formulierte fußballfachmännisch, Merz würde „über die Flügel angreifen und die „Breite des Spielfelds nutzen“, indem er als Parteichef tagespolitische Themen aufgreifen und zuspitzen – und damit ein Problem für eine Kanzlerin Angela Merkel schaffen würde.

Jana Hensel, Autorin für Die Zeit, kritisierte, die Kandidaten hätte allesamt „in die Partei, aber nicht ins Land hinein“ gesprochen. Merz richte sich ausschließlich an die rechte Mitte. „Es gibt keinen Konsens-Kandidaten in der CDU.“ Oppermann hätte einen Mitgliederentscheidung begrüßt, was Franz Josef Jung (CDU), ehemals glückloser Verteidigungsminister, den Seufzer „um Gottes Willen“ entlockte: Jung gab sich als Gefolgsmann Merz’ zu erkennen und erwähnte, dass vor allem über 50-Jährige für den alerten Anwalt Sympathien hätten. Damit bestätigte er unfreiwillig das Verdikt Albrecht von Luckes. Der  Politologe, wegen seiner Lebendigkeit und flotten Formulierungen gern gesehener Gast in Talkshows, sagte, im Prinzip gehe es um den „Versuch der alten Männerriege, Angela Merkel zum Unfall der Geschichte zu machen“.

Von Lucke nannte den Blackrock-Aufsichtsrat einen „Ankündigungstheoretiker“, der mit dem Gestus der Verheißung auftrete. Das spreche Leute an. Aber wenn Merz obsiege, gebe es das Paar Merz und Söder, und ob das die Frauen attraktiv fänden? Merz habe keine soziale Seite erkennen lassen. Sein „Pakt für Fairness“ ebenso wie sein Vorschlag, die Renten mit Aktien aufzustocken, zeugten von „maximaler Entfernung“ von der Realität. Dagegen wollte Jung sogar die von Oppermann so genannte „Schnapsidee“ mit dem Aktienerwerb verteidigen: Es sei doch zu diskutieren, ob man nicht die Vermögensbildung „weiter vorantreiben“ sollte – und das angesichts der im Einspieler wiederholten Statistik, dass sich 40 Prozent der Deutschen nicht einmal etwas Erspartes zurücklegen können.

Diana Kinnert, Mitglied der Reformkommission „Meine CDU 2017“, war nicht weit weg von Lucke, als sie sagte, der Katholizismus komme nun in der CDU wieder, und was Merz biete, seien „inszenierte Sicherheitsbilder“. Er eigne sich als Projektionsfigur, weil er keine Ämter bekleidet hatte in den letzten Jahren.  Merkel aber sei zeitgemäß gewesen „für die moderne Welt“. Jana Hensel monierte vor allem, dass die Kandidaten kein Angebot für den Osten gemacht hätten, während dort doch Landtagswahlen anstünden und die CDU in Versuchung geriete, mit der AfD zu koalieren.

Was das Thema Migration aufs Tapet brachte, bei dem sich alle drei Kandidaten als Hardliner präsentierten. Was Jana Hensel so deutete: Alle wehrten sich auch, Merkels Erbe anzutreten.  Sie sehe keine Strategie in der Partei, dem Problem mit der AfD und dem Frust der Ostdeutschen zu begegnen. Diana Kinnert fand es nicht richtig „verbarrikadierende Lösungen zu suchen.“

Im Moment feiere man noch Demokratie und Pluralismus, so Jana Hensel, aber das Problem der CDU beginne am Montag. Ähnlich skeptisch gab sich Diana Kinnert, die immerhin ein Buch mit dem Titel „Für die Zukunft seh' ich schwarz – Plädoyer für einen modernen Konservatismus“ verfasst  hatte. Hier aber gab sie in letzter Sekunde noch ein Bonmot zum Besten, das fast untergegangen wäre im Finale: Weil es einen Mangel an gesellschaftlicher Liberalität bei ihrer Partei gebe, sah die junge Frau einen besseren Kanzlerkandidaten in – Robert Habeck, Chef der Grünen.

Wenn aber die Kandidatenkür am Freitag der Dramaturgie eines Bühnenstücks folgen sollte, dann kommt womöglich das Theorem Friedrich Dürenmatts zum Tragen, der dazu neigte, seine Geschichten mit dem schlimmstmöglichen Schluss enden zu lassen.

Und dann wird es Merz.

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