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Hätte sich Maggie (Greta Gerwig) nur nicht Knall auf Fall in John (Ethan Hawke) verliebt.
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Hätte sich Maggie (Greta Gerwig) nur nicht Knall auf Fall in John (Ethan Hawke) verliebt.

„Maggies Plan“

Es gibt immer noch Plan B

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mit der Komödien-Regisseurin Rebecca Miller hat Woody Allen schon wieder Konkurrenz bekommen: Die hinreißende Komödie „Maggies Plan“.

Nicht nur in Deutschland, wo Maren Ade mit „Toni Erdmann“ gerade so etwas wie der erste Intellektuellen-Sommer-Blockbuster gelungen ist, auch in den USA werden die klügsten Komödien derzeit von Frauen gedreht.

Greta Gerwig würde hier vielleicht widersprechen. Immerhin ist ihr Lebensgefährte Filmemacher Noah Baumbach, der sie zuletzt in „Mistress America“ strahlen ließ. Anderseits ist Gerwig selbst als Mitautorin seiner jüngsten Filme für Baumbachs Comeback mitverantwortlich. Und begegnet man dieser wunderbaren Schauspielerin nun in Rebecca Millers New Yorker Komödie „Maggies Plan“ wieder, ist die Konkurrenz um Woody Allens legitime Nachfolge wieder völlig offen.

Spielerisches Feingefühl und intellektuelle Schärfe wurden jedenfalls selten so fein austariert. Wie bei einem Kartenhaus, das keinen Windhauch fürchtet, stapelt Miller kluge Dialoge und leichthändig ausgespielte Szenen aufeinander. Der sichere Boden ist dabei freilich eine uralte Komödienformel, die sogenannte „comedy of remarriage“.

Es gibt sie wie Sand am Meer, diese Hollywood-Romanzen um Paare, die Versuchungen erliegen, sich trennen und später wieder finden. Hollywoods nicht ganz lupenreiner Moral-Codex hat sie schon in der Stummfilmzeit hervorgebracht. Doch je weiter sich Millers Erzählung in die Höhe schraubt, desto weiter entfernt sie sich zum Glück von den vorhersehbaren Genremustern.

Die praktisch veranlagte Maggie (Greta Gerwig) hat für alles einen Plan. Beruflich hilft sie Kunststudenten dabei, in der Geschäftswelt Fuß zu fassen. Und im Privatleben scheint es ihr eine gute Idee, ihren Kinderwunsch von naturgemäß wackligen Beziehungsdingen abzukoppeln.

So bittet sie lieber einen intelligenten und durchaus hübschen Verehrer um eine Samenspende als ins Bett. Kurz darauf verliebt sie sich freilich Knall auf Fall in den deutlich älteren Intellektuellen und Möchtegern-Schriftsteller John (Ethan Hawke spielt hier seine Rolle aus Richard Linklaters „Before Sunrise“-Fortsetzungen ein Stück weiter).

Der hat mit seiner Frau und Ernährerin Georgette, die augenscheinlich bestens zu ihm passt, zwei Kinder. Julianne Moore spielt diese Professorin im gemeinsamen Metier, der Anthropologie, mit der überschäumenden Brillanz einer Katharine Hepburn. Doch wie so vielen Vertretern des männlichen Geschlechts ist John weibliche intellektuelle Überlegenheit nicht ganz geheuer. Und so folgt der Midlife-Frustrierte gern den Verlockungen, die ihm die attraktive Maggie bereitet. Ein Schnitt zeigt den smarten Pascha drei Jahre später im gemachten Bett, noch immer bei der Arbeit an seinem voluminösen Schlüsselroman. Maggie, die sich um alles kümmert, ist darin in der wenig schmeichelhaften Nebenrolle einer nicht ganz hellen Freundin verewigt. In Wirklichkeit hat sie nun einen anderen Plan. Sie möchte John mit seiner Ex verkuppeln, ohne dass er es mitbekommt.

Früh im Film gibt es eine Szene, die John und Georgette bei ihrer intellektuellen Arbeit zeigen. Bei einer Podiumsdiskussion geht es um die interessante Frage, warum sich die Occupy-Bewegung die Guy-Fawkes-Maske aus Comic und Film „V wie Vendetta“ zu eigen gemacht hat. Die postmoderne Schule, die beide in der Anthropologie vertreten, klingt etwas speziell, doch es gibt sie wirklich; an New Yorks Columbia-Universität heißt sie „Fictocriticism“. „In diesem Land stammen die meisten totemistischen Symbole nun einmal aus Film und Fernsehen“, wirft John ein, „also liegt es nahe, dass eine radikale Bewegung sie für sich ummünzt.“ Georgette lässt das nicht gelten: „Trotzdem ist die Occupy-Bewegung selbst Teil des kapitalistischen Narrativs als eine Art Subplot“. Nun wird John emotional und nennt ihre These „zynisch“, eine Kritik, die für Georgette nur seine Weltfremdheit bloßlegt.

Drei Sätze reichen Rebecca Miller, um in eine sehr komplexe Wissenschaft hineinzuleuchten und zugleich die populäre Kritik daran zu repräsentieren. Wurde nicht auch den führenden Vertretern des Poststrukturalismus, Derrida und Baudrillard, vor zwei Jahrzehnten Zynismus vorgeworfen in ihrem Blick auf jenes Konstrukt, das bis dahin als Realität bekannt war?

In weniger als einer Filmminute wird nicht nur die spezifische Sprache dieses akademischen Diskurses abgebildet. Rebecca Miller macht auch Johns Sehnsucht spürbar, aus den Rastern dieser Theorie auszubrechen. Erst spät wird er bemerken, dass hier freilich seine eigentliche Begabung liegt und ihm für Kunst und Leben wohl weniger Talent beschert ist. Tatsächlich ist die warmherzige Maggie die radikalste Wirklichkeits-Verächterin in der Geschichte, wenn sie ihr Leben bis ins Detail verplanen möchte.

Man kennt solche Charaktere aus Woody Allens Filmen: Ihre Tragik besteht darin, dass sie sich Konzepten unterwerfen, alles richtig machen wollen – und natürlich dafür vom Leben in all seiner Unvorhersehbarkeit bestraft werden. Doch anders als Allen, der dabei selten Gefangene macht, nimmt Miller nicht gleich das ganze Milieu aufs Korn. Beim Schreiben des exzellenten Drehbuchs entlehnte sie Teile von Georgettes Dialog Texten der Kulturkritikerin Barbara Browning. Freundliche Erwähnung findet auch der Philosoph Slavoj ?i?ek.

Dennoch darf man nicht denken, Millers Film erwarte ein Publikum von Feuilleton-Lesern. Ähnlich wie Maren Ade in „Toni Erdmann“ schließt sie niemanden aus. Ein paar pointierte – und meist extrem witzige – Dialoge reichen vollkommen aus, beiläufig in gesellschaftskritische Diskurse einzutauchen. Hier ist das zentrale Thema die Selbstverortung innerhalb einer Gesellschaft, die sich und ihre Rollenbilder ständig selbst in Frage stellt.

Maggies Plan. USA 2015. Regie: Rebecca Miller. 98 Min.

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